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Jo Cox war wirklich "leidenschaftlich, mitf├╝hlend und loyal"

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
JO COX
DANIEL LEAL-OLIVAS via Getty Images
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Als die Nachricht sie erreichte, hatten die Parlamentsabgeordneten und Mitarbeiter der Labour Party sich gerade in der Strangers' Bar im britischen Unterhaus versammelt und freuten sich auf das Fu├čballspiel England gegen Wales.

Auf den Mobiltelefonen tauchten unabl├Ąssig neue Eilmeldungen, Kurzmitteilungen und Tweets auf und die Stimmung im Raum verdunkelte sich augenblicklich. "Wir konnten es einfach nicht fassen", so ein Mitarbeiter der Partei.

Keiner von ihnen wusste, dass die 41-j├Ąhrige Jo Cox bereits im Leeds-General-Infimary-Krankenhaus von den ├ärzten f├╝r tot erkl├Ąrt worden war, als die Nachricht bei ihnen eintraf.

Jo war bei Abgeordneten aller Parteien im Unterhaus sehr beliebt. Da sie fr├╝her sehr erfolgreich im Bereich ├ťbersee- und Entwicklungshilfe f├╝r die Hilfsorganisation Oxfam gearbeitet hatte, galt sie als angesehene Expertin auf diesem Gebiet.

Mit ihren knapp 1,50 Metern K├Ârpergr├Â├če bewies sie als Politikerin sehr viel St├Ąrke, was man ihr aufgrund ihrer zierlichen Figur auf den ersten Blick nicht zutraute. Diese St├Ąrke stellte sie jedes Mal unter Beweis, wenn sie sich im gem├Ą├čigten Unterhaus von den gr├╝nen B├Ąnken erhob und gut durchdachte Fragen zu Syrien und der Fl├╝chtlingsproblematik aufwarf.

Jo Cox war eine echte K├Ąmpfern

Noch vor wenigen Tagen stand sie - selbstverst├Ąndlich - beim j├Ąhrlichen Wettbewerb im Tauziehen zwischen den Mitgliedern des Unterhauses und des Oberhauses ganz vorne, um Spenden f├╝r die Stiftung Macmillan Cancer Support zu sammeln. Jo fungierte bei diesem Wettbewerb als Anf├╝hrerin des Frauenteams.

Von vielen Kollegen der Labour Party, die sie kannten, wurde sie nicht nur gesch├Ątzt sondern sogar sehr geliebt. Ihr unverwechselbares rotes Kleid und ihr blauer Blazer waren ihre Markenzeichen. Sie hatte mir einmal erz├Ąhlt, dass ein W├Ąhler sie gefragt hatte, warum sie diese Outfits so oft trug. Jo antwortete auf diese Frage scherzhaft, dass sie nur eine Parlamentsabgeordnete sei und ihr deshalb nicht das gleiche Budget f├╝r Kleidung zur Verf├╝gung st├Ąnde wie bei einem Fernsehstar.

Am gl├╝cklichsten war Jo, wenn sie sich voll und ganz in ihre Kampagnenarbeit vertiefen konnte. Erst am vergangenen Mittwoch hatte sie sich ihren Ehemann Brendan und ihre beiden Kinder im Alter von drei und f├╝nf Jahren geschnappt und war mit ihnen zusammen mit einer Flagge, auf der "In" stand, in ein Schlauchboot gestiegen, um dadurch ein Zeichen gegen die "Brexit-Flotte" zu setzen, mit der Nigel Farage ├╝ber die Themse schipperte.

Ihre Familie liebte Wasser. Und deshalb lebte die Familie auch auf einem Hausboot - auf einem holl├Ąndischen K├╝stenfrachter - das in der N├Ąhe der Tower Bridge lag, wenn sie unter der Woche in London war und ihren Pflichten als Parlamentarierin nachging. Am Dienstagabend hatte die Familie Cox noch einen Umtrunk gegeben, zu dem viele ihrer Kollegen erschienen waren, die wie sie bei der Wahl 2015 als neue Labour-Abgeordnete gew├Ąhlt worden waren.

Die Gruppe der Abgeordneten auf der Party war typsicherweise bunt gemischt und reichte von Corbyn-Bef├╝rwortern (Cox hatte ihn selbst als Parteif├╝hrer vorgeschlagen, obwohl sie dann bei der Wahl zur Parteif├╝hrung nicht f├╝r ihn gestimmt hatte) bis hin zu Mitgliedern anderer Fl├╝gel der Partei.

In ihrem Wahlkreis Batley and Spen in Yorkshire geboren und aufgewachsen berichtete sie meinem Kollegen Owen Bennett (in der HuffPost-Interview-Reihe 15 From '15), dass sie stolz darauf sei, ein "M├Ądchen aus dem Wahlkreis" zu sein. Sie betonte, dass ihre ganze Familie noch immer in der Gegend ihres Heimatortes lebt und dass sie "einen einzigen Cousin hat, der ein kleines St├╝ck entfernt vom Wahlkreis lebt und das schwarze Schaf der Familie ist, weil er ungef├Ąhr zwanzig Minuten weit von der Heimat weg lebt."

Mit 16 Jahren wollte sie es ihrem Vater gleichtun und in der ├Ârtlichen Zahnpastafabrik arbeiten. Sie arbeitete zwar in den Sommerferien dort, doch dann hatte sie tats├Ąchlich die Noten, um in Cambridge zu studieren. Sie war in ihrer Familie die erste mit einem Universit├Ątsabschluss.

Sie gesteht, dass sie erst einmal einen Kulturschock erlitt, als sie nach Cambridge kam. "Ich war ein M├Ądchen aus der Arbeiterklasse. Ich kam aus Batley und war noch nie irgendwo anders gewesen, au├čer ab und zu mal im Urlaub an der Costa Del Sol.

Pl├Âtzlich befand ich mich mitten unter anderen jungen Leuten, die sich zwischen der Schule und der Universit├Ąt ein Jahr Auszeit genommen hatten und die nach Indien gereist waren oder deren Eltern Diplomaten waren oder die im Ausland gelebt hatten - ich hatte meine Komfortzone komplett verlassen und all das sch├╝chterte mich echt ein", sagte sie.

"Doch ich hielt durch. Ich glaube, dass ich 10 Jahre gebraucht habe, um das Selbstvertrauen und die Sicherheit zur├╝ckzugewinnen, die ich mit 18 noch hatte, doch ich habe dadurch viel dar├╝ber gelernt, wie die Welt funktioniert und dass man auch mit einem famili├Ąren Hintergrund wie meinem etwas erreichen kann und dass man sich selbst die T├╝ren zu jeder Einrichtung und jeder Rolle und jedem Job ├Âffnen kann."

Sie wollte den verwundbarsten Menschen der Welt helfen

Jo wurde es sp├Ąt Politikerin, doch w├Ąhrend ihrer Zeit in Cambridge wurde ihr klar, dass sie diesen Karriereweg eines Tages einschlagen k├Ânnte. Ihr politisches Vorbild war der sp├Ąte Robin Cook, weil ihn seine Vision einer Au├čenpolitik inspirierte, mit der man den verwundbarsten Menschen der Welt helfen k├Ânnte.

Sie stimmte Cooks prinzipientreuer Ablehnung gegen einen Einmarsch im Irak zu, doch sie war auch der Meinung, dass der Westen seine diplomatische und humanit├Ąre Macht einsetzen musste, um Menschen in Not zu helfen.

Nach ihrem Universit├Ątsabschluss wurde sie Entwicklungshelferin - und dabei war sie oft direkt vor Ort im Einsatz. Sp├Ąter setzte sie sich bei den Organisationen NSPCC und Save the Children gegen Kinderarmut in Gro├čbritannien ein. Durch ihre Arbeit bei Oxfam, die sie in Br├╝ssel, bei den Vereinten Nationen in New York und in Krisengebieten auf der ganzen Welt aus├╝bte, wurde sie zur Expertin, was ihr sp├Ąter den Weg ins Parlament ebnete.

"Ich stieg in ein Flugzeug und verbrachte eine Woche in Kabul und die n├Ąchste in Darfur", erz├Ąhlte sie uns. Sie k├╝mmerte sich bei ihrer Arbeit um Kindersoldaten in Uganda und traf auf Stammes├Ąlteste in Afghanistan und widersprach dadurch dem abgedroschenen Klischee von jungen Parlamentsabgeordneten, die ├╝berhaupt keine Ahnung von der "Welt da drau├čen" hatten.

Bevor er eine leitende Position bei Save the Children ├╝bernahm, arbeitete ihr Ehemann f├╝r Gordon Brown in der Downing Street. Jo arbeitete als Beraterin f├╝r Sarah Brown. Unter anderem unterst├╝tzte sie Brown bei einer Kampagne, die es sich um Ziel gemacht hatte, die Zahl an M├╝ttern, die in Entwicklungsl├Ąndern bei Geburten sterben, zu verringern.

Kaum im Unterhaus angekommen brachte sie sofort die Themen zur Sprache, die ihr am meisten am Herzen lagen. Bei ihrer Antrittsrede lobte sie die in ihrem Wahlkreis Yorkshire herrschende Diversit├Ąt. Sie verk├╝ndete, dass der Wahlkreis "durch Immigration extrem bereicht worden ist, sei es durch die irischen Katholiken oder durch Muslime aus Gujarat in Indien oder aus Pakistan, insbesondere aus Kaschmir, die es ├╝berall im Wahlkreis gibt."

Wenige Monate, nachdem sie im Jahr 2015 ihren Sitz im Parlament gewonnen hatte, gr├╝ndete sie die ├╝berparteiliche Arbeitsgruppe "Friends of Syria". Bei der umstrittenen Abstimmung zu Milit├Ąreins├Ątzen des Vereinigten K├Ânigreichs in Syrien enthielt sie sich ihrer Stimme.

Bei der HuffPost schrieb sie, dass ihrer Meinung nach Luftangriffe nicht zur wirklichen L├Âsung des Problems beitragen w├╝rden. "Ich finde auch, dass man etwas tun muss, um den IS aufzuhalten, ich glaube jedoch nicht, dass das allein reicht", schrieb sie.

"Ich w├╝rde mir eine Politik w├╝nschen, in der mehr Einigkeit herrscht"

In ihrer letzten Kampagne setzte sie sich vehement f├╝r die Remain-Kampagne zum EU-Referendum ein. Dabei arbeitete sie gruppen├╝bergreifend mit anderen Parteien zusammen - ein Ansatz, der ihre Politik seit jeher gekennzeichnet hatte.

In einem Interview, das wir vergangenes Jahr mit ihr gef├╝hrt hatten, hatten wir sie gefragt, was sie ├Ąndern w├╝rde, wenn sie etwas an der Politik des Vereinigten K├Ânigreichs ├Ąndern k├Ânnte. "Ich w├╝rde mir eine Politik w├╝nschen, in der mehr Einigkeit herrscht. In der man sich Probleme ansieht und die kl├╝gsten K├Âpfe hinzuzieht, um L├Âsungen daf├╝r zu finden", sagte sie.

In Westminster wird man sie jedoch auch als Mutter, Ehefrau und Freundin in Erinnerung behalten. In dem Interview hatten wir Jo auch gefragt, welches Buch sie zuletzt gelesen hat. Sie antwortete: "Wahrscheinlich habe ich meinen Kindern ein Kinderbuch vorgelesen. Wahrscheinlich 'Wo ist mein Hut?'."

Und auf die Frage, mit welchen drei Worten ihre beste Freundin sie beschreiben w├╝rde, antwortete sie einfach: "Leidenschaftlich, mitf├╝hlend und loyal." Diese drei Eigenschaften trafen zweifelsohne alle auf sie zu.

Dieser Artikel ist urspr├╝nglich bei der Huffington Post UK erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen ├╝bersetzt.

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