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Wegen dieser Erziehungsmethode entwickeln Kinder Bindungsstörungen

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HIPSTER PARENTS CHILDREN FILTER
Hinterhaus Productions via Getty Images
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Mein Buch „Nicht mehr über Tyrannen reden!" ist aus der Praxis für die Praxis entstanden. Im weiteren einige Auszüge aus der Einführung und der Einleitung. Diese beschreiben, unter Anderem, die Motivation, die mich zu diesem Buch geführt hat.
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Nachdem die freie Pädagogik ausprobiert worden ist, stellte man fest, dass Pädagogen und Eltern damit gegen die Wand gefahren sind, und neue Alternativen wurden gesucht. Die Wichtigkeit der Grenzen wurde neu entdeckt, brachte aber kein Paradigmenwechsel, da das Wort Grenzen eine neue Bezeichnung der Regeln darstellte, ohne dass hierzu Stellung bezogen wurde.

Viel wichtiger hingegen ist, dass der Sicherheit gebende Faktor durch eine vorhandene Autorität eine neue Bedeutung erhielt. Die Eindeutigkeit und Integrität im Verhalten der Eltern erwies sich als richtungweisend im Erziehungsprozess. Die Elternrolle sollte neu definiert und die Ebenen neu bewertet werden. Eltern sollten wieder Eltern werden. Der Auftrag der Eltern, Lehrer/innen und Erzieher/ innen ist mehr als nur reine Grenzsetzung.

Kinder brauchen einen Rahmen

Vor Jahren wurde der Satz: „Kinder brauchen Grenzen" immer wieder erwähnt, um der freien Erziehung entgegenzuwirken. Dass Kinder Grenzen benötigen, steht außer Frage, ist aber definitiv nicht elementar. Es geht nicht darum, den Kindern dieses oder jenes zu verbieten, um ihnen das „Nein" beizubringen, sondern um die Erstellung eines Rahmens, in dem sich die Kinder frei entwickeln und entfalten können.

Ferner ist es, wie im Weiteren gesehen wird, wesentlich wichtiger, den Kindern Sicherheit und Geborgenheit zu geben. Die Eltern, Lehrer/innen und Erzieher/innen sind der grenzende Rahmen, der immer für die Kinder da ist und ihnen Sicherheit gibt. Mit dem Rahmen, den diese Bezugspersonen darstellen, lernen die Kinder, ihre Freiheit zu erkennen und damit umzugehen. Dieser Rahmen ist es aber auch, der den Kindern erlaubt, Fehler zu machen.
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Wenn erwachsene Menschen ein störendes Verhalten bei einem Kind sehen, wird das Verhalten als ein oder als „das" Problem betrachtet. Dieses ist aber nur in den seltensten Fällen so. Erstens ist zu bewerten, ob dieses Verhalten ein störendes im pathologischen Sinne oder eher ein altersadäquates, welches von den Erwachsenen als störend wahrgenommen wird, ist.

Das Verhalten, im Sinne einer Verhaltensauffälligkeit, welches ohne Zweifel störend ist, ist immer der Ausdruck eines tiefer liegenden Problems.

Symptom verschwindet, Problem bleibt

Es ist somit nur ein Symptom und muss als solches betrachtet werden. Wenn sich die Eltern, Lehrer/innen und Erzieher/innen dementsprechend nur auf eine Symptombehandlung konzentrieren, erreichen sie unter Umständen, dass das vorhandene Symptom verschwindet. Es wird dann aber durch ein anderes ersetzt.

Mit viel Glück ist dann das neue Symptom nicht so störend und unschädlicher als das behandelte. Mit den medikamentösen psychiatrischen Eingriffen, wird den Kindern kein neues Verhalten beigebracht oder von ihnen erlernt, sondern die vorhandenen und nicht gewollten Verhaltensmuster kommen zu einem Stillstand. Dieser Stillstand hält unter dem Einfluss der Medikamente an. Die Wahrscheinlichkeit, dass die alten Verhaltensweisen zurückkehren, ist nach Absetzen der Medikamente sehr hoch.
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Wenn über Ursachenforschung gesprochen wird, ist damit auf keinen Fall gemeint, dass es eines Schuldigen bedarf, um das Problem zu bearbeiten oder zu lösen.

Bindungsschwierigkeiten und Bindungsstörungen entstehen nicht daher, dass sich „böse Eltern" nicht um ihre Kinder kümmern.

Es gibt viele kleine Bausteine, kleine Ursachenpunkte, die, wenn sie aufeinander treffen, ein Konstrukt etablieren, aus dem ein Störungsbild, im Sinne der Bindungsstörung, entstehen kann. Unter Ursachenforschung versteht man, das Problem, welches hinter dem dargelegten sichtbaren Symptom steht, zu definieren.

Einen Schuldigen zu suchen und zu finden, löst kein Problem, auch wenn es in der politischen Alltagspraxis das gängigste Modell darstellt. Die meisten Eltern, denen die Pädagogen in ihrer praktischen Arbeit begegnen, lieben ihre Kinder und wollen nicht nur eigentlich - sondern wirklich - das Beste für sie.

Falscher Umgang in der Gesellschaft

Unglückliche Situationen entstehen aus unterschiedlichen Gründen. So wie damit in unserer Gesellschaft umgegangen wird, wird eine Verstärkung und eine Ritualisierung des Problemverhaltens erreicht.
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Verhaltensweisen in der frühen Kindheit prägen das Leben. Es gibt unterschiedliche Verhaltensweisen bei kleinen Kindern, über welche die erwachsenen Menschen und auch die Eltern lachen, und sie damit legalisieren. Sobald die Kinder etwas älter sind, wird das Verhalten, über das noch vor wenigen Jahren gelacht wurde, als verboten erklärt.

Nicht immer gelingt hier ein Übergang, und die Kinder verlernen schwer oder kaum die erlangten Schemen. Wenn die Kinder dann das zehnte Lebensjahr erreichen und noch älter werden, sind sie nicht mehr steuerbar, ihre Handlungen werden deutlich sichtbar, sind hervorstechend und werden durch den Filter der Erwachsenenwelt bewertet. Einjährige Rabauken sind süß, Zehnjährige nicht, die sind störend.
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Zum Glück gibt es die Pubertät. Jedes ungebührende Verhalten wird heute auf die Baustelle im Kopf geschoben. Vor zwanzig Jahren waren es noch die Hormone. In beiden Fällen gibt es einen „Schuldigen", der für die Verhaltensweisen verantwortlich ist. So entfällt die Notwendigkeit, das gesamte Konstrukt zu betrachten.

Wenige der klagenden Eltern schauen zurück in die Vergangenheit.

Den Zusammenhang zwischen: „Ja, komm, nur dieses Mal, damit ich meine Ruhe habe..." und „Du hast mir gar nichts zu sagen, ich mache, was ICH will..." ist ja auch nicht wirklich leicht erkennbar.
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Eine wichtige Empfehlung in pädagogischen Prozessen lautet immer, nichts zu verbieten, was kurz darauf erlaubt wird. Die Kinder lernen, dass sie sich nicht auf die Aussagen der Eltern, Lehrer/innen oder Erzieher/innen verlassen können, da diese scheinbar selber nicht wissen, was sie wollen.

Wenn die Eltern, Lehrer/innen oder Erzieher/innen in den Augen der Kinder die Situationen nicht mehr im Griff haben, entsteht bei ihnen eine extrem starke Verunsicherung. Sie fühlen sich genötigt, die Situation selber in die Hand zu nehmen, wissen aber zeitgleich, dass sie hierzu nicht in der Lage sind, verlieren ihren Halt und werden rastlos.

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