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Das Ende der Großen Ideen

01/09/2015 17:43 CEST | Aktualisiert 01/09/2016 11:12 CEST
Thinkstock

Tragischerweise werden politische Gedanken nach einer kurzen Schonzeit des Innovativ-Seins stets gründlich schubladisiert, so dass sich jeder das Argument der Gegenseite anhören und weise lächelnd abwinken kann: „Ach, du bist doch auch nur so ein [- hier Begriff einfügen -]".

Die Denkkategorie kann schon durch bestimmte Schlagworte entlarvt werden: Andere oder anderes beispielsweise als Nanny-State, Tugend-Satan, Wohlmeinender und Gutmensch zu bezeichnen, weist ganz klar auf eine feuilletonistische (bzw. Facebook-kommentatorische) Denkschule hin, welche für die Freiheit im liberalen oder libertären Sinne einsteht, oftmals mit dem fuchsigen Ziel, nicht politisch korrekt sein zu müssen, weshalb die Vertreter jener Idee doch eigentlich direkt bei Politically Incorrect veröffentlichen könnten.

Dann würden sie sich perfekt in die lange Reihe der anderen "Angry White Men" einfügen, die bereits in dieser Schublade stecken.

Doch wer in derart bösen Zungen über die Freiheitsliebenden urteilt, der ist im Zweifel auch nichts anderes als einer der oben genannten Wohlmeinenden, zu denen beim Rundumschlag gelegentlich auch Feministinnen (eigentlich Alice Schwarzers auf Neu) gezählt werden.

Wer letztere wiederum als besonders störend empfindet, liebäugelt sicherlich mit rechtspopulistischen Traditionalisten - oder zumindest den cleveren Edelfedern unter ihnen. Außerdem scheinen sie ja auch die Männlichkeit bedroht zu sehen und müssen sich daher das Etikett Maskulinisten gefallen lassen.

Rechtspopulisten, besorgte Bürger, Wohlmeinende und A...

Eine besonders unbeliebte Untergruppierung der Rechtspopulisten(-Anhänger) sind wiederum die besorgten Bürger, die sich von den Wohlmeinenden nichts sagen lassen wollen, auch nicht beim Thema Zuwanderung, weshalb sie oft als Asylkritiker beschrieben werden, was unter Wohlmeinenden wiederum als Synonym für A... gilt - obwohl in diesem Sinne auch Maskulinisten A... sind, nur noch viel abgehängter und außerdem geschichtlich überlebt.

Ein hartes Los für all jene, die eigentlich nur pro Asyl sind, Fairness für alle wollen und, nun ja, eben gute Menschen sein möchten - ein sehr nachvollziehbarer Wunsch. Genauso anstrengend ist es allerdings für jene, die nicht alles direkt befürworten wollen, was neu ist, nur weil es nett daherkommt und hipster aussieht.

Ach Herrjemine, es ist wahrhaftig nicht einfach, eine Meinung zu haben, diese zu artikulieren und ihr dann auch noch treu zu bleiben, wenn man immerzu schubladisiert und in unliebsame, oft sehr staubige Ecken gedrängt wird, wo man reines deutsches Bier mit PEGIDAFDen und Club Mate mit Ökologisten im Moralwellness-Bad schlürfen muss.

Wie sollen unter solchen Umständen große Ideen auf die Welt kommen?

Das Ganze ist beinahe bedauerlich, weil es alles so klein macht: Wie sollen denn unter solchen Umständen noch große Ideen auf die Welt kommen, ohne dass sie umgehend zur Persiflage ihrer Selbst degradiert werden? Doch vermutlich wollen wir diese großen Ideen auch gar nicht mehr, haben Angst vor ihnen, möchten lieber die Langeweile mit Yoga und YouPorn vertreiben.

Das ist in der Tat eine verständliche Reaktion nach all den Menschheitskatastrophen, welche auf große Männer mit ihren großen Ideen folgten.

Vielleicht genießen neuerdings Typen wie Putin, Erdogan und Baghdadi gerade aus diesem Grund so großen Zulauf, auch hier bei uns im aufgeklärten Zipfel Eurasiens: Weil irgendetwas an ihnen selbst oder an ihren Mythen „großartig" ist.

Nicht großartig im Sinne von gut oder schön, sondern einfach nur mächtig, historisch, episch, überwältigend und, ja, auch äußerst grausam - doch ernst nehmen muss man es, weil es sich nicht belächeln und in die Nichtigkeit weg schubladisieren lässt: Gewissermaßen eine Gegenbewegung zum postmodernen Kleinmachen.

Es ist eben schwierig, in einer Welt ohne Unantastbares und Heiliges zu leben, in der nur der Einzelne noch ernst genommen wird - und auch das nur von ihm selbst.


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