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Was hat der Brexit eigentlich mit Toilettenpapier und Jodeln zu tun?

28/06/2016 14:27 CEST | Aktualisiert 29/06/2017 11:12 CEST
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Und da ist er auch schon, der Moment, da wir uns fragen müssen, was der Brexit eigentlich mit Toilettenpapier und Jodeln zu tun hat:

Jüngst veranschaulichte die Entscheidung für den Brexit sehr eindrucksvoll, wie die Angst vor Einwanderern, der großen komplizierten Welt und die panische Frage nach der eigenen Identität sogar die coolen Briten zum Ausstieg aus dem Megaprojekt EU bewegen konnte.

Modernitätsskeptisches, identitäres Gedankengut gibt es eben überall und immer wieder - natürlich nicht nur in Großbritannien. Der massenhafte Drang, miteinander und der eigenen Kultur zu verschmelzen, um das Unheimliche in der Welt zu bezwingen, ist dunkel, tief und archaisch - sprich: nichts Neues.

Diese Regungen bringen erst einmal niemanden um. Falls uns die moderne, urban geprägte Gesellschaftsordnung am Herzen liegt, sollten wir jedoch sicherstellen, dass diese Regungen auf der Ebene bierseliger Unterhaltungen verweilen, wo sie nur bedingt Schaden anrichten können. Sobald sie politisch „in der Mitte" ankommen und wie in Großbritannien zu historischen Volksentscheiden führen, haben wir ein Problem.

Trump, Farage, Petry und Co.

Wenn sich Menschen als gefestigt erweisen und trotz großer Wanderungsbewegungen und globaler wirtschaftlicher Veränderungen ihr grundsätzliches zivilisatorisches Selbstvertrauen bewahren, werden die düsteren Ideen, die sich Trump, Farage, Petry und Co. nun zu Eigen gemacht haben zwar nicht verschwinden. Ihr Einfluss auf weitreichende politische Entscheidungen wird jedoch überschaubar bleiben.

Sollte dieses elementare Vertrauen in die eigene Zukunft indes erodieren, verschwimmen auch die Grenzen zwischen den wütenden Gedanken, die einem beispielsweise nach der letzten Silvesternacht gekommen sind, und den großen politischen Entscheidungen wie einem Referendum zum EU-Austritt, welche idealerweise auf Statistiken, Expertenmeinungen und politischem Pragmatismus gründen sollten.

Was verleiht archaischen Aufwallungen diese beeindruckende Dynamik?

Ist es der massenhaften Entwurzelung von Menschen in postmodernen, kosmopolitischen Großstädten, dem Verlust des Gottglaubens oder gar der westlichen Unfruchtbarkeit geschuldet? Fehlt uns ein kulturelles Gerüst, welches eine Brücke zwischen Ahnen, Gegenwartsmenschen und Nachgeborenen darstellt und Stetigkeit in einer unvorhersehbaren Welt bietet? Die Verunsicherung ist jedenfalls da und wird zunehmend spürbar. So kurz nach dem Brexit ist das klarer denn je.

Allerdingst muss es nicht zwangsläufig so sein. Denn unsere Leben sind durchwoben von denselben zivilisatorischen Ressourcen, welche es den Europäern ermöglicht haben, Weltreiche zu errichten, die globale Lebenserwartung massiv zu erhöhen und beispiellose technologische Fortschritte zu erzielen. Die Menschen, welche die Herztransplantation entwickelten, Satelliten ins All schossen und Takeo Ischi mitsamt seinem Chicken Yodeling Hit zur Größe verhalfen, das sind noch immer wir.

China mag aufholen und Putin aufmucken. Die Weltwirtschaft mag erschlaffen, die Immigration aus dem Süden zunehmen und der Klimawandel unaufhaltsam erscheinen.

Doch all das könnten wir schlicht und einfach als Schwierigkeiten wahrnehmen, die bisweilen um eine erfolgreiche Zivilisation herum in Erscheinung treten und diese herausfordern. Weshalb sollte das direkt unser aller Ende bedeuten?

Die tatsächliche Gefahr besteht also vielmehr darin, dass Situationen, die von Menschen als echt wahrgenommen werden, dazu neigen, zumindest in ihrer Konsequenz real zu werden, dass es also nicht darum geht, was objektiv zutrifft, sondern was die Menschen für real halten. Die offenkundige Paranoia hinter einer Wahrnehmung beraubt sie noch lange nicht ihrer Potenz.

Ein schönes Beispiel ist die „Toilettenpapierknappheit" in den USA 1973.

Die Knappheit war übrigens real - allerdings nur, weil die Leute an sie glaubten. Die Bevölkerung einer mit Toilettenpapier ausreichend versorgten Supermacht geriet wegen des Gerüchts in Panik, der allseits beliebte Hygieneartikel ginge rasant zuneige. Daraufhin wurde gehamstert, was das Zeug hielt und am Ende wurde ein paranoider Wahn in seiner Konsequenz zur Wirklichkeit.

Und was ist die Moral von der Geschicht?

In Europa und Nordamerika sollten wir uns davor hüten, Untergangsszenarien durch pure Hysterie Wirklichkeit werden zu lassen. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, auf allgemeiner Unzufriedenheit oder kulturellem Unbehagen basierende Anwandlungen - so nachvollziehbar sie sein mögen - politisch und medial auf ein Podest zu hieven. Denn am Ende könnte ein apokalyptisches Szenario stehen, welches ursprünglich lediglich eine Zukunftsmöglichkeit von vielen gewesen ist.

Die Europäer, eigentlich alle Nationen des Westens, haben das Know-how und die Institutionen, die sie benötigen, um ihre Probleme zu lösen. Die Substanz ist vorhanden, dieselbe Substanz, aufgrund derer wir aus zwei Weltkriegen zu lernen vermochten, sodann in Gestalt der EU eine Sphäre langfristigen Wohlstands und Friedens für Millionen errichteten und von Brüssel aus alles regulieren können, auch Toilettenpapierverpackungen, wozu - fun fact - laut EU auch das Röhrchen zählt, auf welchem das Papier aufgewickelt ist.

Damit dürfte also geklärt sein, was Toilettenpapier mit dem Brexit zu tun hat. Und wie passt Chicken Yodeling dazu? Nicht gut - aber der Typ ist spitze und hier zu sehen.

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