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Atomkraft braucht Zivilisation

30/03/2016 09:52 CEST | Aktualisiert 31/03/2017 11:12 CEST
Getty Images

Lange hatten die Energiekonzerne auf sie eingeredet, black-out und Katastrophenszenarien geschildert und sie hatte schließlich nachgegeben. Die Laufzeit der Atomkraftwerke wurde um 12 Jahre verlängert. Das war 2010.

Und dann kam Fukushima, eine Apokalypse für jeden Physiker. Nach einigen Tagen des Bangens explodierte Block 3 mit einer riesigen Wasserstoffwolke, vor den Fernsehzuschauern aus aller Welt. Auch die Kanzlerin dürfte das gesehen haben.

Und schneller als Japaner und Amerikaner kippte sie. Noch fünf Jahre, vielleicht sieben, dann kein Kernkraft mehr! Aus, Schluss. Es war wohl der überraschendste Schwenk der Kanzlerin so kurz nach dem Verlängerungsbeschluss.

Was in Fukushima passierte, war neu

Dr. Angela Merkel ist Physikerin. Ich auch. Und ich vermute, dass sie das gleiche erschreckende Aha- oder vielleicht besser Oje-Erlebnis durch die Fernsehbilder von Fukushima hatte wie ich. Mir jedenfalls erstarrte beim Anblick der riesigen Explosionswolke über dem Reaktor das Blut in den Adern.

Denn das war eine Wasserstoffexplosion. Und eine Wasserstoffexplosion dieses Ausmaßes, das war neu. Wir als Physiker dachten primär an die Kernschmelze, die den Reaktorboden zerstört, an verseuchtes Kühlwasser und die Gefahren der gelagerten radioaktiven Stäbe. Das war es, was Physiker und Ingenieure primär diskutiert hatten.

Aber hier kam es anders: Der Reaktor 3 explodierte nicht durch ein Knallgasgemisch. Die Reaktordecke zerbarst und zerstreute im breiten Umkreis radioaktiven fall-out. Überhitztes Kühlwasser kühlt nicht, es zerfällt in Wasserstoff und Sauerstoff. In Knallgas. Und das machte noch viel klarer, was eigentlich immer klar war:

Atomkraft braucht Kühlung - und Kühlung braucht Zivilisation

Denn ohne „Zivilisation", ohne öffentliche Stromversorgung bricht nach einigen Tagen auch ein dreifach gesichertes Kühlsystem zusammen. Auch heldenhafter Zutritt ist dann nicht mehr möglich. Hinterfrägt man dies, dann kommen den Sicherheitsberatern viele weitere Szenarien in den Sinn, die Kühlsysteme blockieren können.

Vor einigen Jahren hatte der von Israel zusammen mit den USA entwickelte Stuxnet-Virus im Iran hunderte von Ultrazentrifugen zur Urananreicherung abgeschaltet. Und Cyber-Attacken werden bekanntlich immer raffinierter. Und es gibt auch andere Schreckensszenarien, die die Zivilisation im Umfeld eines Kernreaktors ausschalten können.

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Bioterror zum Beispiel. Oder Totalausfall der nationalen Strom- oder Kommunikationsnetze. Je rascher die Vernetzung der Welt und deren Technologien vorankommen, umso fraglicher wird die Sicherheit der AKW-Kühlsysteme. Und ohne die wiederholt sich Fukushima. Weite Landstriche werden unbewohnbar verseucht. Physikerin Merkel verstand das sofort und begrenzte die Laufzeit der AKWs im europäischen Alleingang.

Terror-Bedrohung macht die Gefahr real

Die kürzlichen Vorfälle in Belgien zeigen nun, dass bisher nur dem Science-Fiction zugeordnete Fantasien doch vielleicht auch reale Gefahren sind. Denn die heutige Terror-Bedrohung geht von technisch bestens informierten Gruppen aus, von „Staaten", die den Massenmord als ihr Ziel und vielleicht in Bioterror und nuklearen Katastrophen dessen Krönung sehen.

Leider scheinen die Ereignisse in den belgischen Kernkraftwerken genau solche Pläne anzudeuten. Denn die Behörden ließen sofort nach dem Anschlag am Flughafen zwei AKWs bis auf eine Minimalmannschaft räumen, ohne genauere Erklärung. Dann die Video-Überwachung eines Nuklear-Spezialisten und davor mehrjährige Spionagetätigkeit im Sicherheitsbereich.

All das gibt Raum für Sorgen, welche Gefahren sich hier entwickeln. Wahrscheinlich ist das übrigens noch mehr, als es Frau Dr. Merkel von ihren Sicherheitsexperten erläutert wurde. Denn bis vor kurzem hielt man einzelne Verrückte schon für genügend Bedrohung, große Gruppen, die ganz Europa terrorisieren und die sich auch noch Staaten nennen, waren eher außerhalb des Denkbaren.

So gesehen, ist jeder weitere Tag mit AKWs unverantwortlich, zu unserem Schutz, wegen ihres schmutzigen Erbes leider aber auch zu dem vieler weiterer Generationen. Immer besser versteht man, warum Physikerin Dr. Merkel sehr spontan so entschied und auch nicht mehr umfiel. Obwohl es das Lavieren bei der inzwischen so ungeliebten Energiewende viel einfacher gemacht hätte.....

Manchmal ist es doch von Vorteil, wenn statt der Lobby-Einflüsterungen die Fachkenntnis einer Diplom-Physikerin entscheidet. Dieses Glück haben unsere Nachbarländer nicht. Sie betreiben noch auf unbestimmte Zeit.....

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