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"Noch ist das Abendland nicht untergegangen"

05/11/2015 16:35 CET | Aktualisiert 05/11/2016 10:12 CET
ullstein bild via Getty Images

Medien und Zivilgesellschaft überschlagen sich mit Debatten um die Flüchtlingskrise - oder Völkerwanderung oder „Keine-Flüchtlings-sondern-politische-Krise". Entweder ganz offen oder eher unterschwellig schwingt dabei die Angst um unsere Zivilisation mit oder zumindest um die Rahmenbedingungen unseres Zusammenlebens.

Nicht die Rahmenbedingungen, welche man rasch als Status Quo und Refugium der Engstirnigen abtun könnte, sondern jene Rahmenbedingungen, innerhalb derer durchaus Veränderungen stattfinden können, ohne dass die Gesellschaft komplett aus dem Rahmen fällt - gewissermaßen unsere Fundamente.

Ein Bauchgefühl flüstert uns ein, dass wir im Zuge der Masseneinwanderung etwas verlieren könnten, uns selbst verlieren könnten, ohne wirklich zu wissen, wer wir tatsächlich sind und was uns von anderen unterscheidet. Das Bauchgefühl sagt: Es gibt ihn, den Westen, das Abendland, uns.

Der Westen ist mehr als eine Prise Social Media und ein Teelöffel Popkultur

Dieser Eindruck wird nicht zuletzt dadurch verstärkt, dass die Smartphone schwingende Facebook-Generation auf dem Tahrir Platz schlussendlich eine Randerscheinung geblieben ist. Die westlich und modern anmutenden, liberalen Demokraten repräsentierten nicht Ägypten oder die arabische Welt.

Gewiss sind sie ein wichtiger Bestandteil dieser Gesellschaften, doch Neo-Traditionalisten, die mehr Religion und weniger Westen wollen, bleiben dominant. Anscheinend kann man jung und sexy gegen Unterdrücker in die Straßenschlacht ziehen, ohne dass dabei alle zu 68ern mutieren.

Optimisten

Viele Optimisten - der Verfasser mit eingeschlossen - haben damals die kulturellen Unterströmungen ignoriert und sind dementsprechend skeptischer geworden: skeptisch gegenüber ideologischem Universalismus, der eine stark vernetzte, pragmatische Shell-Studien-Jugend sieht, die sich über kulturelle und politische Barrieren hinweg glänzend versteht und mit Facebook & Co. alte Strukturen zertrümmert.

Unsere Zivilisation scheint folglich mehr zu sein als die geschickte Anwendung einiger Silicon Valley Errungenschaften, dazu Blue Jeans und Rihanna Songs. Die Freie Welt ist Geschichte und Institutionen beziehungsweise die Geschichte ihrer Institutionen. Institutionen sind nicht nur Bundestag und -rat und vielleicht noch die Gewaltenteilung, sondern jene Grundsubstanz, die unsere Zivilisation ausmacht - manchmal so naheliegend, dass man sie kaum noch beachtet.

Die Geschichte der Institutionen ...

Alles was wir heute haben, von Miniröcken im Sommer bis zur Heizung im Winter, von Glaubens- bis Meinungsfreiheit, musste sich quälend langsam entwickeln. Ohne die hellenische und römische Antike sowie ihre Liebhaber, Renaissance und Aufklärung, würden wir uns heute nicht durch Humanismus, Individualismus und natürlich Wissenschaft definieren.

Die Reformation und der erstarkende Protestantismus sind aus der Geschichte des kirchlichen Machtverlustes und der Gewissensfreiheit nicht wegzudenken und nicht einmal aus jener des Kapitalismus, unserer freien Marktwirtschaft. Die Revolutionen in Amerika und Frankreich haben Rechtsstaatlichkeit, Eigentumsrechte und Demokratie zu Pfeilern unseres Wertegerüsts erhoben.

Außerdem zeichnet sich Europa schon seit Jahrhunderten zunehmend durch Säkularismus und Pluralismus aus: Bereits im Mittelalter waren Kirche und Kaiser getrennt und in Machtkämpfe verstrickt. Die Autorität des Kaisers war nicht überall im Reich gleich groß. Darüber hinaus wurde der Kaiser durch die anderen Herrscher gewählt und oft war eine Art Konsensbildung der Machthabenden auf Einzelfallbasis notwendig.

Diese Kompromissfähigkeit trat immer wieder als Teil europäischer Geschichte in Erscheinung, zum Beispiel während des Wiener Kongresses, als die Teilnehmer in dem Einverständnis handelten, dass die Friedensordnung wichtiger sei als einzelne Konflikte. Und in der Tat hat Europa danach über Jahrzehnte eine ihrer seltenen Friedenszeiten erlebt: Balancierende Ordnung, gute Verhandlungsführung und Kompromissfindung können glücken.

... ist lang und schmerzhaft

Die Geschichte der Institutionen ist eine äußerst schmerzhafte. Sie kam nicht ohne den Terror Robespierres und die napoleonischen Feldzüge aus. Andererseits haben Wehrpflicht und Steuern das Mitspracherecht der Kämpfenden und Zahlenden weiter vorangetrieben. Sicherlich war der 30-jährige Krieg einer der grausamsten in der europäischen Geschichte.

Doch der Westfälische Frieden hat Europa (und später die Welt) in souveräne Staaten geordnet. Dadurch wurden ein europäisches Gleichgewicht sowie ausgedehnte Ruheperioden ermöglicht und die Religionsfreiheit vorangetrieben.

Die beiden Weltkriege waren furchtbar. Doch als sich der Rauch verzogen hatte, setzten sich die Völker der Welt - auf westliche Initiative hin - mit der eigenen brutalen Vergangenheit auseinander und es erwuchsen die Vereinten Nationen, die Menschenrechtscharta und vieles mehr.

In dieser jahrhundertelangen Entwicklung spiegelt sich noch etwas anderes wider: Unsere Neigung, die Welt extern zu verstehen und nicht intern, was Henry Kissinger in seinem Buch Weltordnung übrigens sehr gut erklärt. China und Indien waren große Zivilisationen, doch begriffen sie alles um sich herum vor allem durch sich selbst.

Der Westen hat das Außerhalb durch- und untersucht und angestrebt, es zu formen. Er zog sich nicht wie China in sich selbst zurück und verschmähte anders als die islamische Zivilisation nicht ab einem bestimmten Zeitpunkt den wissenschaftlichen Fortschritt.

Alles zu hinterfragen, sich nie auszuruhen, ist eine immerwährende Herausforderung. Kopernikus hat uns vom universellen Thron gestoßen. Darwin raubte uns Gott und Freud nahm uns das Bewusstsein. Wir sind dann allein in die Kälte hinausgezogen. Und nun, da die Welt ohne erkennbare Ordnung zunehmend komplexer wird und da der Westen weniger beeindruckend dasteht als noch vor anderthalb Jahrhunderten, scheint es sich um uns herum einzutrüben.

Identitätskrise des Westens

Demokratien stecken in der Krise und haben viel von ihrer Strahlkraft eingebüßt. Nukleare Proliferation und die aufsteigende Gefahr des Cyper-Krieges sowie das demographische Absterben des Westens - denn Säkularismus und Individualismus haben ihren Preis - wollen uns scheitern lassen. Die Grenzen sind nicht sicher, die Renten auch nicht und der Euro schon gar nicht.

Wir stecken in einer Identitäts- und Sinnkrise, eben weil das Beständige unbeständig wird. Sowohl die Rechten bei PEGIDA, AFD und Konsorten als auch die Grün-Linken stehen angeblich für den Westen ein und wissen doch nicht so genau, was ihn auszeichnet und ob es ihn überhaupt noch gibt.

Bei all dem Geschreie wirken die Teilnehmer recht verloren - bis hin zur Gewaltanwendung: die einen sind für das Abendland ... und für Putin ... und GEZ ist sowieso Mist; die anderen sind auch für den Westen aber wollen alle Grenzen niederreißen und Rom gleich noch mal untergehen lassen, wobei sie das Risiko gesellschaftlicher Überdehnung als bloße Angstmacherei abtun.

Die Geschichte duldet keine Leerräume

Noch ist das Abendland nicht untergegangen. Es verändert sich nur maßgeblich und das ist nichts Neues. Völkerwanderungen, gewaltige Kriege, Großreiche, die sich in Nationalstaaten auflösen, Wirtschaftskrisen und Epidemien - unsere Ahnen sind durch diesen Morast gewatet und aus uns ist trotzdem noch was geworden.

In welche Richtung man auch argumentieren mag, zwei Punkte sollten nicht vergessen werden: Unsere Altvordern mussten sich mit kürzeren, brutaleren und weniger freien Leben zufrieden geben als wir heute - so ziemlich alle von ihnen.

Des Weiteren war das Leben noch nie so gut wie heute. Dementsprechend darf man dem Westen anerkennend zuprosten und wäre außerdem gut beraten, von postmoderner Selbstvergessenheit einen gewissen Sicherheitsabstand zu wahren, sonst wird der Bremsweg zu kurz.

Der Westen ist ein diffuses Konzept, dessen Grenzen kaum abzustecken sind. Das verleitet manche zu der Annahme, es gäbe den Westen entweder gar nicht oder aber man könne ihn sich während einer Zigarettenpause im Kopf zusammenbasteln.

Dabei verhält es sich wie mit der Liebe: Man kann stundenlang darüber philosophieren, was sie im Kern auszeichnet beziehungsweise ob sie in einem konkreten Fall noch vorhanden ist - doch ist sie erst einmal weg, dann vermisst man sie und weiß auf einmal ganz genau, was verloren ging. Sie ist die Leere, die sie hinterlässt.

Nach dieser kleinen Metapher möchte ich abschließend noch unterstreichen, dass die Weltgeschichte Leerräume in der Regel nicht duldet.

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