BLOG

Es ist herablassend, ein Tier "süß" zu nennen - Gastbeitrag von PETA-Gründerin Ingrid Newkirk

21/07/2017 15:03 CEST | Aktualisiert 21/07/2017 16:11 CEST
ShaunLeePhoto via Getty Images

Von PETA-Gründerin Ingrid Newkirk

Jeden Morgen kommt eine Krähe mit nur einem Fuß zu meinem Büro in Washington D.C. Ich höre sie krähen - ich weiß, dass sie eine "sie" ist, weil sie letztes Jahr ein ziemlich lautstarkes Baby bekam.

Ich rufe nach ihr, sie landet auf meiner Fensterbank und ich stelle ihr Frühstück hinaus. Sie liebt Blaubeeren und hasst Falafel. Das weiß ich, seitdem sie ein Stück Falafel auf einen Mann ausspuckte, der unter dem Fenster vorbeilief.

Manchmal essen Krähen Eichhörnchenbabys. Deshalb tue ich ab und zu so, als würde ich ihr ein Eichhörnchenbaby geben - aber in Wahrheit ist es nur ein warmer, weicher Bohnenburrito. Vielleicht denkt sie, das rote Innere sei Mageninhalt, wo es doch tatsächlich nur Bohnen und Tomatensauce sind. Eines Tages sah jemand, wie meine Krähe ihr Frühstück aß und sagte: "Ohh, sie ist so süß!"

Wie oft nehmen wir Tiere - ganz egal, was sie tun - als "süß" wahr, anstatt ihre Erfahrungen zu reflektieren? Schließlich sprechen wir hier von einer einfüßigen Krähe, die es schafft zu überleben. Sie umfliegt Stromkabel, den Verkehr und böse Menschen in unserer Betonstadt.

Sie durchstöbert den Müll, um sich und ihre Kinder zu ernähren. An eiskalten Wintertagen wird sie bis auf die Haut durchnässt. Und selbst bei starkem Wind muss sie sich mit nur einem Fuß an Ästen oder Feuertreppen festhalten. Wenn sie sich ihren einen Fuß verletzt, hat sie verloren!

Sie schafft so viele beeindruckende Dinge, die ich niemals schaffen würde. Sie ist ein ganz eigenes, erwachsenes Individuum mit einer Behinderung und steht vor enormen Herausforderungen. Und doch infantilisieren wir diese klugen Wesen häufig, kichern über sie und halten sie für süß. Das ist, als würde man kurz vor dem Hungertod stehende Geflüchtete "süß" nennen.

Tiere - durchdacht und klug, nicht süß

Im Normalfall ist alles, was Tiere tun, gut durchdacht und klug, nicht süß. Wenn ein kleiner Hund, der keine opponierbaren Daumen hat - keine unserer Vorteile -, ein Kinderplanschbecken ins Haus schafft, ist das beeindruckend.

Schauen Sie sich das Video im Internet an. Der Name des Hundes ist Gus. Er arbeitet an diesem Projekt, weil er das Becken gern im Haus hätte. Mit verschiedenen Strategien und einem unerschütterlichen Willen schafft er es schließlich. So löst man Probleme.

Mehr zum Thema: Studie: Menschen sind nicht intelligenter als Tiere

Wenn eine Springspinne in das Netz einer anderen Spinne geht, darauf klopft und so die andere Spinne anlockt, weil diese denkt, ihr sei eine Fliege ins Netzgegangen - ist das süß? Sicher nicht für die zweite Spinne, die gegessen wird. Es ist intelligent. Es gibt Belege dafür, dass Springspinnen dieses Verhalten lernen und dass sie herausfinden, welche Art zu klopfen am besten funktioniert.

Kraken nutzen weggeworfene Kokosnussschalen als Unterschlupf. Ist das nicht vielmehr clever als süß? Für sie geht es ums Überleben.

Es gibt viele unglaubliche Beispiele für den Einfallsreichtum von Tieren. Eichhörnchen graben ihre Nahrung wieder aus und vergraben sie neu, wenn ihnen ein Artgenosse beim Verstecken zugesehen hat. Schweine haben eine bevorzugte Temperatur und lernen mittels der Trial-and-Error-Methode, wie sie in einem kalten Stall die Heizung anstellen können, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu gibt.

Kaninchenfische und Gänse stehen abwechselnd Wache, damit die anderen in Sicherheit essen können. Präriehunde sprechen miteinander über Fressfeinde und geben sogar Details wie Größe, Form, Farbe und Geschwindigkeit weiter.

Wir vergessen das Leben um uns herum

Hühner verzichten auf eine Leckerei, wenn sie später eine größere Belohnung bekommen. Zur Kommunikation untereinander miauen Katzen nur selten. Doch sie erfinden eine ganz eigene Sprache an Miau-Lauten, um mit Menschen zu kommunizieren.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Tauben erinnern sich an menschliche Gesichter und erkennen die Menschen, die gut zu ihnen waren, wieder. Sie bleiben ein Leben lang mit ihrem Partner zusammen und teilen sich die Nistaufgaben.

Wenn wir Sonden ins Weltall schicken, um nach intelligentem Leben zu suchen, vergessen wir dabei häufig das um uns herum, hier auf der Erde, an Land und im Wasser. Wenn wir uns selbst wirklich als denkende Tiere verstehen wollen, müssen wir endlich aufhören, Tiere als "süß" anzusehen und stattdessen Worte nutzen, die Empathie und Respekt ausdrücken.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Sponsored by Trentino