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30-Stunden-Woche ist kontraproduktiv für den öko-sozialen Wandel

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T.T. via Getty Images
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„Das süße Gift", so ist das Kapitel über die 30-Stunden-Woche in Plateau 3 überschrieben, einem Buch über den öko-sozialen Wandel der Marktwirtschaft. Denn dieser Wandel braucht vor allem eines: Ideen, Mut und Kreativität und deren Umsetzung in neue Produkte und Dienstleistungen.

Das aber geht nur über Fleiß. Der entscheidet über die Geschwindigkeit, wann neue Produkte und Dienstleistungen in die Märkte kommen.

Wissen fleißig nutzen, ein Schlüssel zum Erfolg

Und Neues brauchen wir, gerade für den öko-sozialen Wandel: energie-effiziente und umweltfreundliche Produkte und Dienstleistungen, smart und ressourcenschonend. Fast alles ältere ist längst auf dem Prüfstand, muss überarbeitet werden.

Derartiges zügig und konkurrenzfähig zu leisten, ist die Stärke einer wissensdominierten Marktwirtschaft. Das in den Köpfen dazu vorhandene Wissen ist dabei nicht so ohne Weiteres teilbar. Denn teilen, delegieren verlangsamt, nimmt erst mal die Effizienz aus der Arbeit.

Deshalb ist eine generelle Arbeitszeitverkürzung Gift für den Erfolg innovativer Unternehmen und neuer Ideen, Gift in Phasen des Wandels, den wir doch benötigen. Und deshalb muss dem Vorstoß der Grünen, generell die 30-Stunden-Woche zu propagieren, energisch widersprochen werden.

In einer Wissensgesellschaft ist jede Stunde Mehrarbeit besonders produktiv, jede Stunde weniger dagegen kontraproduktiv. Mehr Arbeit führt zu einer schnelleren Umsetzung und schafft mehr „Erfahrung", also mehr Einfallsreichtum, mehr Effizienz und Schnelligkeit. Und all das ist im dynamischen Teil der Wirtschaft Trumpf.

Gleichmaß bestimmt nur einen Teil der Wirtschaft

Es gibt natürlich auch einen statischen Teil der Wirtschaft. Geordnete, gut organisierte Arbeitsaufgaben, Jobs, die sich durchaus auch in kürzere Arbeitszeiten unterteilen lassen - in der Infrastruktur von der Kita bis zum Busfahrer oder am Fließband oder der Aus- und Weiterbildung.

Hier lässt sich der Wunsch nach Arbeitszeitverkürzung oft gut umsetzen, kann persönlichen Wünschen daher leichter entsprochen werden. Dort sind Teilzeit- und auch 30- und 32-Stunden-Verträge schon längst üblich, ein Eingreifen der Politik unnötig.

Gerade hat mir eine Juristin von ihrer Begeisterung über ihre neue Viertagewoche berichtet, was nicht nur ihr, sondern vor allem ihren beiden Kindern und ihrer Familie gefällt. Manchmal gelingt Teilzeit also auch in anspruchsvollen Berufen, je nach Aufgabe. Die Wirtschaft ist da längst flexibel, schließlich werden gute Kräfte gebraucht.

Zum Nulltarif geht Arbeitszeitverkürzung nie

Aber auch hier sollte man nicht vergessen, dass es kürzere Arbeitszeiten nicht zum Nulltarif gibt, dass sie vielmehr volkswirtschaftliche Nachteile haben: Sie bedingen naturgemäß meist eine schlechtere Nutzung der Investition in unsere Arbeitsplätze.

Heute kostet jeder deutsche Arbeitsplatz Hunderttausende für Räume und Ausstattung, für Computerprogramme, Arbeitshilfen und Hintergrund-Support. All das wird bei kürzeren Arbeitszeiten schlechter genutzt.

Das gilt auch für die Investition in unser „Wissen", unsere gute, aber teure Aus- und Weiterbildung und unsere Erfahrungen. Deshalb liegt die Stärke eines Systems in seiner Flexibilität, im Kompromiss zwischen Anpassungsfähigkeit an persönliche Wünsche und volkswirtschaftlich bester Nutzung unserer Arbeitskraft, natürlich immer unter Beachtung der Grenzen beginnender Ausbeutung.

Erfahrungen im Ausland

Vor einigen Jahrzehnten hat in New York die dortige Elektriker- Gewerkschaft die 30-Stunden-Woche durchgesetzt. Studien zur Zeitverwendung zeigten dann allerdings, dass ein Großteil der Mitglieder bald einen zweiten Job hatte, vielfach übrigens auf dem Schwarzmarkt der dortigen Bauindustrie. Wer arbeiten will, lässt sich auch durch Tarife nicht daran hindern.

Und Frankreich ist gerade mit der bereits vor 16 Jahren eingeführten gesetzlichen 35-Stunden-Woche gescheitert, das Land ist zu innovationsschwach und versucht daher wieder zurückzurudern - was jedoch nicht leicht ist, wenn viele Bürger sich im Lauf der Jahre daran gewöhnt haben und einige der dortigen Splitter-Gewerkschaften gegen die Rückkehr zu höheren Wochenarbeitszeiten heftig polemisieren.

Die Schweiz dagegen hat unverändert die 42-Stunden Woche als Regelarbeitszeit - bei Erwerbslosenzahlen um die 4%, wegen des teuren Schweizer Franken gerade von der NZZ als Beschäftigungswunder bezeichnet.

Volksabstimmungen für eine Verkürzung wurden dort in den Jahren davor mehrfach abgelehnt. Der Schweizer weiß eben, zum Nulltarif gibt's das nicht und flexible Einzelregelungen genügen, dann allerdings unter Lohnverzicht.

„Grüne", bleibt bei euren Stärken!

Der Vorstoß von Dieter Janecek, dem Wirtschaftssprecher der Fraktion der Grünen - Huffington Post berichtete - war vor diesen Erfahrungen unüberlegt und ist für die Partei erneut kontraproduktiv.

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Es wäre gut, wenn sich gerade die Grünen auf ihre Stärken konzentrieren würden, also auf das Vorantreiben des ökologischen Wandels. Das ist zweifelsohne ein Gebiet, auf dem politische Forderungen nicht extrem genug sein können.

Aber daraus sollte nicht abgeleitet werden, dass auch bei anderen Themen wie dem Arbeits- und Sozialrecht oder der Öffnung unseres Landes für die Migration extreme Positionen eingenommen werden müssen. Denn genau dies hindert viele daran, „Grün" ihre Stimme zu geben.

„Schuster, bleib bei deinem Leisten" oder wie es die Wirtschaft als Erfolgsrezept propagiert: „Die Stärken stärken!" Das gilt auch für die grüne Partei.

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