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Dieser Fall eines Schülers hat mir gezeigt, was fast alle meine Kollegen falsch machen

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Ich hatte mich soeben zum Mittagessen hingesetzt und kaute auf irgendwelchen undefinierbaren Teilen des heutigen Eintopfs herum als ich eine Lehrerin sagen höre: "Gott, ich hasse diesen Junge, ich schwöre es, er ist so unmöglich, so unmöglich!"

Ich versuchte, mir ihre filigrane Figur vorzustellen, die streng zurückgebundenen schwarzen Haare, Ekel auf ihrem hübschen Gesicht, fast zitternd vor Verachtung. Ich spürte einen Stich in mir drin - und der war wahrscheinlich nicht dem ersten Löffel Eintopf zuzuschreiben.

Ich kenne diesen Jungen. Es stimmt, er ist sehr schwierig. T. ist ziemlich groß, stämmig, hat einen breiten Nacken und ballt die Hände immer zu Fäusten. Er nimmt alles viel zu ernst und hat keinerlei Kontrolle über seine Aggressionen.

Ich habe mitbekommen, wie oft er in Streitereien involviert ist. Sein Benehmen gehört nicht in eine Schule. Er mobbt andere und hat keinen Respekt vor Autorität. Er spricht fast nie und macht lediglich ein finsteres Gesicht.

Ich werde dir zeigen, dass du gut und verletzlich bist

Andererseits ist es aber nur ein 13-jähriger Junge, dessen Familie soeben auseinandergefallen ist und dessen Mutter sich nicht um ihn kümmert. Man kann's auch so sehen: Nach einem weiteren, dummen, sinnlosen Streit siehst du ein trauriges Kind vor dir, missverstanden und unfähig, auszudrücken, was es fühlt und braucht. Und das einzige, was du wirklich, wirklich tun willst, ist, ihn zu umarmen und zu sagen: Alles wird gut, Liebling.

Ich werde dir zeigen, dass du gut und verletzlich bist. Und dass jeder von uns sich manchmal verloren fühlt, sogar diejenigen, die Dinge sagen, die du gar nicht hören solltest, voller Vorurteile, faule Menschen.

Auch sie fühlen sich oft ziemlich verloren, aber sie haben gelernt, besser damit umzugehen als du. Natürlich solltest du all das nicht direkt zu Jugendlichen sagen, du würdest dich lächerlich machen, aber die Botschaft muss schon stimmen.

Meine Kollegen halten mich für naiv

Für solche Leute bin ich aber zu jung, um zu verstehen, dass man nur mithilfe von gedankenloser und unhinterfragter Disziplin in Zukunft eine erfolgreiche Funktion in der Gesellschaft einnehmen kann. Ich bin zu jung und habe irgendwelche dummen, idealistischen Ideen in meinem Kopf, die nicht helfen.

Sie machen eigentlich alles nur noch schlimmer - denn die Kinder glauben am Ende, ihre Meinung äußern zu können, und das könnte gefährlich werden fürs System. "Sie mögen dich zu sehr, Paulina: Sie kommen während der Mittagspause in dein Klassenzimmer, um sich mit dir zu unterhalten, das kann nicht sein, sie müssen gehen."

T. will mit keinem Lehrer sprechen. Er will einfach nicht sprechen. Sein gebräuntes, angespanntes Gesicht lässt dich glauben, er sei wütend, stur, böse und in der Lage, dich zu verletzen. Aber hast du mal seine anderen Gesichter gesehen?

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Es ist wie bei guten Büchern, die manchmal einen hässlichen Umschlag haben. Wenn man nicht in der Lage ist, sich verständlich zu machen, ist man einfach aufgekratzt.

Man fühlt sich unwohl, wenn jeder annimmt, man sei ein Verbrecher, ohne dass einem jemand zuhören würde. Man ist traurig, wenn man niemanden hat, der einen liebt und versteht. Und ich will jetzt keine einzelnen Gewalttaten rechtfertigen, denn es gibt bestimmte Regeln, die nicht gebrochen werden können. Auch in der Kindererziehung gibt es Konsequenzen und sie sind wirkungsvoll. Ich will rechtfertigen, dass es einen Punkt gibt, an dem alles beginnt.

Manchmal reicht eine kleine Aufmerksamkeit

Es muss nicht viel sein. Manchmal reicht ein Lächeln und Anerkennung. T. lächelt zurück und winkt mir jedes Mal zu, wenn er an meinem Klassenzimmer vorbeigeht. Vor kurzem hat er sogar geschildert, wie er sich über eine Aufgabe ärgert.

Es war nichts Bedeutendes, aber es war so eine besondere, ungewöhnlich nette Situation. Er war nicht wirklich verärgert, sondern eher froh darüber, dass er mit jemandem etwas teilen konnte, von dem er nicht gedacht hätte, es jemals teilen zu können, weil er keinen Sinn darin sah.

Es wäre eh allen egal - kommt dir das bekannt vor? Wer interessiert sich schon für den Bösewicht?

"Marva Collins' Way", dass die Autorin gemeinsam mit Civia Tamarkin verfasst hat, und Linda Cliatt-Waymans Vortrag (siehe Video oben), wurden meine Inspiration und Vorbilder in Sachen Lehre und Zusammenarbeit mit Jugendlichen.

Diese Frauen sind engagiert, klar in ihren Regeln, konsequent und liebevoll. Sie verstehen Kinder und sie hören ihnen zu und weisen sie an. Ihre Prinzipien sind simpel, aber die Ergebnisse sind unglaublich.

Sie arbeiten mit Disziplin - aber auf eine umsichtigere Art und Weise: logisch, vernünftig und für Kinder verständlich. Wir glauben manchmal, wenn etwas simpel ist, kann es nicht effektiv sein.

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Aber dann probieren wir komplizierte Methoden, die man in der Praxis schwer anwenden kann, und machen im Endeffekt nichts. Lasst uns mal unsere arrogante Skepsis vergessen und anfangen, etwas zu tun - es kann auch etwas Simples sein.

Ich habe es versucht und ich benutze diese Techniken auch in der Schule - und ich muss zugeben, manchmal klappt es, manchmal nicht. Das kommt auf das einzelne Kind an. Aber auch darauf - und das muss ich zugeben, wir sind alle Menschen - , wie engagiert und enthusiastisch ich an diesem Tag bin.

Niemand kann Liebe einfach so ignorieren

Manchmal fühlen sich die Kinder geliebt, manchmal sind sie dankbar und benehmen sich besser, oder zumindest interessieren sie sich mehr.

Was ich nicht leugnen kann, ist, dass sie alle merken, dass die Liebe und der Respekt, die ich ihnen schenke, echt ist, und sie antworten mir immer auf ihre eigene Art und Weise. Niemand kann Liebe einfach so ignorieren.

Collins Buch ist sehr verständlich geschrieben, manchmal etwas altmodisch (sie schreibt darüber, wie wichtig Körperkontakt mit Kindern ist, wie Umarmungen etc. - das geht in Schulen heutzutage nicht mehr und ist nahezu verboten), manchmal extrem:

"Ich habe mich oft in Erika wiedergefunden, sie hat denselben starken Willen und dieselbe Entschlossenheit. Ich musste ihr zeigen, dass ich willensstärker bin als sie. Die anderen vier Kinder haben ihre eigenen Aufgaben vergessen und schauten uns zu. Wenn ich nicht schnell handeln würde, würde ich sie alle verlieren. [...]

Ich stand vor Erika und starrte auf sie herab, in ihre Augen. Ich werde dich heute umbringen, wenn du nicht deine Aufgaben fertig machst', schrie ich. [...] Sie alle starrten mich ungläubig an. [...] 'Alle sagen, du seist verrückt, aber ich glaube das nicht. Wenn du aber diese Aufgabe nicht fertig machst, beweist du, dass du verrückt bist. Du könntest auch genauso gut tot sein, wenn du so durchs Leben gehst.' Erika wandte den Blick nicht mehr vom Aufgabenblatt."

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Ich versuche immer noch, mir diese Botschaft anzueignen und ich will sie nicht verlieren: Liebe die Kinder, mit denen du arbeitest. Sei weise und stehe über ihnen. Früher oder später wird alles so, wie es sein soll. Liebe zahlt sich immer aus. Für dich als Lehrer und für sie als Kinder.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Medium und wurde aus dem Englischen übersetzt.

(jz)

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