Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Peter Lissberg Headshot

Was hat der Brexit eigentlich mit Toilettenpapier und Jodeln zu tun?

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
BREXIT
Getty
Drucken

Und da ist er auch schon, der Moment, da wir uns fragen m├╝ssen, was der Brexit eigentlich mit Toilettenpapier und Jodeln zu tun hat:

J├╝ngst veranschaulichte die Entscheidung f├╝r den Brexit sehr eindrucksvoll, wie die Angst vor Einwanderern, der gro├čen komplizierten Welt und die panische Frage nach der eigenen Identit├Ąt sogar die coolen Briten zum Ausstieg aus dem Megaprojekt EU bewegen konnte.

Modernit├Ątsskeptisches, identit├Ąres Gedankengut gibt es eben ├╝berall und immer wieder - nat├╝rlich nicht nur in Gro├čbritannien. Der massenhafte Drang, miteinander und der eigenen Kultur zu verschmelzen, um das Unheimliche in der Welt zu bezwingen, ist dunkel, tief und archaisch - sprich: nichts Neues.

Diese Regungen bringen erst einmal niemanden um. Falls uns die moderne, urban gepr├Ągte Gesellschaftsordnung am Herzen liegt, sollten wir jedoch sicherstellen, dass diese Regungen auf der Ebene bierseliger Unterhaltungen verweilen, wo sie nur bedingt Schaden anrichten k├Ânnen. Sobald sie politisch ÔÇ×in der Mitte" ankommen und wie in Gro├čbritannien zu historischen Volksentscheiden f├╝hren, haben wir ein Problem.

Trump, Farage, Petry und Co.

Wenn sich Menschen als gefestigt erweisen und trotz gro├čer Wanderungsbewegungen und globaler wirtschaftlicher Ver├Ąnderungen ihr grunds├Ątzliches zivilisatorisches Selbstvertrauen bewahren, werden die d├╝steren Ideen, die sich Trump, Farage, Petry und Co. nun zu Eigen gemacht haben zwar nicht verschwinden. Ihr Einfluss auf weitreichende politische Entscheidungen wird jedoch ├╝berschaubar bleiben.

Sollte dieses elementare Vertrauen in die eigene Zukunft indes erodieren, verschwimmen auch die Grenzen zwischen den w├╝tenden Gedanken, die einem beispielsweise nach der letzten Silvesternacht gekommen sind, und den gro├čen politischen Entscheidungen wie einem Referendum zum EU-Austritt, welche idealerweise auf Statistiken, Expertenmeinungen und politischem Pragmatismus gr├╝nden sollten.

Was verleiht archaischen Aufwallungen diese beeindruckende Dynamik?

Ist es der massenhaften Entwurzelung von Menschen in postmodernen, kosmopolitischen Gro├čst├Ądten, dem Verlust des Gottglaubens oder gar der westlichen Unfruchtbarkeit geschuldet? Fehlt uns ein kulturelles Ger├╝st, welches eine Br├╝cke zwischen Ahnen, Gegenwartsmenschen und Nachgeborenen darstellt und Stetigkeit in einer unvorhersehbaren Welt bietet? Die Verunsicherung ist jedenfalls da und wird zunehmend sp├╝rbar. So kurz nach dem Brexit ist das klarer denn je.

Allerdingst muss es nicht zwangsl├Ąufig so sein. Denn unsere Leben sind durchwoben von denselben zivilisatorischen Ressourcen, welche es den Europ├Ąern erm├Âglicht haben, Weltreiche zu errichten, die globale Lebenserwartung massiv zu erh├Âhen und beispiellose technologische Fortschritte zu erzielen. Die Menschen, welche die Herztransplantation entwickelten, Satelliten ins All schossen und Takeo Ischi mitsamt seinem Chicken Yodeling Hit zur Gr├Â├če verhalfen, das sind noch immer wir.

China mag aufholen und Putin aufmucken. Die Weltwirtschaft mag erschlaffen, die Immigration aus dem S├╝den zunehmen und der Klimawandel unaufhaltsam erscheinen.

Doch all das k├Ânnten wir schlicht und einfach als Schwierigkeiten wahrnehmen, die bisweilen um eine erfolgreiche Zivilisation herum in Erscheinung treten und diese herausfordern. Weshalb sollte das direkt unser aller Ende bedeuten?

Die tats├Ąchliche Gefahr besteht also vielmehr darin, dass Situationen, die von Menschen als echt wahrgenommen werden, dazu neigen, zumindest in ihrer Konsequenz real zu werden, dass es also nicht darum geht, was objektiv zutrifft, sondern was die Menschen f├╝r real halten. Die offenkundige Paranoia hinter einer Wahrnehmung beraubt sie noch lange nicht ihrer Potenz.

Ein sch├Ânes Beispiel ist die ÔÇ×Toilettenpapierknappheit" in den USA 1973.

Die Knappheit war ├╝brigens real - allerdings nur, weil die Leute an sie glaubten. Die Bev├Âlkerung einer mit Toilettenpapier ausreichend versorgten Supermacht geriet wegen des Ger├╝chts in Panik, der allseits beliebte Hygieneartikel ginge rasant zuneige. Daraufhin wurde gehamstert, was das Zeug hielt und am Ende wurde ein paranoider Wahn in seiner Konsequenz zur Wirklichkeit.

Und was ist die Moral von der Geschicht?

In Europa und Nordamerika sollten wir uns davor h├╝ten, Untergangsszenarien durch pure Hysterie Wirklichkeit werden zu lassen. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, auf allgemeiner Unzufriedenheit oder kulturellem Unbehagen basierende Anwandlungen - so nachvollziehbar sie sein m├Âgen - politisch und medial auf ein Podest zu hieven. Denn am Ende k├Ânnte ein apokalyptisches Szenario stehen, welches urspr├╝nglich lediglich eine Zukunftsm├Âglichkeit von vielen gewesen ist.

Die Europ├Ąer, eigentlich alle Nationen des Westens, haben das Know-how und die Institutionen, die sie ben├Âtigen, um ihre Probleme zu l├Âsen. Die Substanz ist vorhanden, dieselbe Substanz, aufgrund derer wir aus zwei Weltkriegen zu lernen vermochten, sodann in Gestalt der EU eine Sph├Ąre langfristigen Wohlstands und Friedens f├╝r Millionen errichteten und von Br├╝ssel aus alles regulieren k├Ânnen, auch Toilettenpapierverpackungen, wozu - fun fact - laut EU auch das R├Âhrchen z├Ąhlt, auf welchem das Papier aufgewickelt ist.

Damit d├╝rfte also gekl├Ąrt sein, was Toilettenpapier mit dem Brexit zu tun hat. Und wie passt Chicken Yodeling dazu? Nicht gut - aber der Typ ist spitze und hier zu sehen.

2016-06-22-1466588952-5629450-HUFFPOST1.jpg
Mehr zum Thema Brexit findet ihr hier.