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Wenn Menschen in deinem Umfeld auf Rechtspopulisten hereinfallen, kann die Antwort nur radikal sein

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PEGIDA
Ina Fassbender / Reuters
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Deutschland ist Weltmeister. Weltmeister der Angst. Wir fürchten uns vor der Islamisierung des Abendlandes, dem Zusammenbruch unserer Sozialsysteme und der Bevormundung durch etablierte Politiker.

Natürlich fürchten sich nicht alle Deutschen davor. Doch immerhin ein Teil der Gesellschaft, den wir nicht einfach ignorieren dürfen.

Die meisten dieser Menschen fürchten, dass die Zukunft entschieden wird, ohne, dass sie mitsprechen können wie. Das ist einer der Hauptgründe, warum sie sich der AfD, Le Pen oder Gert Wilders in Scharen angeschlossen haben. Nicht etwa, weil sie zu 100 Prozent hinter den jeweiligen Wahlprogrammen stehen.

Viele AfD-Anhänger empfinden Angst und Zorn

Viele kennen die konkreten Inhalte der Parteien nur bedingt. Sie wenden sich ihnen zu, weil sie gehört und auf Augenhöhe angesprochen werden wollen. Denn diese Menschen empfinden Angst und Zorn.

Jeder von uns kann sehen, wie sich diese Ängste in unserem Alltag bemerkbar machen - in den Zeitungen, im Fernsehen, in den sozialen Netzwerken, auf der Straße oder im Büro.

Mal sind es fragwürdige Kommentare zur Flüchtlingspolitik, mal ein Facebook-Post mit menschenverachtenden Inhalt oder eine lautstarke Pöbelei auf der Straße. Die meisten Menschen kennen das, doch die wenigsten wissen, wie sie sich dann verhalten sollen.

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Wer mit Ausländer- und Fremdenhass, Hetzparolen oder der Verbreitung von falschen Tatsachen konfrontiert wird, dem fehlen oft erstmal die Worte. So erging es auch mir, als ich vor einem Jahr in München zu Gast war.

Meine Mutter und ich setzten uns in einem Café an einen Tisch zu zwei Herren mittleren Alters. Es war ein schöner Sommertag und wir verstanden uns zunächst noch gut und stießen mit unseren Getränken gemeinsam an.

Doch als ich wenige Minuten später aus dem Gasthaus zurückkehrte, hörte ich einen der beiden Männer lauthals rumpöbeln. Er klagte über die deutsche Flüchtlingspolitik und machte zutiefst menschenverachtende Aussagen über Asylbewerber und Flüchtlinge. Es hat mir fast die Tränen in die Augen getrieben.

Wir versuchten uns mit ihm normal zu unterhalten, doch er ging nicht im Geringsten auf uns ein. Meine Mutter und ich sind anschließend aufgestanden und haben den Tisch verlassen.

Rechtspopulismus Paroli bieten

Ähnliche Situation erleben Menschen in Deutschland jeden Tag. Unsere Initiative "Kleiner Fünf" hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Menschen zu unterstützen. Denn wir hatten es satt, rechtspopulistischen Positionen sprachlos gegenüberzustehen. Wir stellen uns ihnen entgegen - mit radikaler Höflichkeit.

Auf unserer Webseite und in den sozialen Netzwerk stehen wir den Leuten mit Leitfäden für Diskussionen und rhetorischen Auseinandersetzungen zur Seite.

Wir geben Menschen Hilfestellung, die ihre Rhetorik schärfen wollen, denn wir sind der Ansicht, dass man rechtspopulistischen Slogans klar paroli bieten muss - ohne dabei laut, aggressiv oder wütend zu werden.

Ein Beispiel: Ein Bekannter äußert auf einer Feier den Satz "Die AfD sagt endlich das über den Islam, was gesagt werden muss".

Was in dieser Situation weniger gut funktioniert, wäre moralisch empört zu reagieren. Denn das ist genau das, was dein Gegenüber erreichen möchte.

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Weitaus hilfreicher wäre es, ihn mit einfachen Fragen auf seine Aussage festzunageln. Lasse nicht zu, dass er von einem Thema zum nächsten springt.

Weise ihn auf Widersprüche in seiner Argumentation hin und bringe starke Gegenthesen ein. Dabei solltest du eher auf rechtliche als moralische Normen verweisen.

Stärke zeigen: Rhetorisch und inhaltlich

Starke Gegenthesen lassen sich natürlich nur anführen, wenn man sich auch auf den jeweiligen Gebieten auch etwas auskennt. Denn nicht nur rhetorisch, sondern auch inhaltlich sollte man sich in Diskussionen zu helfen wissen.

Ein weit verbreitetes Argument unter Rechtspopulisten lautet etwa: "Durch die Zuwanderung der letzten Jahre verlieren wir unsere deutsche Leitkultur. Wir brauchen deswegen ein viel härteres Asyl- und Einwanderungsgesetz".

Während man den Diskussionspartner erst mal dazu auffordern könnte, die deutsche Leitkultur zu definieren, kann man natürlich auch anders argumentieren:

Zur deutschen Leitkultur gehört zweifellos der Inhalt des Grundgesetzes. Dort steht in Artikel 2 geschrieben: "Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, solange er nicht die Rechte Anderer verletzt".

Solange sich also Cem, Ercan und Nina genauso an dieses Gesetz halten wie Dieter, Petra und Hans, sollte der deutschen Leitkultur doch nichts passieren, oder?

Du könntest deinen Gesprächspartner auch mit der Frage konfrontieren, was überhaupt deutsch ist und was nicht? Wie sähe die deutsche Kultur denn zum Beispiel ohne italienische Spaghetti, amerikanische Fernsehserien oder britische Rockmusik aus?

Wäre ein Anhänger rechtspopulistischer Forderungen bereit, zum Wohle der deutschen Leitkultur darauf zu verzichten?

Einer der wichtigsten Punkte ist, dein Gegenüber für voll zu nehmen. Klar, man muss sich zweifellos nicht alles gefallen lassen. Sollte sich nach einigen Minuten herausstellen, dass es sinnlos ist, ein konstruktives Gespräch zu führen, dann musst du dich auch nicht dazu zwingen. Dennoch solltest du dem Anderen auf Augenhöhe begegnen.

Rechtspopulisten stehen auf verlorenem Posten

Denn was alle Menschen verbindet, die sich rechtspopulistischen Positionen zuwenden, ist der Vertrauensverlust in das sogenannte Polit-Establishment.

Sie fühlen sich nicht mehr ernst genommen und repräsentiert - weder in traditionellen Medien, noch in traditionellen Agendas. Sie stehen auf verlorenem Posten.

Wenn du deinem Gegenüber in einer Diskussion das Gefühl gibst, zumindest seine Sorgen im Ansatz nachvollziehen zu können, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass er das auch tut.

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Die Ereignisse der letzten Jahre haben klar gezeigt, dass es in unserer Gesellschaft jede Menge Redebedarf gibt. Doch wir müssen uns auch trauen, ungemütliche Diskussionen zu führen. Egal ob in der S-Bahn, an der Bar oder auf einem Geburtstag.

Wer dazu nicht bereit ist, der hat die Grundlagen der Demokratie nicht verstanden. Das gilt für alle Bürger dieses Landes - egal welcher politischer Couleur sie angehören.

Nur so schaffen wir es, die Angst in unserem Land zu besiegen und uns wieder mit Respekt und Verständnis zu begegnen.

Mehr über "Kleiner Fünf" erfahrt ihr hier. Der Text entstand in Zusammenarbeit mit Julius Zimmer.

(jz) (kap)

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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