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Wirtschaft muss sich endlich die Lizenz für Führungsverantwortung verdienen

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Die Abkürzung VUCA - Volatile, Uncertain, Complex, Ambiguous (Unberechenbar, Unsicher, Kompliziert, Unklar) - stammt vielleicht ursprünglich vom Militär, aber es wird immer offensichtlicher, dass sie heute für alle Lebensbereiche gilt. Tatsache ist, dass wir in einer schnelllebigen Zeit leben, in der Veränderungen immer unvorhersehbarer werden. Weder ein Land, eine Gesellschaft, eine Branche noch eine Einzelorganisation kann sich dem entziehen. Wir sind alle davon beeinträchtigt. Diese neue Realität zu steuern, wird wiederum schwieriger durch die verstärkte Interdependenz unserer heutigen Welt.

Die Probleme und Missstände mit denen wir uns befassen müssen, sind so untrennbar miteinander verbunden wie niemals zuvor. Nichts stellt dies deutlicher dar, als die Verknüpfung von Nahrung, Wasser, Energie und Klima, die in den letzten Jahren so wirksam vom Weltwirtschaftsforum und anderen betont wurde. Wie können wir Versorgungssicherheit für eine rapide steigende Bevölkerung gewährleisten, wenn es immer mehr Wasser- und Energieengpässe gibt, von denen viele direkt mit dem Klimawandel in Verbindung stehen? Es ist nicht verwunderlich, dass ein renommierter Forscher vor einem 'verheerenden Sturm' gewarnt hat. Immer öfter findet sich auch die Wirtschaft im Auge dieses Sturms wieder und sieht sich, mit einiger Rechtfertigung, dem Misstrauen großer Teile der Gesellschaft, als Teil des Problems und nicht der Lösung der heutigen Herausforderungen, ausgesetzt. Das muss sich ändern. Die Wirtschaft kann sich nicht länger leisten nur Zuschauer zu sein, der zufrieden am Rande des Spielfelds sitzt und das minimal notwendige für seine 'Lizenz zum Bewirtschaften' tut. Die Herausforderungen erfordern - und die Bürger fordern - eine andere Herangehensweise.

Zulässiges Wachstum muss in Zukunft auf nachhaltigen und fairen Modellen aufbauen. Mit dem Erwerb ihrer Lizenz zum Bewirtschaften wird es Zeit für Unternehmen sich die Lizenz für Führungsverantwortung zu verdienen. Offizielle des Militärs und des Verteidigungsministeriums erkannten zuerst die VUCA-Welt und sprachen von der Notwendigkeit der 'Lastenverteilung' und der Verantwortung souveräner Staaten, die Verteidigung der Freiheit in dieser Welt gleichmäßiger zu verbreiten. Das ist eine Parallele zum Militär, die auch heute Bedeutung hat. Die Wirtschaft muss ihrerseits einen viel größeren Teil der Verantwortung für alles, was ihre Wertschöpfungskette berührt, übernehmen. Das eigene Haus auf Vordermann zu bringen, ist eine notwendige - aber nicht ausreichende - Bedingung für die Entwicklung von nachhaltigen Wachstumsmodellen.

Das ist die Quintessenz von Unilevers Nachhaltigkeitsplan, der der Überzeugung des Unternehmens Ausdruck verleiht, seine Größe im Gleichklang mit der Reduzierung seines ökologischen Fussabdrucks und der Steigerung seines positiven sozialen Einflusses zu verdoppeln. Der Plan deckt die komplette Wertschöpfungskette vom Ursprung über die Herstellung bis zur Nutzung unserer Produkte durch Konsumenten ab.

Das erfordert eben jenes holistische, system-basierte Denken welches Andrea Bassi und Gilbert Probst in ihrem Buch Tackling Complexity: A Systemic Approach for Decision Makers für den Mainstream einfordern. Das Buch führt ein systemisches Denken ein, welches die Lösung von komplexen Problemen in sozio-politischen und wirtschaftlichen Umgebungen zu Möglichkeiten macht.

Die hauptsächliche Neuerung des systemischen Denkens - nämlich die Betonung das problemschaffende System zu definieren, welches aus interagierenden Teilen besteht, anstatt Ereignisse zu priorisieren, die sofortige Problemlösungen erfordern - ermöglicht ein besseres Verständnis der Realität und ihrer Komplexität. Tackling Complexity legt eine fünfschrittige Technik nahe, mit der Probleme und der Kontext in dem sie aufkommen, besser nachvollzogen werden können. Zusätzlich dazu beinhaltet es das passende Handwerkzeug, um jeden Schritt des Entscheidungsprozesses durchdringen zu können. Systemisches Denken kann somit genutzt werden, um Probleme zu identifizieren, ihre Reichweite zu analysieren, Strategien und politische Eingriffe zu entwerfen, ihren erwarteten Einfluss zu prognostizieren und zu messen, sie dann zu implementieren, und schlussendlich ihren Erfolg und Misserfolg zu überwachen und zu bewerten.

Wenn wir das schaffen, können wir einen entscheidenden Unterschied machen. Jedoch ist zu bedenken, dass die Größe und das Ausmaß der uns bevorstehenden Herausforderungen bedeutet, dass selbst die größten und international verzweigtesten Unternehmen und Organisationen in der Reichweite ihrer Möglichkeiten beschränkt sind. Systemdurchdringende Veränderungen benötigen eine kritische Masse verschiedener Akteure, die alle dazu bereit sind, starke Partnerschaften und Kollaborationen einzugehen, die auf Vertrauen und der Überzeugung zum Handeln und nicht zum Debattieren aufbauen.

Es gibt noch viel zu tun. Wir sind weit davon entfernt, den nötigen Wendepunkt zu erreichen, doch ich denke, dass der Trend mit Sicherheit umschlägt. Das Beispiel des Einsatzes gegen illegale Abholzung und die Entwicklung nachhaltiger Alternativen für Waren wie Palmenöl und Soja, zeigt wunderbar, was möglich ist, wenn Regierungen und Partner aus der Wirtschaft mit dem Ziel zusammenkommen, transformative weitreichende Veränderungen des Marktes herbeizuführen. Nichts davon ist einfach. Alles trägt auch ein Risiko mit sich. Den ersten Schritt zu nehmen, ist oft der schwerste. Es erfordert Mut und den Willen nicht kurzfristige Ergebnisse, sondern langfristige Ziele ins Visier zu nehmen. Systemische Veränderungen benötigen deshalb neue Führungsstile von Männern und insbesondere auch von Frauen, die gewillt sind die Vorreiter von Veränderungen zu sein. Für diejenigen bietet Tackling Complexity einen unbezahlbaren Fahrplan für die Ingangsetzung von Veränderungen und für den Erfolg in der zweifellos weiterbestehenden VUCA-Welt.

Übersetzt aus der Huffington Post USA. Hier geht's zum Original.

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