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Jo Cox war wirklich "leidenschaftlich, mitfühlend und loyal"

18/06/2016 12:26 CEST | Aktualisiert 19/06/2017 11:12 CEST
DANIEL LEAL-OLIVAS via Getty Images

Als die Nachricht sie erreichte, hatten die Parlamentsabgeordneten und Mitarbeiter der Labour Party sich gerade in der Strangers' Bar im britischen Unterhaus versammelt und freuten sich auf das Fußballspiel England gegen Wales.

Auf den Mobiltelefonen tauchten unablässig neue Eilmeldungen, Kurzmitteilungen und Tweets auf und die Stimmung im Raum verdunkelte sich augenblicklich. "Wir konnten es einfach nicht fassen", so ein Mitarbeiter der Partei.

Keiner von ihnen wusste, dass die 41-jährige Jo Cox bereits im Leeds-General-Infimary-Krankenhaus von den Ärzten für tot erklärt worden war, als die Nachricht bei ihnen eintraf.

Jo war bei Abgeordneten aller Parteien im Unterhaus sehr beliebt. Da sie früher sehr erfolgreich im Bereich Übersee- und Entwicklungshilfe für die Hilfsorganisation Oxfam gearbeitet hatte, galt sie als angesehene Expertin auf diesem Gebiet.

Mit ihren knapp 1,50 Metern Körpergröße bewies sie als Politikerin sehr viel Stärke, was man ihr aufgrund ihrer zierlichen Figur auf den ersten Blick nicht zutraute. Diese Stärke stellte sie jedes Mal unter Beweis, wenn sie sich im gemäßigten Unterhaus von den grünen Bänken erhob und gut durchdachte Fragen zu Syrien und der Flüchtlingsproblematik aufwarf.

Jo Cox war eine echte Kämpfern

Noch vor wenigen Tagen stand sie - selbstverständlich - beim jährlichen Wettbewerb im Tauziehen zwischen den Mitgliedern des Unterhauses und des Oberhauses ganz vorne, um Spenden für die Stiftung Macmillan Cancer Support zu sammeln. Jo fungierte bei diesem Wettbewerb als Anführerin des Frauenteams.

Von vielen Kollegen der Labour Party, die sie kannten, wurde sie nicht nur geschätzt sondern sogar sehr geliebt. Ihr unverwechselbares rotes Kleid und ihr blauer Blazer waren ihre Markenzeichen. Sie hatte mir einmal erzählt, dass ein Wähler sie gefragt hatte, warum sie diese Outfits so oft trug. Jo antwortete auf diese Frage scherzhaft, dass sie nur eine Parlamentsabgeordnete sei und ihr deshalb nicht das gleiche Budget für Kleidung zur Verfügung stände wie bei einem Fernsehstar.

Am glücklichsten war Jo, wenn sie sich voll und ganz in ihre Kampagnenarbeit vertiefen konnte. Erst am vergangenen Mittwoch hatte sie sich ihren Ehemann Brendan und ihre beiden Kinder im Alter von drei und fünf Jahren geschnappt und war mit ihnen zusammen mit einer Flagge, auf der "In" stand, in ein Schlauchboot gestiegen, um dadurch ein Zeichen gegen die "Brexit-Flotte" zu setzen, mit der Nigel Farage über die Themse schipperte.

Ihre Familie liebte Wasser. Und deshalb lebte die Familie auch auf einem Hausboot - auf einem holländischen Küstenfrachter - das in der Nähe der Tower Bridge lag, wenn sie unter der Woche in London war und ihren Pflichten als Parlamentarierin nachging. Am Dienstagabend hatte die Familie Cox noch einen Umtrunk gegeben, zu dem viele ihrer Kollegen erschienen waren, die wie sie bei der Wahl 2015 als neue Labour-Abgeordnete gewählt worden waren.

Die Gruppe der Abgeordneten auf der Party war typsicherweise bunt gemischt und reichte von Corbyn-Befürwortern (Cox hatte ihn selbst als Parteiführer vorgeschlagen, obwohl sie dann bei der Wahl zur Parteiführung nicht für ihn gestimmt hatte) bis hin zu Mitgliedern anderer Flügel der Partei.

In ihrem Wahlkreis Batley and Spen in Yorkshire geboren und aufgewachsen berichtete sie meinem Kollegen Owen Bennett (in der HuffPost-Interview-Reihe 15 From '15), dass sie stolz darauf sei, ein "Mädchen aus dem Wahlkreis" zu sein. Sie betonte, dass ihre ganze Familie noch immer in der Gegend ihres Heimatortes lebt und dass sie "einen einzigen Cousin hat, der ein kleines Stück entfernt vom Wahlkreis lebt und das schwarze Schaf der Familie ist, weil er ungefähr zwanzig Minuten weit von der Heimat weg lebt."

Mit 16 Jahren wollte sie es ihrem Vater gleichtun und in der örtlichen Zahnpastafabrik arbeiten. Sie arbeitete zwar in den Sommerferien dort, doch dann hatte sie tatsächlich die Noten, um in Cambridge zu studieren. Sie war in ihrer Familie die erste mit einem Universitätsabschluss.

Sie gesteht, dass sie erst einmal einen Kulturschock erlitt, als sie nach Cambridge kam. "Ich war ein Mädchen aus der Arbeiterklasse. Ich kam aus Batley und war noch nie irgendwo anders gewesen, außer ab und zu mal im Urlaub an der Costa Del Sol.

Plötzlich befand ich mich mitten unter anderen jungen Leuten, die sich zwischen der Schule und der Universität ein Jahr Auszeit genommen hatten und die nach Indien gereist waren oder deren Eltern Diplomaten waren oder die im Ausland gelebt hatten - ich hatte meine Komfortzone komplett verlassen und all das schüchterte mich echt ein", sagte sie.

"Doch ich hielt durch. Ich glaube, dass ich 10 Jahre gebraucht habe, um das Selbstvertrauen und die Sicherheit zurückzugewinnen, die ich mit 18 noch hatte, doch ich habe dadurch viel darüber gelernt, wie die Welt funktioniert und dass man auch mit einem familiären Hintergrund wie meinem etwas erreichen kann und dass man sich selbst die Türen zu jeder Einrichtung und jeder Rolle und jedem Job öffnen kann."

Sie wollte den verwundbarsten Menschen der Welt helfen

Jo wurde es spät Politikerin, doch während ihrer Zeit in Cambridge wurde ihr klar, dass sie diesen Karriereweg eines Tages einschlagen könnte. Ihr politisches Vorbild war der späte Robin Cook, weil ihn seine Vision einer Außenpolitik inspirierte, mit der man den verwundbarsten Menschen der Welt helfen könnte.

Sie stimmte Cooks prinzipientreuer Ablehnung gegen einen Einmarsch im Irak zu, doch sie war auch der Meinung, dass der Westen seine diplomatische und humanitäre Macht einsetzen musste, um Menschen in Not zu helfen.

Nach ihrem Universitätsabschluss wurde sie Entwicklungshelferin - und dabei war sie oft direkt vor Ort im Einsatz. Später setzte sie sich bei den Organisationen NSPCC und Save the Children gegen Kinderarmut in Großbritannien ein. Durch ihre Arbeit bei Oxfam, die sie in Brüssel, bei den Vereinten Nationen in New York und in Krisengebieten auf der ganzen Welt ausübte, wurde sie zur Expertin, was ihr später den Weg ins Parlament ebnete.

"Ich stieg in ein Flugzeug und verbrachte eine Woche in Kabul und die nächste in Darfur", erzählte sie uns. Sie kümmerte sich bei ihrer Arbeit um Kindersoldaten in Uganda und traf auf Stammesälteste in Afghanistan und widersprach dadurch dem abgedroschenen Klischee von jungen Parlamentsabgeordneten, die überhaupt keine Ahnung von der "Welt da draußen" hatten.

Bevor er eine leitende Position bei Save the Children übernahm, arbeitete ihr Ehemann für Gordon Brown in der Downing Street. Jo arbeitete als Beraterin für Sarah Brown. Unter anderem unterstützte sie Brown bei einer Kampagne, die es sich um Ziel gemacht hatte, die Zahl an Müttern, die in Entwicklungsländern bei Geburten sterben, zu verringern.

Kaum im Unterhaus angekommen brachte sie sofort die Themen zur Sprache, die ihr am meisten am Herzen lagen. Bei ihrer Antrittsrede lobte sie die in ihrem Wahlkreis Yorkshire herrschende Diversität. Sie verkündete, dass der Wahlkreis "durch Immigration extrem bereicht worden ist, sei es durch die irischen Katholiken oder durch Muslime aus Gujarat in Indien oder aus Pakistan, insbesondere aus Kaschmir, die es überall im Wahlkreis gibt."

Wenige Monate, nachdem sie im Jahr 2015 ihren Sitz im Parlament gewonnen hatte, gründete sie die überparteiliche Arbeitsgruppe "Friends of Syria". Bei der umstrittenen Abstimmung zu Militäreinsätzen des Vereinigten Königreichs in Syrien enthielt sie sich ihrer Stimme.

Bei der HuffPost schrieb sie, dass ihrer Meinung nach Luftangriffe nicht zur wirklichen Lösung des Problems beitragen würden. "Ich finde auch, dass man etwas tun muss, um den IS aufzuhalten, ich glaube jedoch nicht, dass das allein reicht", schrieb sie.

"Ich würde mir eine Politik wünschen, in der mehr Einigkeit herrscht"

In ihrer letzten Kampagne setzte sie sich vehement für die Remain-Kampagne zum EU-Referendum ein. Dabei arbeitete sie gruppenübergreifend mit anderen Parteien zusammen - ein Ansatz, der ihre Politik seit jeher gekennzeichnet hatte.

In einem Interview, das wir vergangenes Jahr mit ihr geführt hatten, hatten wir sie gefragt, was sie ändern würde, wenn sie etwas an der Politik des Vereinigten Königreichs ändern könnte. "Ich würde mir eine Politik wünschen, in der mehr Einigkeit herrscht. In der man sich Probleme ansieht und die klügsten Köpfe hinzuzieht, um Lösungen dafür zu finden", sagte sie.

In Westminster wird man sie jedoch auch als Mutter, Ehefrau und Freundin in Erinnerung behalten. In dem Interview hatten wir Jo auch gefragt, welches Buch sie zuletzt gelesen hat. Sie antwortete: "Wahrscheinlich habe ich meinen Kindern ein Kinderbuch vorgelesen. Wahrscheinlich 'Wo ist mein Hut?'."

Und auf die Frage, mit welchen drei Worten ihre beste Freundin sie beschreiben würde, antwortete sie einfach: "Leidenschaftlich, mitfühlend und loyal." Diese drei Eigenschaften trafen zweifelsohne alle auf sie zu.

Dieser Artikel ist ursprünglich bei der Huffington Post UK erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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