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Auch wir waren Journalisten hinter Gittern - so könnt ihr den eingesperrten Kollegen in der Türkei helfen

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GRESTE FAHMY
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Im Gefängnis ist die größte Herausforderung, deine Psyche gesund zu halten. Auch wenn die Bedingungen schlimm sind - solange du eine grundlegende Lebensmittelversorgung, sauberes Wasser und Schutz hast, kannst du körperlich überleben. Aber es ist dieses Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Isolation, das dich mental lähmt und so verhängnisvoll ist.

Als wir einige Monate nach unserer Verhaftung erfuhren, dass eine weltweite Kampagne ins Leben gerufen worden war, um uns zu befreien, machte das vielleicht für uns den Unterschied.

Durch die Kampagne konnten wir überleben

Im Jahr 2013 wurden wir in Ägypten festgenommen. Wir hatten für Al Jazeera gearbeitet und wurden aufgrund unserer Arbeit mit einer Reihe von Klagen überhäuft.

In diesen kalten, dreckigen Zellen, ohne eine Ahnung, wie die Zukunft aussehen würde, gab es wenig Gründe, positive Gedanken zu haben. Deshalb bedeutete es uns auch so viel, als die ersten Schnipsel der #FreeAJStaff Kampagne und deren weltweite Beachtung zu uns durchsickerten.

Es erinnerte uns daran, dass man uns nicht vergessen hatte, und zudem ließ es uns wissen, dass wir Teil einer Bewegung sind, die soviel größer ist als wir. Der Gedanke half uns, diesen langen Tagen eine Bedeutung zu geben und zog uns hoch, wenn wir an einem Tiefpunkt waren. Und was noch viel wichtiger war, schließlich half die Kampagne auch, unsere Inhaftierung zu beenden.

Menschen auf der ganzen Welt sind zusammengekommen, um unsere Freiheit zu fordern, weil sie die Ungerechtigkeit erkannt haben. Sie sahen zu, wie wir Opfer eines Versuchs wurden, die Presse zum Schweigen zu bringen und sie standen für uns ein, um uns zu unterstützen. Es hat funktioniert.

Jetzt sind wir dran

Jetzt müssen wir uns diese Energie wieder zu Nutze machen. Eine Tragödie braut sich langsam in der Türkei zusammen. Unabhängiger Journalismus wird systematisch unterdrückt. Gefängnistüren fallen zu, Medienunternehmen werden geschlossen und eine verstörende Stille legt sich über das, was früher eine dynamische und facettenreiche Medienlandschaft war.

Mehr zum Thema: "Wir bringen dich um und verfüttern dich an die Wölfe" - in der Türkei werden Menschen willkürlich verschleppt und gefoltert

Seit dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 hat Präsident Recep Tyyip Erdogan eine Hetzjagd auf die Meinungsfreiheit gestartet - so stark, dass sich der unabhängige Journalismus im Todeskampf befindet. Mindestens 156 Medienunternehmen wurden geschlossen und geschätzt 2500 Journalisten und andere Medienarbeiter haben ihre Jobs verloren.

Yonca Siks Ehemann, der investigativer Journalist Ahmet, sitzt seit Dezember in Untersuchungshaft. Sie sagt: "Ahmet's Verhaftung ist eine Nachricht an andere, die besagt: Sprich ruhig, aber nur wenn du dich traust."

All diese Maßnahmen gegen unabhängigen Journalismus sind schmerzhaft anzusehen. Aber was am meisten trifft, sind die Geschichten der mehr als 120 inhaftierten Journalisten in Folge des Putschversuchs, die noch nicht einmal ein Gerichtsverfahren hatten.

Einsamkeit und Langeweile

Nach dem anfänglichen Schock, der auf unsere Inhaftierung in Ägypten folgte, dachten wir, dass alles ein schrecklicher Fehler war, der schnell wieder korrigiert werden würde. Wir konnten uns niemals vorstellen, hunderte Tage bei schlimmen Bedingungen im Gefängnis zu sitzen und auf ein Verfahren zu warten.

Die ägyptischen Gefängnisse, in denen wir dahinsiechten, waren von Menschen überflutet, die sich gegen die Regierung gestellt oder sie herausgefordert hatten. Jetzt verstehen wir zu gut, wie es in den türkischen Gefängnissen sein muss und wie sich unsere Kollegen fühlen.

Wenn wir nicht mit so vielen anderen Männern in eine Zelle gestopft wurden, so dass wir uns nicht einmal hinsetzen konnten, waren wir in Einzelhaft. Dort hatten wir oft Angst durchzudrehen. Die Einsamkeit und Langeweile sind schwer zu beschreiben.

Auch wenn die Situation der gefangenen Journalisten in der Türkei nicht identisch zu unserer sein mag, verstehen wir ihre Verzweiflung und Frustration. Was die Situation in der Türkei besonders unheimlich macht, ist die Tatsache, dass die türkische Regierung weiterhin verneint, Journalisten wegen ihrer Arbeit zu verhaften.

Die Geschichten und Identitäten dieser Individuen werden damit ausgelöscht. Deshalb ist es so wichtig für uns, auch wenn wir außen vor sind, uns für sie einzustehen.

Wir sind bei ihnen

#FreeAJStaff begann als kleine Twitter Kampagne, aber innerhalb weniger Wochen war sie zu einer weltweiten Bewegung herangewachsen. Sie hat das Beste in Social Media hervorgebracht: die Dringlichkeit, die Eigendynamik, der Triumph eines Streits, der sonst einfach zerschlagen worden wäre. Am Ende erreichte sie mehr als drei Milliarden Menschen.

In den dunkelsten Momenten unserer Haft - als wir uns in einem hoffnungslosen Kampf mit der Unrechtsmaschinerie gefangen fühlten, als wir vergessen hatten, wie ein Sonnenuntergang aussah - hat es sich manchmal so angefühlt, als hätten wir aufgehört zu existieren. Es wäre einfach gewesen, zu sterben.

Was uns am Leben gehalten hat, war das Wissen, dass die Menschen an uns dachten. Das
Bewusstsein, was die Kampagne in diesen dunklen Zeiten für uns bedeutet hatte, ist der Grund dafür, dass wir die #FreeTurkeyMedia Kampagne unterstützen. Wir wollen all diese Journalisten, die hinter Gittern dahinsiechen, wissen lassen, dass wir bei ihnen sind. Wir wollen sie wissen lassen, dass die Tage, die sie dort verbringen - wie düster und furchteinflößend sie auch sein mögen - nicht vergeblich sind.

Eine klare Nachricht muss gesendet werden

Sie stehen an der Front der Meinungsfreiheit, dem Recht der Öffentlichkeit, Bescheid zu wissen, und der Aufgabe einer freien Presse in einer funktionierenden Gesellschaft - nicht nur in der Türkei, sondern auf der ganzen Welt.

Manchmal ist es schwierig etwas zu schätzen, bis es dir weggenommen wird. Aber erinnert euch daran: Eine Gesellschaft, in der Menschen nicht das Recht haben, frei zu berichten, ist eine gefährdete Gesellschaft. Ohne unabhängigen Journalismus gäbe es keine freie öffentliche Debatte, kein Zur-Verantwortung-Ziehen der Mächtigen, keinen Überblick über Menschenrechtsverletzungen.

Journalisten zu behindern hat einen ernüchternden Effekt auf alle, weil es Angst macht, aufzustehen und zu sprechen. Deshalb schafft die #FreeTurkeyMedia Kampagne, während sie Journalisten aus dem Gefängnis befreit, auch eine bessere Zukunft für die Menschenrechte in der Türkei. Außerdem sendet sie eine klare Nachricht an alle, die versuchen, Redefreiheit niederzuschlagen.

Für mehr als 400 Tage hinter ägyptischen Gittern wurden wir durch das Wissen bestärkt, dass Menschen überall auf der Welt für unsere Freilassung kämpften. Wenn es richtig war, damals für uns zu sprechen und #FreeAJStaff zu fordern, dann ist es jetzt genauso richtig, für alle Journalisten einzustehen, die nur deshalb verhaftet wurden, weil sie ihren Job machten.

Deshalb folgen wir dem Ruf von #FreeTurkeyMedia.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der HuffPost UK und wurde aus dem Englischen übersetzt.

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