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CSR - Synonym für Unternehmensverantwortung

11/03/2017 12:56 CET | Aktualisiert 11/03/2017 12:56 CET
Gary Burchell via Getty Images

Unternehmensverantwortung, dieser „Anstand" über das Gesetz hinaus ist heute die übliche Erwartung an die Unternehmen und an ihre Führung. Die geben sich in den letzten Jahren gern grün, nachhaltig, energiebewusst und fair, mit Labels, Zertifikaten und Leitlinien zu „Nachhaltigkeit".

Ein guter Trend, aber leider keineswegs flächendeckend. Teils beobachtet man eher eine Verrohung, Fairness und Anstand sind keineswegs immer Standard in unserer Marktwirtschaft.

Wie es mit „Unternehmensverantwortung" in ökologischer und sozialer Hinsicht nun tatsächlich aussieht, dazu sollen sich die großen Unternehmen zukünftig in ihrem Jahresbericht äußern.

Das verlangt ein neues Gesetz unter dem Titel „CSR-Berichtspflicht", das am 10. März im Bundestag in einer Nachtsitzung ohne weitere Aussprache verabschiedet wurde.

Die Medien getäuscht?

Das war spannend. Denn insbesondere die Grünen und die Linken haben den Gesetzentwurf in 1. Lesung im November gewaltig kritisiert, der Regierungsentwurf ging nochmals in die Überarbeitung. Die Huffington-Post berichtete - im Gegensatz zu fast allen übrigen Medien.

Die Verwendung der nichtssagenden Abkürzung CSR auch im deutschen Gesetzestitel könnte der Grund sein, warum die Medien den für die Öffentlichkeit durchaus interessanten Vorgang wohl übersehen haben. Würde der Titel „Berichtspflicht zur Unternehmensverantwortung" lauten, wüsste jeder, was gemeint ist und das Hinterfragen des Gesetzes durch die Medien wäre die übliche Begleitung des neuen Gesetzes.

Ein unerwünschtes Gesetz

Das aber wollten die großen Wirtschaftsverbände und wohl auch die Unions-Parteien vermeiden. Denn dieses Gesetz ist umstritten und hat eine Vorgeschichte. Die EU-Kommission wollte etwas ganz anderes: Sie wollte, dass sich die Wirtschaftsverbände um das Verhalten ihrer Mitglieder bei ethisch wichtigen, aber von den Gesetzen schwer zu fassenden Themen mit kümmern und in Problembranchen dazu Regeln aufstellen.

Dabei geht es auch und gerade um das Verhalten der Unternehmen im weltweiten Verbund ihrer Produktions- und Handelsketten, also dort, wo unsere Gesetze nicht greifen. Wie sieht es da aus mit Mindeststandards im Arbeits- und im Umweltschutz, wie mit Fairness und Sozialverhalten? Aber Regeln und Verpflichtungen dazu, das wollten die Wirtschaftsverbände und Kammern nicht aufstellen - oder gar überwachen.

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Nur eine nichtssagende Berichtspflicht ist geblieben

Damit die Ablehnung nicht so offensichtlich ist, einigte man sich, für die Konzerne eine „Berichtspflicht" einzuführen, allerdings ohne genauere Vorgaben, was den berichtet werden soll und nur beschränkt auf große Aktiengesellschaften. Das mag allenfalls für Rating-Verfahren von nachhaltigen Geldanlagen interessant sein, ist aber nicht geeignet für den kritischen Blick der Zivilgesellschaft und der Medien.

Die brauchen Vergleichbarkeit und Transparenz und das geht nur, wenn auch Inhalte vorgegeben und insbesondere Lücken erkennbar werden. Deshalb ist es zu begrüßen, dass der energische Vorstoß nun immerhin zu der Änderung geführt hat, dass eines der üblichen "Rahmenwerke" verwendet werden muss oder die nicht Verwendung begründet.

In Deutschland gilt als solches der Kodex für Sozialstandards desVon der Bundesregierung eingesetzten Nachhaltigkeits-Rats.

Damit entsteht nun Vergleichbarkeit und Transparenz - und wer diesen Standard nicht verwendet, kommt sofort in den Verdacht, einige Sünden verschleiern zu wollen. Das ist vor allem für die internationalen Handels und Bezugsketten wichtig, die ja oft auf menschenunwürdigen Zuständen in den Schwellenländern basieren.

Das Ziel bleibt: definierter Anstand über das Gesetz hinaus

Die EU-Kommission wird im nächsten Jahr die ersten Ergebnisse dieser neuen Berichtspflicht prüfen. Vielleicht haben dann auch die Wirtschaftsverbände verstanden, dass sie nicht nur als Lobbyverbände widersprechen, sondern auch selbst mit für Anstand und Ehrbarkeit in ihren Reihen sorgen könnten - durch branchenspezifische Vorgaben an ihre Mitglieder und dass sie mit solcher „Selbst-Regulierung" beitragen können zu einer EU mit weniger Bürokratie.

Wie stark dieses Instrument der Selbstverpflichtung, also der Wertekodices und Leitlinien von Unternehmen sein kann, zeigt das Buch Werteorientierte Marktwirtschaft, das demnächst im Oekom-Verlag in der Reihe Denk.stoff erscheint und bereits als eBook verfügbar ist.

Es zeigt, dass Werteorientierung von Unternehmen mehr ist als nur Gesetze einzuhalten. Und verantwortungsvolle Unternehmensführung beurteilen nicht nur Gerichte, sondern auch und gerade die Allgemeinheit, die Medien und die werteorientierten Organisationen der Zivilgesellschaft.

Sie sind es, die den Ruf eines Unternehmens immer wieder neu formen und über Label, Zertifikate und Wertekodices urteilen. Ein "soft-law" mit anderer Gerichtsbarkeit als Gesetze und Verordnungen. So beobachtete Unternehmensverantwortung ist ein wichtiges Element gegen die Schwächen und Exzesse einer weitgehend freien Marktwirtschaft. Nur "Berichte" allerdings genügen nicht.

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