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Wir drohen, den Kampf gegen den Klimawandel zu verlieren - das ist ein Versagen unseres demokratischen Systems

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HURRICAN IRMA
Andres Martinez Casares / Reuters
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Es ist bitter, erfolglos gewarnt, nur in den Wind gesprochen zu haben. Das werden im Anblick der enormen Hurrikan-Schäden Hunderttausende empfinden, all die, die seit Jahrzehnten vor dem Klimawandel warnen und für eine härtere Gangart der Politik werben.

Der rasante Klimawandel ist ein Systemfehler unserer Carbon-Zivilisation und ihrer Marktwirtschaft. Ihn zu korrigieren, ist eine politische Aufgabe. Persönliche Disziplin ist hilfreich, aber sie genügt nicht. Ein Kulturwandel dieses Typs braucht einen Systemwechsel, und der braucht politische Führung.

Der nicht korrigierte Systemfehler Carbon

Hunderttausende haben sich deshalb Jahr für Jahr für konsequenteres politisches Handeln eingesetzt, mit Appellen, mit Filmen, Büchern, Veranstaltungen und Großdemonstrationen. Aber ohne Erfolg. Die Politische Klasse bleib bequem, voller Ankündigungen und Versprechen, aber handlungsschwach.

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Der CO-2-Ausstoß stieg auf ca. 37 Milliarden Tonnen im Jahr, die Trendwende nach unten fehlt. Eine schreckliche Enttäuschung für all die Hunderttausende, die warnten, ohne Erfolg, trotz der Jahr für Jahr deutlicheren wissenschaftlichen Beweise für den Klimawandel.

Houston und Miami - gespenstische Symbolik

Das Schreckensjahr 2017 bietet nun alles: Gletscherschmelze, Erdrutsche, Dürreregionen, Waldbrände, Überschwemmungen, und jetzt diese Hurrikan-Kette, nicht einer, nein, eine Folge von vier Hurrikans in vier Wochen - einschließlich des größten je gemessenen. Die Schäden sind ungeheuer.

Die betroffenen Städte sind gespenstischee Symbolik: Houston, die Hauptstadt des Öls und Miami, die Bankenmetropole für das südamerikanische Fluchtgeld und für die Zweitwohnungen der Reichen aus Brasilien, Venezuela oder Ecuador. Ein Reichtum, teils erworben durch die Abholzung der Tropenwälder des Amazonas, dem größten Klimaregulator des Globus, von dem jährlich hunderttausende von Hektar illegal gerodet werden.

Die Gelder in Miami geparkt in den Banken-Hochhäusern an der Brickell Ave - die gerade meterhoch unter Wasser stand. Eine unheimliche Symbolik der Zielstädte dieser Hurrikans - und der gescheiterten amerikanischen Demokratie, deren Wähler nur zwischen zwei Repräsentanten wählen konnten, aber nicht für eine bestimmte Energiepolitik.

Es ist die Schwäche unserer Demokratie, deren Repräsentanten ein Gegensteuern nicht gelingt und die allenfalls die Illusion des 2° Ziels als "Obergrenze" anbieten. Aber nicht die mittlere Temperatur ist die Gefahr, die Extrema sind es. Nicht exakt vorhersagbar, statistisch verteilt und als Schicksalsschlag Tausende von Existenzen vernichtend.

Das Versagen der repräsentativen Demokratie

Die verfehlte Energiewende ist ein kollektives Versagen unseres demokratischen Systems. Während eine deutliche Mehrheit der Weltbevölkerung eindeutig den Klimawandel vermeiden will, kann dieser Wunsch bei Wahlen kaum irgendwo priorisiert werden, auch nicht bei uns. Jede Partei mischt ihn mit anderen Themen.

Bündnis90/Die Grünen mit der liberalsten Willkommenskultur für Flüchtlinge, die SPD mit dem Schutz der Kohle, die CDU mit ihrem erfolglosen, aber teuren EEG und den Interessen der Energiekonzerne, die AfD leugnet den Klimawandel und die FDP schweigt dazu. Wie also soll in einem solchen Mischmasch der Wähler bindend gegen den Klimawandel stimmen?

Die Medien-Botschaft des G 20-Gipfels

Die letzten großen Demonstrationen für eine andere Politik waren der Marsch von Zehntausenden, die zum G20-Gipfel nach Hamburg zogen. Aber deren Proteste ging unter in der Berichterstattung über die Wenigen, die Krawall machten. Stimmt da die Rolle der Medien?

Müssen sie nur unsere Sensationslust stillen, müssten sie nicht kontinuierlicher bewusst machen, worum es insgesamt geht? Aber auch sie folgen den Gesetzen der Märkte, schreiben, was gern gelesen wird. Es ist tragisch, wie so die Randale des G20 das Medieninteresse beherrschten, aber die Botschaft zehntausender friedfertiger Demonstranten keinen Raum erhielt.

Auch bei Irma: Viele Meteorologen, auch Greenpeace warnten, dass diese Extrema zunehmen. Für die Medien aber blieb die Sensationsberichterstattung über die Hurrikan-Schäden die Priorität.

Der Klimawandel wird so akzeptierte Normalität. Schlimm. Aber: es kommt noch schlimmer. Wir haben erst 1° mittlere Erwärmung und keine Anzeichen, dass die Generationenverantwortung in unserer Zivilisation ein Leitmotiv der politischen Klasse wird. An der Priorität des Machterhalts wird auch diese Hurrikan-Kette nichts ändern.

Die Vision des Plateau 3

Viele, auch ich, sind frustriert beim Anblick solch vermeidbarer Naturkatastrophen. Weniger CO-2 in den letzten Jahrzehnten und die Stürme wären schwächer gewesen. In meinem Buch Plateau 3 hatte ich schon vor Jahren eine Vision entworfen für eine nachhaltigere Marktwirtschaft und zur Durchsetzung mehr direkte Demokratie gefordert.

Viele sahen in dieser Kombination die Lösung, nannten das Buch einen Klassiker. Es machte klar, ohne direkte Demokratie werden wir diesen Irrweg unserer Zivilisation nicht in den Griff bekommen.

Nur, Politiker lesen nicht. Politiker kümmern sich um den Erhalt ihrer Macht - auch Angela Merkel, aufgewachsen in der Diktatur des Sozialismus. Es ist schlimm, dass in den zwölf Jahren ihrer Amtszeit auch uns keine Trendwende der Co-2-Emissionen und auch keine Stärkung der direkten Demokratie gelang. Die ist aber notwendig für die harten Fragestellungen, denn am Ende des Tages kann bei politischem Versagen nur des Volkes Stimme verändern.

Ich gehöre also zu denen, die frühzeitig gewarnt haben. Aber der frühen Warnung wird kein Denkmal gesetzt, nicht mir und auch nicht profilierten Namen wie Al Gore oder Umweltminister Töpfer oder gar den vielen hunderttausend Demonstranten.

Es bleibt nur der Frust für all die, die gegen diese zunehmende Generationenschuld kämpfen - und die Hoffnung, dass das Gefühl für nachhaltige Verantwortung auf Dauer doch die Oberhand gewinnt und wir eines Tages unsere Zukunft verantwortungsvoll gestalten.

Warum Nationen scheitern

Wird sich kurzfristig etwas ändern? Nichts spricht dafür. Warum Nationen scheitern? Das Buch gleichen Namens zeigt es in beeindruckenden Vergleichen. Es ist das Versagen der politischen und wirtschaftlichen Eliten durch Machterhalt, Meinungsmanipulation und Ausbeutung statt Einsatz für Wirtschaftsentwicklung, Demokratie und soziale Gerechtigkeit.

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Jetzt allerdings geht es nicht um das Scheitern einer Nation. Der Vergleich fällt beim Klimawandel weg. Der ist ein Versagen der gesamten zivilisierten Menschheit, ohne nationalen Unterschied. Der Einzelne kann nicht raus, er ist ein kleines Rädchen im System.

Wir brauchen eine andere Marktwirtschaft. Um das zu erreichen, brauchen wir mehr Direkte Demokratie. Wir brauchen ein Plateau 3 oberhalb der heutigen Repräsentanz- Demokratie und oberhalb der heutigen Marktwirtschaft. Sie ist nicht sozial, sie ist brutal.