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Ich bin Autist und möchte unbedingt meinen Schulabschluss machen - dazu brauche ich eure Hilfe

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PAULCHRISTIAN MHLFELD
Paul-Christian Mühlfeld
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In Deutschland gibt es etwa 800.000 Asperger Autisten. Viele davon haben einen Abschluss, ein großer Teil hat studiert. Und dennoch sind 85 % der Autisten arbeitslos. Grundsätzlich ist der Ausgangspunkt für eine Integration in die Gesellschaft ein ordentlicher Schulabschluss. Warum verweigert man mir den?

Im Dezember 2014 wurde beim mir Asperger Autismus festgestellt. Zeitgleich mit dieser Diagnose wurde ich für schulunfähig erklärt, weil ich nicht mehr ins deutsche Regelschulsystem passte. Alternativbeschulungen gab es keine.

Letztendlich fanden wir eine Individualschule in Bochum, die ich nun auch besuche. Eine Schule, die nachweislich auch gute Ergebnisse bei der Ausbildung von Autisten vorzuweisen hat. Das ist allerdings eine Privatschule, die bezahlt werden muss. Diese Finanzierung ist bis zum heutigen Tag ungeklärt.

In der Klageverhandlung am 15.3.2017 haben wir nun endlich Recht bekommen und es steht fest: das Jugendamt muss zahlen. Noch kann es Einspruch einlegen, aber bis zum Hauptschulabschluss ist meine Ausbildung erst einmal gesichert. Aber ich kann mehr und ich will mehr.

Ich möchte meinen Realschulabschluss machen, später das Abitur und mein Ziel ist es, zu studieren, um Schriftsteller zu werden. Ich möchte einmal mein Leben selbstbestimmt gestalten und glücklich sein.

Warum soll das nicht gehen?

Wie ein Pinguin in der Giraffenherde

Zu diesen Wünschen hatte der Vertreter des Jugendamtes auch seine Meinung. Übersetzt heißt das: wenn ihr macht, was wir wollen, nur dann zahlen wir auch. Wenn ich also bereit bin, meinen Realschulabschluss in einem Internat in Baden-Württemberg zu machen, dann zahlt das Jugendamt auch, egal, was es kostet.

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Die Schule, die ich vorschlug kennen sie zwar nicht, lehnen sie aber prinzipiell ab. Und sich einmal damit auseinanderzusetzen, kommt für sie gar nicht infrage. Genauso wenig, wie sie mir eine Alternative anbieten können. So ein Internatsplatz kostet monatlich ca. 4-6 Tausend Euro.

Meine Schule nur knapp 800. Es geht also nicht um mich, sondern nur darum, dass das Jugendamt entscheidet, was Recht ist und wer Recht spricht. So arrogant war auch das ganze Auftreten vor Gericht!

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Man will diese Schule nicht anerkennen, obwohl im Gutachten steht, dass diese Art der Beschulung für mich die einzige integrative Maßnahme ist. Ein Autist im Internat, das ist wie ein Pinguin in einer Giraffenherde.

Du kannst einen Pinguin zu Therapiezwecken in eine Herde von Giraffen stecken, er wird dennoch wieder als Pinguin herauskommen.

Was passiert, wenn ich überfordert bin

Fast zwei Jahre lang ging es mir gut, auch körperlich.

Ich hatte im Februar 2015 meinen letzten Shutdown. Derzeit fast wöchentlich, denn meine Strukturen, die mir den notwendigen Halt geben, bröckeln.

Der Overload beginnt, wenn Sachen schwierig werden, das Gehirn überreizt ist, wenn die Motorik anfängt zu leiden. Dann fallen mir oft Sachen runter, ich laufe gegen Türen, die Artikulation leidet, ich kann nicht mehr klar denken. Alles überfordert mich. Wenn ich mich da nicht rausziehen kann, kommt es zum Meltdown: Dann weiß ich mich nicht anders zu wehren, als laut zu werden.

Oft werde ich dann auch aggressiv. Ich fange an zu schreien, weil ich den Schmerz übertönen will. Wenn man da immer noch nicht rauskommt, dann kommt es zum Shutdown. Man kann sich nicht mehr artikulieren, manche wippen, andere schlafen ein.

Der Körper macht das. Ich kann dann nicht mehr sprechen und leide. Zurzeit fällt es mir sehr schwer, mich meiner täglichen Routine zu stellen. Fast hatte ich meine Traumata verarbeitet, jetzt ist alles wieder da.

Wenn die Ämter versagen, muss man andere Wege gehen

Im Vergleich zu früher habe ich jetzt aber Freunde. Freunde, die sich um mich bemühen, die mich verstehen, mit mir kämpfen wollen und mich unterstützen. Die haben mir auch geraten, nicht aufzugeben und weiter zu gehen.

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Sie haben mich auf diese neue Möglichkeit des Crowdfunding aufmerksam gemacht. Auch meine Schule unterstützt mich beim Sammeln von Spenden für das Schuljahr 2017/2018 und hat dazu einen eigenen Spendenaufruf gestartet.

Meine Lehrer sind überzeugt, dass ich meinen Realschulabschluss schaffe. Darf dann so etwas an der Finanzierung scheitern? Wenn die Ämter versagen, muss man eigene, auch einmal ungewöhnliche Wege gehen.

Deshalb habe ich einen Spendenaufruf gestartet und sammle dort Geld, das mir meinen Realschulabschluss ermöglicht.

Bitte helfen Sie mit. Weiter Angaben finden Sie auch auf der Facebookseite der web. Individualschule.

Ich habe auf meinen Aufruf neben vielen zustimmenden auch negative Reaktionen bekommen, was mich sehr verletzt hat. Es ist für mich eine Möglichkeit, doch noch meinen Abschluss zu machen, keine, um Geld zu verdienen. Das Geld geht 1:1 an die web. Individualschule Bochum und wird nur für meine Ausbildung verwendet.

Was kann daran falsch sein? Außerdem bitte ich lediglich um Hilfe, ich zwinge keinen und ich verlange nichts. Und Hilfe ist für mich schon, wenn ihr meinen Beitrag teilt, postet oder dokumentiert. Allen, die das verstehen, danke ich bereits jetzt von ganzem Herzen.

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