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Wer hat, der hat! - Aber was eigentlich?

02/12/2017 14:18 CET | Aktualisiert 02/12/2017 14:19 CET
Compassionate Eye Foundation/Robert Kent via Getty Images

Wir leben in einer Gesellschaft der Must-haves. Wie der Name schon sagt, gibt es unzählige Dinge, die wir anscheinend haben „müssen". Wir brauchen sie, um dazuzugehören, um zu zeigen, wer wir sind und was wir haben. Auch wenn wir sie gar nicht brauchen.

Das fängt schon im Kindesalter auf dem Schulhof an. Wenn Sie nicht wollen, dass Ihr Kind der Außenseiter ist, dann müssen Sie schon mithalten und die original Sneakers kaufen und nicht die Billig-Imitate vom Discounter. Es reicht auch nicht mehr, im Sommer mit der Zeitung am Holzkohlegrill herumzuwedeln, bis die Glut endlich soweit ist. Heutzutage muss ein stylisher Weber-Grill im Garten stehen. Und damit Ihre Küche auf dem Stand der Dinge ist, kochen Sie nicht mehr selbst, sondern verlieren sich im Rezeptetausch für Ihren Thermomix. Auch wenn Sie ihn nicht nutzen, Hauptsache, er zählt zu Ihrem Besitz.

Konsumwahn hat kein Ende. Wenn die Karriereleiter Sie in hohe Sphären gebracht hat, können Sie keinesfalls mehr mit Ihrem alten Opel Astra vorfahren. Es ist egal, ob der total zuverlässig ist und noch Jahre halten würde. Ab einer gewissen Stellung muss es dann schon ein Schlitten von Audi, BMW oder Mercedes sein. Das gehört zum guten Ton. Doch dieser Zwang des Habens setzt uns unter Druck.

Der Gruppenzwang kennt keine Grenzen

Zwischen all dem Konsum und Besitz vergessen wir einen ganz wichtigen Aspekt: der Wert des Seins. Kaum jemand macht zwischendurch einen Cut, lässt den eigenen Besitz mal ganz außer Acht und nimmt sich einfach nur Zeit für sich. Für die Reise nach innen, um zu verstehen, wer Sie sind? Was Sie wirklich wollen? Was Sie aus Ihrem Leben machen wollen? Anstatt sich über das zu definieren, was Sie besitzen, welchen Job Sie haben, welche Beförderung Sie anstreben - einfach mal eine Reise nach innen zu wagen... Ich wette, das ist viel zu lange her.

Einige von Ihnen werden jetzt sicher Einwände haben. Nur zu „Sein" und nichts zu haben funktioniert doch nicht. Schließlich können Sie bei einem Meeting mit der Geschäftsleitung schlecht im Billig-Anzug aufkreuzen. Es heißt nicht umsonst: „Kleider machen Leute." Und wenn all Ihre Freunde einen dicken Benz fahren, stehen Sie mit Ihrem alten Astra nun mal doof da. Sie werden quasi von der Gesellschaft gezwungen, dass solche Statussymbole zu Ihrem Besitz gehören.

Der Kassenzettel als Heilmittel

Und trotz all des Besitzes, der Statussymbole kommt immer wieder dieses Gefühl der inneren Leere. Wenn wir die spüren, lösen wir das Dilemma, indem wir einfach noch mehr Besitz anschaffen, wir weichen in einen Konsumwahn aus und sammeln krankhaft: teure Uhren, schicke Schuhe, seltene Autos.

Wir sammeln, um zu haben. Es ist gar nicht so wichtig, ob es auch verwendet wird. Doch jeder neue Kauf tut gut. Er bekämpft das Gefühl der inneren Leere. Zumindest für kurze Zeit. Dann müssen wir wieder etwas Neues kaufen. Der Wunsch nach Haben treibt uns an. So etwas nennt man Junkies.

Ich kenne das selbst nur zu gut. Beruflich hatte ich das Glück, schon in jungen Jahren viel erreicht zu haben - und ja, ich hatte auch ordentlich Geld auf dem Konto. Obwohl ich nie der Typ dafür war, kam irgendwann der Moment, wo ich mir meinen ersten Anzug maßschneidern ließ. Einfach weil alle meine Kollegen das auch taten.

Ich trug die Knöpfe am Sakko offen, trug meine Initialen auf dem Hemd, damit jeder sieht: wow - maßgeschneidert. Als Nächstes musste dann natürlich ein entsprechendes Auto her. Am Wochenende gehörte es zum guten Ton, in irgendwelchen schicken Golfclubs unter scheinbar Gleichgesinnten über den eigenen Besitz zu sprechen. Worüber aber nie gesprochen wurde, sind die eigenen, nicht-materiellen Wünsche und Träume. Statt tiefgründiger Gespräche gab es viel oberflächliches Positions-Gehabe.

Wer bin ich?

Schauen Sie also mal ehrlich auf Ihr Leben. Besitzen Sie Ihre „Güter"? Oder besitzen Ihre Güter Sie? Wer ist abhängig von wem?

Genau da liegt das Problem: Wenn Sie das Haben völlig überstrapazieren, geraten Sie ins Ungleichgewicht. Ihr Sein wehrt sich, indem Ihre innere Stimme anfängt sich zu rühren. Dann merken Sie, dass noch etwas fehlt. Sie spüren die innere Leere. Das fühlt sich nicht so schön an. Aber Sie dürfen dieses Gefühl nicht betäuben, indem Sie sich den nächsten Kosum-Schuss setzen.

Lösen können Sie das Problem nur, indem Sie das tun, was notwendig ist: nämlich mehr SEIN. Also Ihrer inneren Stimme zuzuhören. Sich selbst kennenlernen. Ihre noch nicht genutzten Potenziale, Wünsche und Träume. Da gibt es zum Glück weit mehr als Besitz, das darauf wartet, von Ihnen entdeckt und entfaltet zu werden. Um die Person zu werden, die Sie sein können.

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