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#tampontax: Petition gegen die Tamponsteuer

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TAMPON
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GIBT ES DENN NICHTS WICHTIGERES? - Feminismus und Online-Aktivismus

Meiner Erfahrung nach sind viele Menschen wahnsinnig besorgt darüber, dass sich Feministinnen mit den falschen Themen beschäftigen. Wenn man sich als Aktivistin in Deutschland für feministische Themen engagiert, reagieren die Leute je nach Thematik mal mit mehr Emotion, positiv wie negativ, mal mit entspanntem Desinteresse. Was aber immer früher oder später kommt ist Folgendes:

Dein Thema x ist ja ganz nett, aber wenn du schon dabei bist: ist y nicht viel wichtiger?

Diese Frage kommt oft und mit einer gewissen Penetranz immer von denselben Leuten. Sie scheinen stets über alles gut informiert und erklären mir gern, dass mein Anliegen zwar per se nicht falsch sei und dass es auch recht interessant ist, was ich da mache. Aber in Anbetracht von Vergewaltigung, Zwangsheirat, und und und - sollte ich mich da nicht erst mit den brisanteren, drängenderen Themen beschäftigen bevor ich mich als Feministin an diese kleinen Sachen mache?

Wir Feministinnen können nicht alles auf einmal ändern.

Diese Frage wird Feministinnen so häufig gestellt, dass sie bei Feminismus 101 schon als Antwort-Vorlage existiert. Der Blog Feminismus 101 erklärt „dass es mitunter notwendig ist, sich auf selektive Teilgebiete zu konzentrieren", um eben überhaupt erfolgreich sein zu können.

Im Klartext: Man kann nicht alles auf einmal machen. So schön die Antwort als Bremse zu weiterer Kritik auch funktioniert, verfehlt sie doch das eigentliche Problem. Denn um die richtige Antwort geht es eigentlich nicht, sondern darum dass es okay zu sein scheint, diese Frage überhaupt gestellt zu bekommen.

Eine gute Tat mit einer anderen "relevanteren" zu vergleichen ist generell unsinnig.

In meinem Freundeskreis gibt es einige, die im kleineren oder größeren Umfang Aktionen durchführen. Sei es zum Thema Flüchtlinge, soziale Angelegenheiten oder Tierrecht. Dabei gibt es neben größeren und imposanten Aktionen auch kleinere, wie zum Beispiel zu Weihnachten Spielzeug für Kinderheime sammeln oder das Tierheim mit Futtermitteln zu unterstützen. Auch da helfe ich gerne mit.

Von den Blicken im Bekanntenkreis ist mir oft klar, dass sich der eine oder andere denkt: nett, aber egal. Und vielleicht war sie auch da ein paar Mal im Hinterkopf, diese Frage: „Gibt es denn nichts Wichtigeres"? Nur: laut wurde sie - zumindest in meinem Umfeld - nicht gestellt. Kaum einer wagt es eine Aktion laut zu hinterfragen, die Kindern oder Tieren zugutekommt.

Da versteht jeder, dass es nicht um das Abschätzen der Relevanz dieser Sache geht; mehr noch, dass man als schlechter Mensch da steht, wenn man überhaupt etwas dagegen hat. Bei diesen Themen wird für viele erst deutlich, wie unsinnig die Frage generell ist, eine gute Tat mit einer anderen - wenn auch womöglich „relevanteren" - zu vergleichen.

Nur beim Feminismus traute man sich, auch mir diese Frage oft und laut zu stellen. Anders ausgedrückt: Bei Aktionen, die mir selber helfen, einer Frau in einem Erste-Welt-Land.

Denn diese Frage ist keine echte Frage, sondern ein versteckter Vorwurf. Eine schöne Art zu sagen: Deine Forderung nervt. Und um das zu erklären, bedient man sich gerne bei brisanteren Themen im Frauenrecht, wie x oder y, denn man will ja schließlich zeigen: man ist besorgt, nicht genervt.

Wenn man mich fragt warum ich mich denn mit x beschäftige, obwohl y doch viel wichtiger ist, steckt keine ernsthafte Besorgnis dahinter, dass ich mich mit dem „falschen" Thema befasse, oder gar etwas viel Wichtigeres übersehe.

Dieser Vergleich, sobald ich mich mit einem nicht so dramatischen Aspekt des Feminismus beschäftige, ist nicht dafür da, mich auf ein anderes Thema hinzuweisen, sondern um mir zu sagen: Dein Thema ist überhaupt nicht wichtig.

Frauen in westlichen Ländern wird gesagt: Dir geht es doch schon gut genug, sei einfach still.

Diese Frage nach dem „Wichtiger" ist somit ein versteckter Angriff. Was man mir eigentlich sagt ist: Dir geht es doch schon gut genug, also sei einfach still. Es gibt Frauen die machen so viel Schlimmes durch. Es gibt Länder, in denen du nicht einmal allein auf die Straße dürftest.

Diese ernsthafte Besorgnis ist nichts weiter als ein Weg mir zu sagen: Für eine Frau hast du doch schon genug. Und diese Reaktion kommt nicht nur vom männlichen Geschlecht, muss man fairerweise sagen.

Früher fragte ich mich dann selbst oft, ob das denn so wichtig ist, was ich da mache. Vielleicht sollte ich mich wirklich mit etwas anderem beschäftigen, denn statistisch betrachtet lebe ich als Frau tatsächlich im Paradies. Also im Vergleich. Und das sollte mir schließlich reichen. Oder?

Ja, ich mache es für mich - Frauen und Selbstbewusstsein

Wir Frauen haben eins gelernt: sei brav, ruhig und fordere ja nichts ein. Sei genügsam, schaff alles - und nimm jegliche Benachteiligung mit Demut an. Sei Märtyrerin, Heilige und manchmal auch Hure.

Dieses Frauenbild steckt so tief in uns drin, dass nicht nur die Frauen, sondern auch der Rest der Gesellschaft sich unterbewusst vor den Kopf gestoßen fühlt, wenn ich als Frau nichts für Kinder mache, für Tiere oder Obdachlose. Nein, ich mache etwas, das für mich gut ist. Und das nervt.

Das ist keine wilde Annahme, sondern fester Teil des feministischen Diskurses. Anabel Schunke berichtete auf Huffington Post zuletzt über Gabriele Häfners und Bärbel Kerbers neues Buch „Das innere Korsett. Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen."

Darin legen die Autorinnen laut Schunke „ganz ohne die der Feminismus-Diskussion häufig innewohnenden Polemik offen, wie Mädchen schon als Kinder aktiv in die Rolle des netten, lieben, angepassten Mädchens hineingedrängt werden, und zeigen damit auf, dass es längst nicht nur die Berufswahl ist, die von der Umgebung beeinflusst wird".

Es ist dieses erlernte Verhalten, welches dazu beiträgt, dass der „gender pay gap" (Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen) in Deutschland unter dem EU-Durchschnitt liegt.

Dass der Preisunterschied von für Frauen deklarierten Produkte oder Dienstleistungen in Deutschland zum Teil bei 40 Prozent liegt - und diese sogenannte „pink tax" einfach so hingenommen wird. Geld ist eben auch Macht und wir Frauen wurden so erzogen, ebendiese abzugeben.

Online-Aktivismus als Chance für den Feminismus

Frauen verdienen im Durchschnitt weniger und empfinden dies auch als ungerecht - dennoch haben Frauen Hemmungen, dasselbe Gehalt wie der Kollege zu verlangen. Das hat auch viel damit zu tun, dass es ein individueller Kampf ist. Gerechtigkeit für sich selbst zu erkämpfen, ist nicht derselbe Schritt, wie sich diese für sich selbst zu wünschen.

Es erfordert Kraft und persönliche Entwicklung, sich gegen das zu sträuben, was einem ein Leben lang anerzogen wurde. Man muss sich oft mehr oder weniger alleine gegen eine Gruppe stellen, die sich vor den Kopf gestoßen fühlt, wenn eine Frau etwas für sich verlangt.

Selbst wenn es einfach nur das Gleiche ist, was der Mann hat, nicht mehr. Obwohl Frauen sich also benachteiligt fühlen, trauen sie sich oft nicht anders zu handeln weil sie sich allein gelassen fühlen.
In diesem Zusammenhang ist mir die Relevanz des Internets für Feminismus bewusst geworden.

Hier besteht die Möglichkeit eine Plattform zu bieten, in der sich viele nicht mehr allein gelassen fühlen, sondern in der Gruppe agieren können. Kristina Lunz, Leitung der Kampagne und Petition gegen Sexismus in der BILD-Zeitung, sieht das Internet als die Chance im Kampf gegen Ungleichheit jeglicher Art: „Nie standen die Erfolgsaussichten für David gegen Goliath besser."

Unsere Petition gegen die Tamponsteuer

Eine Petition, die in Australien Schlagzeilen machte, fiel mir in diesem Zusammenhang daher besonders auf: Sie beschäftigte sich mit der Tatsache, dass Tampons und Binden eine Luxussteuer inne hatten, obwohl notwendige Produkte in Australien von der Steuer befreit sind. Die Periode zu bekommen, so argumentierten die Aktivistinnen, ist kein Luxusgut.

Die unnötige Besteuerung in einem Land, in dem es für Alltagsprodukte Steuerfreiheit gibt, machte die Runde. Dass diese Besteuerung existierte und nach australischem Gesetz unsinnig ist, war nicht geheim. Dennoch wurde erst durch die Online-Petition das Ganze den meisten Frauen in Australien bewusst, und prompt schoss die Zahl der Unterstützerinnen und Unterstützer in die Höhe.

Nun will der Finanzminister die Abgabe überdenken. Auch in Kanada will die Politik nach einem Petitionsprotest die Abgabe streichen. Die Petition wurde so bekannt, dass Ableger folgten, in Großbritannien liegt die Unterstützerzahl bei über 240.000 Stimmen, weitere Kampagnen laufen in Italien, Frankreich und Deutschland.

Was die Change.org-Petitionen so erfolgreich macht, liegt sicher zum einen daran, dass es eine sehr einleuchtende Geschichte ist: es ist in den meisten Ländern gesetzlich nachvollziehbar, Steuerfreiheit oder Minderung zu verlangen. Zum anderen informiert die Petition, lässt die Frauen aber mit der Umsetzung nicht alleine. Im Gegensatz zu der Forderung nach mehr Gehalt, funktioniert die Online Petition gut als Gruppenprojekt.

In Deutschland zahlt man für Blumen oder Kaviar weniger Steuern als für Tampons.

Das ist auch der Grund, warum ich mich entschlossen habe, die Tampon-Kampagne für Deutschland zu leiten. Auch bei uns liegt eine starke Benachteiligung vor. Der verminderte Steuersatz wurde in Deutschland für Güter des täglichen Gebrauchs eingeführt, um Menschen aus sozial schwächeren Schichten nicht zusätzlich zu belasten.

Heutzutage ist es kein Geheimnis mehr, dass die Gesetzgebung fast schon willkürlich verläuft, beziehungsweise von Lobbys gesteuert wird; man erinnere sich nur an die „Mövenpick-Steuer". Wir können heute einen Strauß Blumen oder Lachskaviar mit dem verminderten Steuersatz von 7 Prozent erwerben. Tampons oder Binden bekommen die üblichen 19 Prozent.

Die Minderung des Steuersatzes mag wie eine Kleinigkeit aussehen, doch hier geht es um Grundlegendes: Eine Frau die am Existenzminimum lebt, wird ihr Leben lang für Dienstleistungen als auch für viele Produkte mehr zahlen als ein Mann in derselben Situation. Die Besteuerung der Periode, etwas das nun mal alle Frauen haben, trägt hier zusätzlich zur Benachteiligung bei und das darf nicht sein.

Gehalt wie Produktpreise unterliegen verschiedenen Faktoren - gerade aber die Besteuerung ist etwas das klar gesetzlich geregelt werden kann und sollte. Die pink tax zu umgehen, das kann man selbst: man muss nicht den pinken Rasierer kaufen. Aber Tampons oder Binden, die muss jede Frau kaufen. Es kann nicht sein, dass es in Deutschland eine eindeutige Regelung gibt, die aber mal wieder Thematiken, die nur Frauen betreffen, ausschließt.

Es wird Zeit, dass wir aufhören uns dafür zu schämen, dass wir Gerechtigkeit wollen oder dieselbe Behandlung.

Nur weil es nichts ist, das uns an den Rand der Existenz bringt, müssen wir es nicht ertragen. Wir müssen nicht geduldig sein.

Bis jetzt kam von den Unterstützerinnen und Unterstützern meiner Change.org-Petition die erwarteten Reaktionen: Erstaunen über die Sachlage und im Vergleich zu anderen Petitionen sehr schnell, sehr viele Unterschriften.

Und natürlich war sie auch da, wie immer, die heißgeliebte Frage: Gibt es denn nichts Wichtigeres? Nein, nur viele Dinge die alle wichtig sind. Und um die kümmern wir uns gern, eins nach dem anderen. Schneller geht es nicht. Dass nämlich auch nur einer dieser stets besorgten Mitmenschen eines dieser ihm persönlich wichtigen, beziehungsweise wichtigeren Themen selbst angenommen hat, ist noch nicht vorgekommen.

Echtes Engagement eben.

Petition auf Change.org gegen die Tamponsteuer: www.change.org/tamponsteuer


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