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Wir Sind (Auch) das Volk!

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BERLIN
Chris Tobin via Getty Images
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Wir! Das Wort „wir" ist in aller Munde. Wir sind das Volk. Wir sind die Mehrheit. Wir, nicht ihr. Nicht das Establishment, nicht die Presse und schon gar nicht „die da oben". Wir, das seid vor allem nicht ihr. Man könnte meinen, mit „wir" wĂ€re fast immer „ich" gemeint, aber vor allem eben nicht „ihr". Ein ausschließender Begriff.

Aber wer ist dieses „wir" genau und wo findet man Antworten auf diese Frage? Wer oder was ist deutsch? Wer oder was ist das Volk?

Das Regelwerk unseres Miteinanders ist das Grundgesetz. Es lohnt sich also dort nachzuschauen, um herauszufinden, wer wir sind.

Keine Frage von Ethnie oder völkischer Tradition

ZunĂ€chst einmal wird man feststellen, dass unser Grundgesetz das Wort „wir" gar nicht kennt. Es kommt einfach nicht vor. Zum Vergleich: die amerikanische Verfassung beginnt mit den berĂŒhmten Worten „We, the People...". Das Wort „Volk" hingegen findet man gleich in Artikel 1 des Grundgesetzes.

Ja, der berĂŒhmte und viel bediente „WĂŒrde des Menschen"-Artikel beinhaltet mehr als einen Satz. Dort heißt es ausdrĂŒcklich: „Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unverĂ€ußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt."

Bevor ĂŒberhaupt geklĂ€rt ist, wer oder was das deutsche Volk eigentlich ist, wird bereits festgestellt, dass das deutsche Volk eine globale Verantwortung fĂŒr die Wahrung der Menschenrechte hat. Wir wissen also schon, was unsere Aufgaben sind, bevor wir wissen, wer wir ĂŒberhaupt sind. Vielleicht weil uns die Eltern des Grundgesetzes sagen: Wir sind das deutsche Volk, indem wir uns zu den unverletzlichen und unverĂ€ußerlichen Menschenrechten als Grund und Grenze allen Zusammenlebens bekennen?

Das Einstehen fĂŒr Menschen- und Grundrechte ist dem Grundgesetz wichtiger als die KlĂ€rung unserer IdentitĂ€t. Das wird besonders deutlich, da man bis Artikel 116 GG warten muss, bis geklĂ€rt wird, wer Deutscher ist: „Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt [...]"

Diesen Satz muss man sich mehrmals durch den Kopf gehen lassen. Deutscher ist eben nicht nur jemand, der deutsch geboren wurde, der eine deutsche Abstammung vorweisen kann oder der in die Norm passt; also eine „normale" Hautfarbe vorweisen kann oder eine „normale" SexualitĂ€t oder, gerade besonders brisant, eine „normale" Religion.

Deutsch zu sein ist laut Grundgesetz keine Frage der Ethnie oder der völkischen Tradition. Dieser Satz sagt nichts anderes aus, als dass Deutscher erst einmal jeder werden kann, wenn man ihm denn die deutsche Staatsangehörigkeit verleiht. Es ist eine rechtliche Frage.

Menschen- und BĂŒrgerrechte

Doch charakterisiert das Grundgesetz auch, was es heißt, Deutscher zu sein? Wie oben schon erwĂ€hnt, ist das fĂŒr das Grundgesetz keine ethnische Frage. Auch keine Frage der Tradition. Viel mehr eine Frage der Werte. Das Grundgesetz regelt, wer das Volk ist und das Volk regelt, was das Grundgesetz ist. Vorausgesetzt wir wollen uns als Staat nicht selbst abschaffen, können wir das Grundgesetz also beliebig Ă€ndern, so lange wir uns an die Spielregeln halten.

Zu diesen von uns selbst aufgesetzten Regeln gehört auch, dass wir den Artikel 1 unseres Grundgesetzes nicht Àndern können. Diese absolute Regel haben wir uns selbst mitgegeben und damit auch geklÀrt, was deutsch ist und was beachten muss, wer Deutscher ist und wer Deutscher werden will.

Deutsch ist das Einstehen fĂŒr den Schutz der MenschenwĂŒrde. Deutsch ist das Recht auf die freie Entfaltung einer jeden Persönlichkeit. Deutsch ist, dass alle Menschen dieser Welt vor dem Gesetz gleich sind. Deutsch ist das Einstehen fĂŒr und der Schutz der Gedankens-, Gewissens- und Religionsfreiheit.

Deutsch ist, seine Meinung frei Ă€ußern zu dĂŒrfen und zu können. Deutsch ist, eine freie Presse zu ermöglichen und zu akzeptieren. Deutsch ist das Recht auf Bildung. Deutsch ist die Emanzipation der Geschlechter. Deutsch ist ein ausgeprĂ€gter Minderheitenschutz. Deutsch ist Demokratie und Sozialstaat. Deutsch ist das Recht auf freie Berufswahl. Deutsch ist die Freiheit der Kultur.

Deutsch ist der Schutz und die Wahrung der Menschenrechte und die Akzeptanz der AllgemeingĂŒltigkeit dieser.

Wir sind das Volk

„Wir sind das Volk" ist zu einer geflĂŒgelten Wortgruppe geworden fĂŒr all diejenigen, die augenscheinlich Probleme mit den Werten unseres Grundgesetzes haben. Das liegt wohl vor allem daran, dass wir aus einer historisch bedingten Angst vor Patriotismus dazu neigen, uns nicht ĂŒber uns selbst und unsere Werte zu definieren, sondern vor allem ĂŒber die Beschreibung, was wir nicht sind.

Das Grundgesetz macht das Wort „wir" in Bezug auf „wir, das Volk" zu einem einladenden Begriff. Jeder kann Teil dieses Wirs werden. Wer also ruft „wir sind das Volk" und damit eigentlich meint „ihr seid nicht das Volk", der pervertiert das Grundgesetz. Der pervertiert jenes Gesetz, welches dem Volk, also dem Wir, also uns, die Staatsgewalt ĂŒbertrĂ€gt.

Der pervertiert jenes Gesetz, welches es uns ermöglicht, die Regeln unseres Miteinanders selbst zu bestimmen und somit auch mitzubestimmen, was wir zu tun und zu lassen haben. Wenn wir aber einmal bestimmt haben, was wir zu tun und zu lassen haben, dann mĂŒssen wir uns auch daran halten. Sonst sĂ€gen wir an unserer staatlichen Existenz und unserem Rechtsstaat.

Ja, die unzufriedene, laute und immer grĂ¶ĂŸer werdende Minderheit dort draußen auf den Straßen und in den Internetforen ist auch ein Teil des Volkes und ihre Wut ĂŒber bestimmte Sachverhalte mag hier und da nachvollziehbar sein. Doch nach den Regeln, die wir uns gemeinsam gegeben haben, und nach den Werten, die fĂŒr uns alle gemeinsam unverĂ€nderbar sind, kann ich ihnen nur zurufen: wir sind auch das Volk. Lasst uns laut und stolz verkĂŒnden, wer wir Deutsche sind: Freiheitsliebhaber! Statt immer nur hasserfĂŒllt zu brĂŒllen, wer wir nicht sind.

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