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Wie Unternehmen auf Kosten der Tiere Verbraucher betrügen

03/09/2015 10:23 CEST | Aktualisiert 03/09/2016 11:12 CEST
Lee Torrens via Getty Images

Ethisch. Verantwortlich. Nachhaltig. Artgerecht.

Angesichts des zunehmenden Bewusstseins von Verbrauchern für die Produkte, die sie kaufen und tragen, werfen Bekleidungshersteller heute mit immer neuen Modewörtern wie den oben genannten um sich.

Doch als Käufer muss man auf der Hut: Unternehmen, die Produkte tierischer Herkunft verkaufen, bringen an ihren Kleidungsstücken oftmals Label an, die eine ethisch verantwortliche oder nachhaltige Produktion versprechen - in Wahrheit jedoch irreführend und schlicht falsch sind. Verbraucher sollten diesen beschwichtigenden Zusagen nicht vertrauen, denn jede Massenproduktion, in der Körperteile von Tieren zu Produkten aus Wolle oder Leder verarbeitet werden, beruht unausweichlich auf Tierleid.

PETA hat vor Kurzem ein Exposé ihrer Recherche auf sogenannten „nachhaltigen" Schaffarmen in Argentinien veröffentlicht, in denen angeblich Wolle aus „verantwortungsbewusst bewirtschafteten Quellen" hergestellt wird. (Quartz hatte unter diesem Link über das Thema berichtet.)

Erschütternde Videoaufnahmen

Erschütternde Videoaufnahmen von Schaffarmen des Netzwerks Ovis 21 zeigen jedoch, wie Arbeiter auf Lämmer einstechen, die noch bei Bewusstsein sind, und beginnen, die Tiere zu häuten, obgleich diese noch leben. Zudem zeigen die Aufnahmen, wie Lämmer und Schafe auch auf andere Weise misshandelt und vernachlässigt werden. Das Netzwerk Ovis gehört zu den Wolllieferanten von Patagonia, einem weltweit bekannten Hersteller von Outdoor-Bekleidung und -Ausrüstung.

Patagonia brüstet sich in seinen Arbeitsplatzrichtlinien für Zulieferer damit, dass seine Lieferanten „das Wohl der Tiere berücksichtigen" und „humane Verfahren" anwenden müssen. Wie kann es also sein, dass diese unsägliche Tierquälerei unbehelligt stattfinden konnte? Patagonia räumt nun zwar ein, dass es dem Unternehmen „nicht gelungen ist, einen umfassenden Prozess zum Schutz der Tiere zu implementieren".

Anders ausgedrückt heißt das aber: Obgleich sich Patagonia mit Zusagen über „verantwortungsbewusst bewirtschaftete Quellen" schmückt, hat das Unternehmen nicht dafür gesorgt, dass diese Zusagen auch eingehalten werden. Nach der Veröffentlichung der Videoaufnahmen von PETA hat Patagonia bekannt gegeben, die Zusammenarbeit mit Ovis 21 zu beenden.

Angora-Farmen in China

Doch selbst bei Unternehmen, die sich die Mühe machen, die Arbeitsverfahren ihrer Zulieferer zu überprüfen, sind die Ergebnisse oft wertlos. Dies musste ich leider erkennen, als ich letztes Jahr gemeinsam mit Vertretern eines multinationalen Bekleidungsunternehmens fünf Angora-Farmen in China überprüfte, deren Verfahren von externen Kontrolleuren zuvor als „human" erachtet worden waren.

Im Gegensatz zu der üblichen Vorgehensweise bei Kontrollen auf Farmen erfolgten unsere Besuche alle unangekündigt. Was wir in ausnahmslos jedem der Angora-Betriebe vorfanden, bestätigte leider unsere schlimmsten Befürchtungen: Jede Massenproduktion, in der Tiere verarbeitet werden, beruht auf unsäglichem Tierleid.

„Widerspenstige Tiere"

In den von uns überprüften Betrieben wurde das Fell der Kaninchen gewaltsam aus der Haut gerissen, so dass die gequälten Tiere nach der Tortur in ihren Käfigen in eine Schockstarre verfielen. In einem der Betriebe hing ein Seil von der Decke, an dem „widerspenstige Tiere" an den Vorderbeinen aufgehängt wurden, damit sie bequem gerupft oder geschoren werden konnten.

Obgleich in den Anlagen eine Temperatur von mehr als 38 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent herrschten, hatten die Kaninchen keinen oder nur unzureichenden Schutz vor der Hitze.

Die meisten Tiere litten aufgrund eines erhöhten Speichelflusses unter schweren Hautreizungen. Der Speichel lief ihnen über den Hals auf Brust und Vorderbeine und führte an diesen Körperstellen zu schlimmen Entzündungen. Aufgrund von Hitze, Stress oder Atemwegserkrankungen atmeten viele Kaninchen schnell und mit offenem Mund.

Schädigung des Innenohrs

Zudem hielten zahlreiche Tiere den Kopf in einem 90-Grad-Winkel zur Seite geneigt. Dies deutete auf eine Schädigung des Innenohrs hin, die vermutlich daher kommt, dass die Tiere für die Schur alle 30 bis 60 Tage grob aus den Käfigen gerissen werden.

Aufgrund der schiefen Kopfhaltung waren die Kaninchen orientierungslos, konnten weder Futter noch Wasser finden und verhungerten oder verdursteten daher langsam. Ein Statement über „verantwortungsbewusst bewirtschaftete Quellen" sieht auf dem Papier gut aus, aber meiner Ansicht nach leiden alle Tiere für die Produktion von Bekleidung unsäglich - und unnötig.

Eine tierärztliche Versorgung war entweder überhaupt nicht oder nur in hohem Maß unzureichend gegeben. Viele Kaninchen, die an chronischen Infektionen, offen Wunden, Atemproblemen, Unterernährung oder neurologischen Schäden litten, wurden nicht behandelt. Einige von ihnen waren so krank und schwach, dass sie in ihren eigenen Exkrementen lagen und keinerlei Reaktion zeigten, wenn sie berührt wurden.

Ohne Behandlung oder Schmerzmittel

In keinem einzigen der Betriebe, die wir überprüften, wurde je ein Kaninchen eingeschläfert. Ganz gleich, wie schwer krank oder verletzt die Tiere auch waren: Sie wurden ohne Behandlung oder Schmerzmittel einfach ihrem Schicksal überlassen, bis sie nach Tagen, Wochen oder Monaten endlich starben.

Als wären die Zustände, die wir erlebten, und die Bedingungen, unter denen die Tiere litten, nicht schon schlimm genug, waren wir umso entsetzter, als wir erfuhren, dass der Prüfer in einigen Betrieben bereits wenige Monate zuvor Kontrollen durchgeführt und die Anlagen derzeit als „human" bewertet hatte.

Meine Frage, ob die Zustände vor einigen Monaten denn anders gewesen seien als heute, verneinte er. Ich konnte beim besten Willen nicht nachvollziehen, wie er angesichts der gleichen katastrophalen Bedingungen, die unsere Gruppe jetzt mit eigenen Augen sah, angeben konnte, dass alles in Ordnung sei!

Keine Strafen für Verstöße

In China gibt es nur sehr wenige Vorgaben für die Behandlung von sogenannten Haustieren - und keine Strafen für Verstöße gegen diese Richtlinien. Die Gleichgültigkeit bezüglich des Wohlergehens von Tieren spiegelt sich auch stark in der chinesischen Industriekultur wider. Was beispielsweise in den USA als Tierquälerei erachtet wird, mag für chinesische Kontrollbeamte akzeptabel sein. Solche unterschiedlichen Sichtweisen wirken sich unweigerlich auf die Ergebnisse von Kontrollen aus.

Zudem sind viele Kontrollbeamte und Betreiber von Farmen befreundet oder bekannt miteinander. Bei unseren Besuchen beispielsweise luden uns die Inhaber der Betriebe zu sich nach Hause ein, boten uns Getränke an und führten uns sogar zum Mittagessen aus.

In den Regionen Chinas, die wir besuchten, gilt es als unhöflich, eine Einladung abzulehnen - doch hat man sie erst einmal angenommen, ist es anschließend umso schwerer, im Kontrollbericht anzugeben, dass der Inhaber seine Tiere quält. Dieser offensichtliche Interessenskonflikt hat uns schockiert.

Bekleidung aus rein pflanzlichen Materialien

Auch wenn diese Reise uns erschüttert hat, so war sie dennoch wichtig, denn sie hat aufgezeigt, dass das Kontrollsystem, auf das sich zahlreiche Unternehmen stützen, in Wahrheit völlig versagt. Wir konnten das Märchen von der „respektvollen und humanen Behandlung der Tiere" in aller Deutlichkeit als Lüge entlarven.

Die Zusage über „verantwortungsbewusst bewirtschaftete Quellen" sieht auf dem Papier gut aus, aber meiner Ansicht nach leiden alle Tiere für die Produktion von Bekleidung unsäglich - und unnötig. Die einzig ethisch vertretbare Option ist eine Bekleidung aus rein pflanzlichen Materialien. Angesichts der Vielzahl an wunderschönen synthetischen Stoffen und Naturfaserstoffen, die heute angeboten werden, ist es so leicht wie nie zuvor, sich modisch und völlig tierleidfrei zu kleiden.

Gastbeitrag von Anne Kellogg, PETA UK

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