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Elektromobilität - Das hässliche Entlein muss wachgeküsst werden

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ELECTRIC CAR
Ints Kalnins / Reuters
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Für seine abendliche Sendereihe UNKRAUT hatte sich das bayerische Fernsehen etwas Besonderes ausgedacht: eine Fahrt ins Grüne, mit Elektromobil, als Auftakt einer Reihe über alternative Mobilität.

In der wohlhabenden Gemeinde Weßling des Landkreises Starnberg sollten dann einige Experten interviewt werden, so auch ich. Dort sollte es auch eine Tankstelle für Elektrofahrzeuge geben. Das klang gut, ich stimmte zu und zog los, um mich zu informieren.

Als erstes zur Ladestation, die Adresse von einem Musikgeschäft, zwei Kilometer außerhalb. Auf dem Weg dorthin ein großen Aldi Parkplatz, ohne Lademöglichkeit. Auch bei der S-Bahn mit den vielen Park&Ride-Plätzen keine Lademöglichkeit.

Nur ein alter Fahrradständer, ein Teil der Fahrräder längst vergessen, mit Plattfuß und auch hier keine Ladestation, auch nicht für E-Bikes. Schon jetzt war klar: die selbstverständliche Pflicht der Kommunen, für erste Ladestationen zu sorgen, war bei dieser Gemeinde noch nicht angekommen.

Tags zuvor hatte ich mit einem Bekannten gesprochen, der täglich vom Stadtrand mit seinem Elektro-Pkw ins Stadtzentrum fährt. Er bräuchte ein Nachladen in der Tiefgarage dort. Aber der Vermieter weigert sich.

Eine Bevorzugung für Abstellflächen und ein wall-outlet will er nicht. Schade, denn gerade mittags würde das Nachladen die Stromspitze der Photovoltaik optimal nutzen. Auch die Stadt München hat im nahen Umkreis keine Lademöglichkeit. Überall klemmt es, für Pendler genauso wie für den Wochenendausflügler. Es fehlt die Liebe zum Detail.

Auch große Geschenke brauchen Liebe

Dabei hatte die Bundesregierung doch gerade eine dicke Kaufprämie für Elektro-PKWs eingeführt - 5000 Euro! Nur hatte man offensichtlich vergessen: Elektromobilität funktioniert anders.

Man muss mit Wartezeiten beim "Tanken" leben und man muss kleinteilig, regional denken. Es geht also weniger um Elektro-Tankstellen, als um die vielen Punkte, wo Autos lange stehen und Lademöglichkeiten geschaffen werden müssen.

Also um öffentliche Parkplätze, um Einkaufs-Zentren, um Vorort-Bahnhöfe und um die Ladestecker am Laternenpfahl in den Wohnvierteln. Und natürlich um ein Leitsystem, beginnend an Hauptstraßen und Autobahnen. Elektromobilität wird es ohne diese Liebe zum Detail nicht geben. Ohne sie wird die Prämie zum Placebo, zum wirkungslosen Aktionismus. Es geht um Soforthilfe für die Pioniere, um das Jetzt, nicht um das millionste Fahrzeug.

Der Klimakodex gäbe Leitlinien - branchenspezifisch
Seit Jahren fordere ich in meinen Büchern den Klimakodex als Selbstverpflichtung der Wirtschaft zur Bekämpfung des Klimawandels. Also Leitlinien, die branchenspezifisch gemeinsam mit Wissenschaft und Experten der Zivilgesellschaft erarbeitet werden.

Der breit aufgefächerten Wirtschaft entsprechend sind Möglichkeiten und Anforderungen für jede Branche verschieden. Architekten, Bäckermeister und Industriekapitäne haben ganz unterschiedliche Aufgaben gegen den Klimawandel. Jeder kann zu Energieeffizienz und Emissionsreduzierung etwas tun - und natürlich kann jeder auch nur reden, statt zu handeln.

Das Versagen einer ganzen Industrie

Reden statt tun war immer schon eine Stärke der Automobil-Industrie. 1994 gab der Verband der Automobil-Produzenten in Brüssel das Versprechen ab, den CO-2-Ausstoß der Fahrzeuge deutlich zu senken. Aber getan hat sich nichts. Statt einen zur Umsetzung dieser Selbstverpflichtung notwendigen Verhaltens-Kodex einzuführen, blieben die Hersteller untätig - mit dem Effekt, dass die EU-Kommission dann harte Regeln vorgab.

Die führten dann zum Dieselskandal, nicht etwa zu einer Beschleunigung der Entwicklungen für die Elektromobilität. Tesla wurde belächelt und E-Mobilität für den Lieferverkehr überließ man der Post. Eine saubere road-map, ein Langfristplan der Automobil-Industrie zur emissionsfreien Mobilität fehlt bis heute. Jeder für sich und alles unkoordiniert - trotz der dringenden Notwendigkeit, Standards zu entwickeln: eine Blamage nach der anderen, konzeptlos bei höchstem Gehalt.

Andere sind längst weiter. In China ist Elektromobilität Realität. Ohne Quotenvorgabe wie dort wird es auch bei uns nicht gehen. Die Beschränkung der Flotten-Pönalen nur auf die CO2-Absenkung genügt nicht, sie muss auch Elektro- Quoten beinhalten, auch gegen starke Lobby.

Herr Kretschmann redet sich in Rage

Zufällig hatte am Tag des Interviews Bündnis 90/die Grünen ihren Parteitag und da redete sich Ministerpräsident Kretschmann bekanntlich in Rage: das Verbot des Verbrennungsmotors ab 2030 wäre unsinnig, denn wo soll der Platz für die Tankstellen herkommen. Tatsächlich ist eine solche Langfristaussage unnötig und verschreckt nur, nicht nur die Automobil-Industrie.

Denn keiner weiß, wie der technologische Wandel genau aussehen wird. Was sicher nicht im Vordergrund stehen wird, ist die Versorgung der Elektromobilität mit Groß-Tankstellen im heutigen Stil, von Autobahnen und Fernstraßen abgesehen.

Auch Wasserstoff - der idealste Energiespeicher - wird 2030 eine große Rolle spielen. Der könnte die heutigen Tankstellen fast übernehmen. Wie sich Wasserstoff- und Elektromobilität dann mischen, das wird die Kreativität der Ingenieure entscheiden und nicht eine Vorgabe von Bündnis 90/die Grünen.

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Lokale Selbstversorger - des Bürgers Traum

Im Moment aber geht es bei der Förderung der alternativen Mobilität um das Jetzt. Manche Maßnahmen ergeben sich fast als selbstverständlich. Dabei darf man nicht vergessen: Solarstrom ist regional. Er entsteht auf Dächern, auf der Industriebrache nebenan, in der Nähe von Fernstraßen und auf landwirtschaftlich schwer nutzbaren Böden.

Überall und damit regional, vor Ort. Damit liegt er nahe: der Traum von häuslicher Autarkie. Photovoltaik bietet sich an als lokale Energie vom Dach. Selbstversorgung wäre das Kostengünstigste, insbesondere, wenn der Eigenverbrauch durch Streichung der EEG-Eigenverbrauchs-Umlage gefördert würde.

Zu Hause kostenfrei aus den Solarpanel nachladen - welch ein Traum jedes Pendlers - und im Büro als Teil des Service des Arbeitgebers ebenso.

Einen Vorreiter dieser Entwicklung gibt es schon: Die Solardachziegel von Tesla. Sie sollen u.a. der Aufladung des eigenen Strom-Autos dienen. Und als Nebeneffekt die Entlastung der großen Stromtrassen durch die Priorität der Selbstversorgung. Regional ist Trumpf.

Den größten Fehler des EEG wiederholt

Übrigens: das Speicherangebot der Elektromobilität kann enorm entlastende Wirkung gegen die Fehlentwicklungen der Solartechnik haben.

Denn es kann die derzeit so destruktive Erzeugerspitze in den Mittagsstunden abfangen. Die Förderung der Speicherung ganz allgemein, über das E-mobil hinaus, würde die alte Sünde der EEG-Umlage heilen, die bedarfsgerechte Glättung des Stromangebots durch Speicherung zu erreichen.

Die Elektro-Mobilität wird nur gewinnen, wenn sie von einem durchdachten Gesamtkonzept begleitet wird mit viel Motivation aller Akteure zum Detail - statt Halt zu machen bei der von der Automobilwirtschaft gewünschten Kaufprämie.

So ist sie nutzlos und das will ja wohl auch der Titel UNKRAUT der Sendung des Bayerischen Fernsehens andeuten.

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