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Damit wir nicht verdummen, brauchen wir mehr Forscherinnen

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Mittwochmorgen, 9:30 Uhr, irgendwann im Mai 2015 im westfälischen Münster. Etwa 20 Frauen sitzen um den großen Tisch in der Bibliothek. Mit der Vorstellungsrunde beginnt der Workshop "Teamwork und Führungskompetenz für Forscherinnen".

Unter anderem sind dort: Postdoc*, 34 Jahre alt, ein Kind; Doktorandin, 29 Jahre, unübersehbar bald Mutter; Arbeitsgruppenleiterin, 36 Jahre, kinderlos; und ich: Postdoc, 38 Jahre, drei Kinder. Thema heute: Was bedeutet es, als Frau in der Wissenschaft eine Führungsposition einzunehmen?

*Ein Postdoc, genauer Postdoktorand, ist ein Wissenschaftler des sogenannten wissenschaftlichen Mittelbaus, also in der Phase zwischen Promotion und Professur. Auch die Phase an sich nennt sich Postdoc. Nach seiner Promotion absolviert der Postdoc also ein oder zwei Postdocs, bevor er die nächste Karrierestufe erklimmt.

Schnell wird allerdings klar, dass es heute vor allem um eine Frage geht: Wie schaffe ich es - wenn überhaupt - Muttersein und Beruf unter einen Hut zu bringen? Da sitzen nun über viele Jahre gut ausgebildete Naturwissenschaftlerinnen, die sich Tag für Tag komplexen Fragestellungen widmen und verzwickte Probleme lösen, und drohen an scheinbar Alltäglichem zu scheitern.

Aus den gerade noch selbstbewussten Forscherinnen und Gruppenleiterinnen von morgen ist eine Gruppe von Frauen mit (Selbst-)Zweifeln, Unsicherheit und Angst geworden.

Klar, so ein Treffen könnte in jeder Branche, auf jeder Karriereebene stattfinden. Selbstverständlich könnten da auch Männer sitzen, mit ihren Zweifeln und ihren Ängsten.

Dennoch ist die Situation von Eltern - und besonders von Müttern - in der Wissenschaft außergewöhnlich. Und sie betrifft uns alle.

Der Weg eines Forschers

Bevor wir über die Lösung des Dilemmas sprechen können, braucht es ein wenig Basiswissen über den "durchschnittlichen" Werdegang eines "durchschnittlichen" Wissenschaftlers. Jede Wissenschaftskarriere beginnt mit dem Studium. Auch wenn ich mich hier auf die Naturwissenschaften konzentriere, gilt vieles analog für die Geisteswissenschaften.

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Im Jahr 2015 begannen in Deutschland etwa 84.000 Schulabgänger ein naturwissenschaftliches oder mathematisches Studium, fast die Hälfte davon Frauen. Bis zum Bachelor schaffen es die meisten in sechs Semestern. Weitere zwei Jahre und der Master ist in der Tasche. Je nach Studiengang und persönlicher Vorliebe hat der Student das Studium mit Auslandsaufenthalten und Praktika gespickt.

Um in die akademische Forschung einsteigen zu können, gehört eine Promotion heutzutage zum guten Ton. Im Jahr 2014 beispielsweise gab es in Deutschland knapp 60.000 promovierende Naturwissenschaftler und Mathematiker, darunter immer noch 41 Prozent Frauen.

Mehr zum Thema: Der Weg in die Chefetagen wird Frauen oft gezielt verwehrt

Für eine Doktorarbeit braucht ein Naturwissenschaftler meist länger als drei Jahre. Sie besteht aus einem mehrjährigen praktischen Teil, bei dem aktiv geforscht wird, der schriftlichen Dissertation und der mündlichen Verteidigung.

In dieser Qualifizierungsphase lernt der Doktorand selbstständiges wissenschaftliches Arbeiten. Als "Lehrling" sitzen die meisten naturwissenschaftlichen Doktoranden in Deutschland deshalb auf einer halben Stelle.

Das bedeutet: Halbes Gehalt, (über)volle Arbeitszeit. Geregelte 40-Stunden-Woche? Nein! Es wird erwartet, sich mit vollem Einsatz seinem Projekt zu widmen, wenn nötig auch abends und am Wochenende. Im Optimalfall gipfeln all die Bemühungen in einer oder sogar mehreren Publikation(en) in angesehenen Fachzeitschriften.

Nach der feierlichen Überreichung des Doktortitels beginnt der ganze Ernst des Forscherdaseins. Mit der Promotion wird aus dem Doktoranden ein Postdoc, ein "Bewohner" des wissenschaftlichen Mittelbaus. Meist verlassen Postdocs das Institut, an dem sie promoviert haben, und absolvieren ein oder zwei Postdocs, häufig im Ausland.

Die aktive Forschung gerät ab jetzt immer weiter in den Hintergrund. Vielmehr betreut der Postdoc nun selbst Doktoranden oder Studenten im Labor, wirbt Gelder für die Forschung ein und beschäftigt sich mit Anträgen und Veröffentlichungen sowie der universitären Lehre.

Wenn es weiterhin gut läuft, hat der Postdoc irgendwann andere Forscher um sich herum geschart und nennt sich dann Arbeits- oder Forschungsgruppenleiter. Jetzt muss er nicht nur für sich selbst, sondern auch für seine Doktoranden und technischen Assistenten sorgen, finanziell und wissenschaftlich.

Es bleibt die Königsdisziplin: Im Jahr 2015 forschten und lehrten an deutschen Universitäten insgesamt gut 5.500 Professoren in Naturwissenschaften und Mathematik, 919 davon weiblich. Der Frauenanteil vom Studium bis zur höchsten Qualifikation nimmt also stetig ab.

Des Forschers höchste Ehrung, der Nobelpreis, enthüllt die ganze Misere: In Chemie, Physik und Physiologie/Medizin sind von den 590 Preisträgern seit dem Jahr 1901 ganze 18 weiblich (also drei Prozent).

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Die Luft für Frauen an der Spitze der Naturwissenschaften ist also dünn. Nicht nur viele Hochschulen wollen das ändern.

"Science: It's a Girl Thing!"

Im Workshop sitzen nur Frauen, weil sich das Angebot explizit an diese richtet. Frauenförderung, Karriereförderung von Naturwissenschaftlerinnen, Geschlechtergleichstellung - das Kind hat viele Namen. Das Ziel bleibt aber gleich: Der Frauenanteil auf den oberen Sprossen der Karriereleiter soll steigen.

Beim "typischen Wissenschaftler" denken viele Menschen sicher an den Typus Einstein. Wüstes Haar, Nickelbrille, einen dampfenden Erlenmeyerkolben in der Hand. Stereotype können Veränderungen erschweren, dachte sich wohl auch die Marketingabteilung der EU.

Nicht eingestaubt, sondern sexy. So ähnlich haben wohl die Vorgaben gelautet, als es im Jahr 2012 darum ging, mehr Schulabgängerinnen mit einem flotten 52-Sekunden-Video von einer Forscherkarriere zu überzeugen.

Mehr Mädels in die Forschung? Klar! Am besten mit Stöckelschuhen und Lippenstift - dachte sich die EU 2012 und fertigte ein Werbevideo an.

Der Slogan: "Science: It's a Girl Thing!" Dazu Mädels mit Modelmaßen, knappem Rock und High Heels, viel Pink und Lippenstift - das musste reichen, um aus Schülerinnen von heute Forscherinnen von morgen zu machen. Das Video war bereits nach wenigen Tagen von der Website der EU verschwunden, lebt aber auf YouTube weiter.

Die blamable Ansammlung ausgelutschter Klischees im Kampagnenvideo brachte viel Hohn und Spott, aber nicht mehr Frauen in die Wissenschaft. Vor allem geht der Aufruf am eigentlichen Problem vorbei, nämlich der niedrigen Quote in den höheren Rängen.

Spurensuche in der Vergangenheit

Für eine hervorragende Wissenschaft brauchen wir hervorragende Forscher. Sie prägten und prägen auch heute noch die Wissenschaftslandschaft in Deutschland sowie auf der ganzen Welt.

Die Wissenschaft war lange eine reine Männerdomäne, abgesehen von wenigen Pionierinnen wie Marie Curie Ada Lovelace oder Hedwig Kohn. Denn es galt: Der Mann ist der Ernährer seiner Familie, die Frau kümmert sich um Haus und Kinder. Erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts dürfen Frauen in Deutschland ordentlich an einer Hochschule studieren.

Mehr zum Thema: 5 Gründe, warum mehr Frauen MINT-Fächer studieren sollten

Auch wenn heute viele Frauen ganz selbstverständlich in ehemaligen "Männerberufen" arbeiten, bleibt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein Problem.

Hochschulabsolventinnen und -absolventen, die an Hochschulen befristet beschäftigt sind, haben tendenziell seltener Kinder als altersgleiche Hochschulabsolventinnen und -absolventen. [...] Der wissenschaftliche Nachwuchs bleibt häufiger endgültig kinderlos als andere Hochschulabsolventinnen und -absolventen. - Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (Buwin, 2017)

Etwa 3/4 der kinderlosen Wissenschaftler wünschen sich Nachwuchs. Aber geringe Planungssicherheit sowie fehlende finanzielle Sicherheit führen dazu, dass im Jahr 2010 mehr als 70 Prozent des akademischen Mittelbaus kinderlos waren.

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Ist Kinderlosigkeit aufgrund fehlender Planungssicherheit nicht einfach Jammern auf hohem Niveau?

Nach dem "Dr." ab in die Unsicherheit

Um das Ausmaß der Planungs(un)sicherheit einzuordnen, hilft vor allem eine Zahl: Unter Mathematikern und Naturwissenschaftlern arbeiteten im Jahr 2014 von den knapp 160.000 Beschäftigten unter 45 Jahren 96Prozent auf befristeten Arbeitsverträgen - im Vergleich zu sieben Prozent im Bundesdurchschnitt aller Beschäftigten.

Ungefähr die Hälfte der befristeten Wissenschaftlerverträge hat eine Laufzeit von unter einem Jahr. Dank Wissenschaftszeitvertragsgesetz kann das Jahre lang so laufen, sechs Jahre vor und sechs Jahre nach der Promotion. Daran hat auch die Gesetzesänderung im vergangenen Jahr nichts geändert. Lediglich die Begründungen für die Befristungen müssen nun anders formuliert werden.

Und was passiert nach den zwölf Jahren? Festanstellungen für den wissenschaftlichen Mittelbau gibt es so gut wie gar nicht. Dann heißt es für Frauen und Männer: Entweder eine Professur oder Academia adé - nur knapp jeder Fünfte Dr. bleibt nach seinem Abschluss in der Forschung.

Deutschland ist im Vergleich zum europäischen Ausland eher ungewöhnlich, da die Akademikerlaufbahn eine Professur krönen muss. Es trägt nicht zur Qualität der akademischen Ausbildung an Universitären bei, dass der Bereich darunter immer weiter abgebaut und mit zeitlich befristet Beschäftigten gefüllt wird. Insgesamt müssen einfach mehr Dauerstellen unterhalb der Professur in Deutschland geschaffen werden. - Jutta Dalhoff, Leiterin des Kompetenzzentrums Frauen in Wissenschaft und Forschung in Köln

Stell dir vor, du hast erfolgreich den klassischen wissenschaftlichen Karrierepfad absolviert: fünf Jahre Studium, drei bis fünf Jahre Promotion und dann zwei Jahre lang den ersten Postdoc. Du bist Anfang bis Mitte 30 und stehst an der Schwelle zum Arbeitsgruppenleiter.

Das erwartet dich:

Arbeitsaufwand: Es wird erwartet, dass du erheblich mehr als die vertraglich "vorgeschlagenen" 40 Stunden pro Woche arbeitest. Und - Wissenschaft ist Passion - du machst es sogar gern. Schließlich bist du noch immer im Qualifizierungsprozess.

Mobilität: Wieder umziehen, denn in den seltensten Fällen gibt es freie Stellen vor Ort. Erneut heißt es, Freunde und Bekannte hinter dir zu lassen; abermals ein befristeter Vertrag.

Finanzen: Es ist nicht so, dass Postdocs am Hungertuch nagen.

Dennoch liegt bereits das Einstiegsgehalt eines ebenbürtig Ausgebildeten in der Industrie gut und gerne um 30Prozent höher. Außerdem musst du selbst Drittmittel einwerben; ansonsten heißt es schnell: kein Geld - keine Stelle.

Diese Situation ist wohlbekannt und auch weitestgehend akzeptiert, sowohl unter den Postdocs als auch ihren Vorgesetzten.

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Es ist schwer, zum Beispiel Universitätsprofessoren deutlich zu machen, dass sie Menschen fördern sollen, von denen sie doch aber wissen und die ja sogar aufgefordert sind, den Laden möglichst schnell wieder zu verlassen. - Jutta Dalhoff

All das trifft dich zu einer Zeit, in der die meisten Menschen in deinem Alter an Familienplanung denken. Die Konsequenz ist einerseits die oben beschriebene erhöhte Kinderlosigkeit unter gut ausgebildeten Naturwissenschaftlern. Gleichzeitig geschieht bei Akademikern mit augenscheinlich gleichen Chancen etwas Paradoxes.

In dem Moment, wo das erste Kind kommt, beginnt eine Retraditionalisierung der Familienverhältnisse. Und das ist nicht bildungsabhängig, das beobachten wir auch bei Akademikern. - Jutta Dalhoff

In Zahlen: 74 Prozent der Wissenschaftlerinnen, aber nur 26 Prozent der Wissenschaftler unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit nach der Geburt des ersten Kindes. Und während das Gros der Mütter länger als 1/2 Jahr Arbeitsauszeit nimmt, nutzen 4/5 der Männer gerade mal einen Monat Elternzeit. Wenn (und falls!) die Frauen dann in ihren Beruf zurückkehren, dann häufiger in Teil- als in Vollzeit.

Also alles wie früher? Der Mann bringt das Geld nach Hause, während die Frau sich um die Kinder kümmert. Die Hälfte aller kinderlosen Wissenschaftlerinnen lebt in einer Beziehung mit einer gleichberechtigten Rollenverteilung, aber nur 27 Prozent der Wissenschaftlerinnen mit Kind.

Im Workshop haben wir schon lange die wissenschaftliche Ebene verlassen. Es wird viel gejammert, wie schwer Mütter es doch haben. "Nicht nur die Arbeit, auch das Kind, Wäsche, putzen, einkaufen ..." - "Und der Mann?" - "Ja, der arbeitet doch." - "Du doch auch." - "Stimmt." - "Lass ihn doch mal das Kind zum Kindergarten bringen. Oder ins Bett." Zögern. "Nein, das kann er nicht."

Hier sitzen hauptsächlich deutsche Frauen, obwohl die meisten Labore international besetzt sind. Logischerweise stehen auch die Frauen und Männer aus anderen Ländern irgendwann vor der Entscheidung, eine Familie zu gründen, ob nun hier in Deutschland oder anderswo.

Wir sprechen Englisch, die internationale Sprache der Wissenschaft. Das kann also nicht das Fehlen internationaler Kolleginnen erklären. Ist ihre Abwesenheit ein Zufall oder ist das Problem der schlechten Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft in Wahrheit ein deutsches?

Ein Blick über die Landesgrenzen

Die UNESCO stellt fest, dass Frauen in der Forschung global unterrepräsentiert sind und spricht von einer weltweiten Gender gap. Auch im Vereinigten Königreich und den USA wird die Vereinbarkeit von Familie und Forschung diskutiert.

Auch dort ist sie Hauptgrund für die niedrige Frauenquote in höheren Karrierestufen. Im europäischen und weltweiten Vergleich liegt Deutschland mit einem Frauenanteil von etwa 40 Prozent an promovierten Wissenschaftlern im unteren Drittel.

Nicht anders ergeht es anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Dänemark oder Schweden, die gern als Länder mit frauen- und familienfreundlicher Arbeitspolitik herangezogen werden. Für Forscher scheint das nicht zu gelten. Fast wirkt es ironisch, aber die Wissenschaft selbst scheint hinterherzuhängen.

Auch dafür gibt es Gründe.

Es gibt sie doch: Die forschenden Eltern

Die Perspektiven von zwei passionierten Forschern stehen hierfür symbolisch. Beide stecken in der Situation und haben sich bewusst für Wissenschaft und Familie entschieden.

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Kerstin Bartscherer (39 Jahre) ist Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin in Münster. Ihre Kinder sind fünf und acht Jahre alt.

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Günter Roth (40 Jahre) ist Arbeitsgruppenleiter am Zentrum für Biosystemanalyse (ZBSA) in Freiburg. Seine Kinder sind anderthalb und drei Jahre alt.

Beide haben einen langen Weg der Ausbildung und Qualifikation hinter sich und arbeiten jetzt in Vollzeit. Sie finanzieren sich und ihre Arbeitsgruppen über eigene Projektanträge.

Was hält dich in der akademischen Forschung?

Ich habe nie groß gezweifelt. - Kerstin Bartscherer

Ich bin Vollblutforscher und Bastler. - Günter Roth

Hast du mit Vorurteilen und Selbstzweifeln zu kämpfen?

Das ist immer noch in den Köpfen, aus der Tradition heraus: Die Frau kümmert sich um Kinder und Haushalt, der Mann schafft das Geld heran. Und das ist auch noch immer so in meinem Kopf, weil es mir so vorgelebt wurde. - Kerstin Bartscherer

Politik und Hochschulen haben erkannt, dass sich etwas ändern muss. So gibt es inzwischen einige Fördermaßnahmen für die Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft (oder Beruf im Allgemeinen):

Elterngeld (Plus) erleichtert gerade Besserverdienern eine berufliche Auszeit.

Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ermöglicht den zügigen Wiedereinstieg in den Beruf.

An vielen Hochschulen gibt es Notfall-Betreuungsangebote für Kinder, wenn diese krank sind und deshalb Kindergarten oder Schule nicht besuchen können, sowie Ferienbetreuungsprogramme für (Schul-)Kinder.

Schwangere und stillende Wissenschaftlerinnen dürfen nur eingeschränkt im Labor arbeiten; an einigen Universitäten können sie für dieses Zeiten Laborhilfen beantragen.

Das ist am allerwichtigsten, dass man eine gute Betreuung hat, auf die man sich verlassen kann. Eigentlich sollte jedes Institut, jede Uni genügend Plätze für die Kinder ihrer Mitarbeiter haben. - Kerstin Bartscherer

An anderen Stellen muss noch gefeilt werden: Der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ist wichtig. Wenn aber keine Plätze vorhanden sind, nützt der beste Anspruch nichts. Außerdem muss das Wissenschaftszeitvertragsgesetz dringend - erneut - überarbeitet werden.

Es muss gewährleistet werden, dass befristete Verträge nicht während einer Elternzeit auslaufen, sondern die verbliebene Laufzeit ans Ende der Elternzeit angehängt wird.

Es wird gezielt versucht, Frauen zu fördern, um Frauen in Führungspositionen zu bekommen. Viele Frauen trauen sich nicht, den Weg weiterzugehen, weil Vorbilder fehlen, weil sie überall nur Männer sitzen sehen. - Kerstin Bartscherer

Auffällig ist, dass sich viele Familienförderprogramme ausschließlich an Frauen richten. Auch hier überwiegt offenbar weiterhin die traditionelle Rollenverteilung - die Frau als Familienverantwortliche. Ein paar ganz praktische Verbesserungen ließen sich von heute auf morgen umsetzen:

Besprechungen, Seminare und Vorträge statt um 18 Uhr zu familienfreundlicheren Zeiten beginnen lassen.

Still- und Wickelräume sowie Eltern-Kind-Räume für gemeinsame Zeit von Eltern und Kindern am Arbeitsplatz einrichten.

Kommunikation von Angeboten: Es reicht nicht, dass eine Universität sich familienfreundlich nennt, aber niemand die Angebote kennt.

Flexible Arbeitsmodelle: Wissenschaftler können auch in Teilzeit hervorragend arbeiten.

Beispielsweise muss in Berufungsverfahren nicht nur auf Paper und Impact-Punkte geschaut, sondern auch berücksichtigt werden: Er oder sie hat 2 Kinder groß gezogen. Wenn ich mich 2 Jahre um meine Kinder kümmere, dann sind das halt 2 Jahre, in denen ich weniger Paper schreibe und in denen ich keine 10 Menschen betreuen kann. So etwas wird allzu oft vergessen. - Günter Roth

Ohne Eigeninitiative geht es nicht.

Man muss sich manchmal unbeliebt machen. Das System belässt in bequemer Weise die alten Zustände lieber so, wie sie sind. Dennoch muss man mal frech voranschreiten und einige Sachen einfordern. Wenn die Uni sich auf die Fahne schreibt, familienfreundlich zu sein, dann muss man sie manchmal daran erinnern. - Günter Roth

Vieles ist hausgemacht, und viel passiert auch in den Köpfen der Frauen. Sie müssen sich mehr zutrauen, draufgängerischer sein. Nicht immer zweifeln, grübeln und nachdenken und sagen: ›Ich schaffe es nicht‹. Einfach mal mutig sein und machen. Auf jeden Fall braucht man Hilfe, und man muss den Mut haben, Hilfe anzunehmen. - Kerstin Bartscherer

Warum brauchen wir Eltern in der Wissenschaft?

Kinderlose können arbeiten, wann und wie lange sie wollen, können nach Belieben an wichtigen Konferenzen teilnehmen, ... Eltern sind definitiv weniger flexibel. Manchmal wird ihnen deshalb geringere Leistungsfähigkeit, mangelnder Ehrgeiz und Leistungswille unterstellt. Inklusive geringerer Wertschätzung und Förderung durch Vorgesetzte.

Dabei kann es so einfach sein, die Stärken der Eltern zu nutzen - und das gilt natürlich nicht nur für die Naturwissenschaftler:

Effizienz: Arbeitende Eltern sind es gewohnt, punktgenau zu organisieren, den Tagesablauf klar zu strukturieren.

Soziale Kompetenz: Sie sind im Umgang mit kleinen, uneinsichtigen Mitmenschen geschult - und geduldig. Das erfordert Einfühlungsvermögen und Kooperationsfähigkeit.

Kreativität: Die Kommunikation mit forschungsfremden Menschen und anderen Eltern in Kindergarten und Schule erweitert die eigene Perspektive. Eine Quelle für Gedankenexperimente und neue Ideen.

Ein Kind ändert die Perspektive und erweitert den Horizont um einiges. Man sieht die Welt anders, ist bei vielen Dingen gelassener. Der Fokus auf die Dinge ändert sich, und ich denke, das täte auch vielen Wissenschaftlern einfach mal gut. - Günter Roth

Ein Fazit: Eltern sind gelernte Gruppenleiter - denn eine Familie ist auch eine Gruppe. Es gilt also, die Eltern nicht nur in den Naturwissenschaften zu halten, sondern sie auch zu unterstützen und ihre Erfahrungen und ihr Können zu nutzen.

Aus Erfahrung weiß ich, dass viele Mitarbeiter, die wegen ihrer Kinder einen Tag nicht da sind, dann abends mal länger bleiben oder am Wochenende kommen und die Zeit nachholen. - Günter Roth

Letztendlich geht es nicht darum, ob im Labor ein Mann oder eine Frau steht, ein Vater oder eine Mutter. Viel wichtiger ist, wer dort nicht steht.

Denn jeder Forscher, weiblich oder männlich, der nach langer Ausbildung und enthusiastischer Arbeit sein Handtuch schmeißt, weil er an Selbstverständlichkeiten wie der Gründung einer Familie, an Alltäglichem wie der Vereinbarkeit von Familie und Beruf scheitert, weil er nicht zum fünftem Mal umziehen oder zum zehnten Mal einen Jahresvertrag unterschreiben möchte, ist verschenktes Potenzial.

Das kann sich weder die Wissenschaft noch Deutschland leisten.

Über die Autorin: Sigrid März fragte sich schon als Kind: Wie fliegen Käfer? Warum regnet es aus Wolken? Sie machte ihre Neugierde zum Beruf und erforscht seit über 20 Jahren als Zell- und Molekularbiologin die "Lebenskleinstigkeiten" von Mensch und Tier. Ihre Erkenntnis: Jede Antwort ist nur die Basis für neue Fragen.

Der Beitrag erschien zuerst auf Perspective Daily.

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