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Nachhaltiges Wirtschaft: Wo unser innerer Kompass auf das Entscheidende stößt

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Es war Winston Churchill, der einst sagte, "Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen - abgesehen von all den anderen Formen, die davor ausprobiert worden sind." Ziemlich dasselbe kann man auch über den Kapitalismus sagen. Vor allem für jene Form des Kapitalismus, die in den vergangenen 20 Jahren praktiziert wurde.

Diese Form des Kapitalismus hat zweifelsohne seine Stärken. Im Laufe der vergangenen 50 Jahre hat der Kapitalismus direkt dazu beigetragen eine halbe Milliarde Menschen aus der Armut zu retten. Er hat geholfen das Gesundheitssystem zu revolutionieren und digitale Technologien zu erschaffen, die das Leben von Menschen auf der ganzen Welt verändern.

Aber der moderne Kapitalismus hat auch - sowohl auf privater als auch auf Regierungsebene - zu extremem Reichtum ebenso wie zu beachtlicher Verschuldung geführt. Er hat finanzielle Instrumente geschaffen, die von keinerlei sozialem Nutzen sind und er hat für die unhaltbare Nutzung von knappen materiellen und natürlichen Ressourcen gesorgt.

Jedenfalls wurden alle bisher ausprobierten Alternativen zum Kapitalismus als mangelhaft - oder wie der Kommunismus sogar als katastrophal - eingestuft.

Der Kapitalismus ist also trotz all seiner Fehler konkurrenzlos. Die Aufgabe, der sich die Führungspersönlichkeiten von heute stellen müssen ist ihn zu verbessern, seine Stärken aufzubauen und seine Schwächen auszumerzen.

Die Herausforderung liegt darin, an den positiven Charakteristika des Kapitalismus wie der Energie, dem Betrieb und der Kreativität aufrechtzuerhalten, während sie andererseits die destruktiven Elemente beseitigen. Wenn sich zu viele Menschen von den positiven Effekten des Systems ausgeschlossen fühlen, werden sie letztendlich dagegen rebellieren. Solche Gefühle haben zu der nachvollziehbaren inkohärenten Wut geführt, in der globale Bewegungen wie der Arabische Frühling, Madrids Los Indignados oder Occupy Wall Street wurzeln. Leider steigt der Gini-Index zum weltweiten Ungleichgewicht von Wohlstand weiter. China hat darin mittlerweile die USA überholt.

Ich glaube, dass die Finanzkrise von 2008/09 - vor allem im Finanzsektor - eher einen Mangel an Ethik und Moral als ein Problem der Steuerung oder der Kriminalität aufgedeckt hat. Es war mit Sicherheit nötig einige Lektionen in Sachen Reglementierung zu lernen. Aber im Herzen war es vor allem ein kollektiver Kontrollverlust über unseren inneren Kompass. Zu viele Menschen stellen die eigenen Interessen über das Wohl der Allgemeinheit.

Es ging nur noch um „mehr haben" anstatt um „mehr leben."

Um die Schwächen des Kapitalismus anzugreifen, werden wir alle vor allem zwei Dinge tun müssen: Erstens müssen wir eine Langzeitperspektive einnehmen; und zweitens müssen wir die Prioritäten in der Geschäftswelt neu setzen.

Die Kurzsichtigkeit, welche die moderne Geschäftswelt charakterisiert, beschreibt Dominic Barton von McKinsey's als „vierteljährlicher Kapitalismus". Roger Martin bezeichnet sie in seinem Buch „Fixing The Game" als „Erwartungsmanagement".

Das ist die Tretmühle, auf der sich die Führungskräfte vieler Aktiengesellschaften wiederfinden. Die Auflage, den Investoren alle 90 Tage Bericht erstatten zu müssen, verzerrt Verhalten und Prioritäten. Es ist absurd, dass komplexe multi-nationale Firmen Unmengen an Zeit dafür aufwenden müssen, für jedes Quartal detaillierte Einkommens- und Deckungsbeitragsrechnungen zu erstellen. Kein anderer Bereich der Geschäftswelt wird in so knappen Zeithorizonten berechnet: Ganz sicher nicht Forschung und Entwicklung, Kapitalinvestment-Programme, Kaufverträge und auch Werbung nicht. Wieso sollte man es dann bei der Finanzberichterstattung machen? Das gleiche gilt für die ständige Kontrolle, die auf die Erfüllung der Erwartungen hinarbeitet versus das tatsächliche Geschäftsmanagement.

Die Prioritäten der Geschäftswelt müssen hinterfragt werden. Seit den 1980er Jahren waren wir alle Jünger des Unternehmenswertes. Dessen Doktrin besagt, dass das Hauptziel eines Geschäftes ist, den Gewinn seiner Investition zu maximieren.

Bei Unilever haben wir diese beiden Gebote hinterfragt. Wir haben sowohl Quartalsberichte als auch Kontrolle abgeschafft. Außerdem haben wir festgesetzt, dass unsere Hauptziele darin bestehen, die Bedürfnisse unserer Konsumenten und Kunden zu befriedigen und den Gemeinden zu dienen, in denen wir arbeiten. Wenn wir uns daran halten, bin ich überzeugt, dass wir unseren Anlegern exzellente Ergebnisse präsentieren werden. Bisher sind wir nicht enttäuscht worden, denn wir haben trotz einer schwierigen wirtschaftlichen Lage starke Leistungen erbracht.
Die große Herausforderung des 21. Jahrhunderts liegt darin, sieben Millionen Menschen einen guten Lebensstandard zu ermöglichen. Und das ohne dabei die Ressourcen der Erde aufzubrauchen oder gewaltige Staatsverschuldungen aufzutürmen. Um das zu erreichen, müssen Regierungen und die Wirtschaft gleichermaßen neue Wachstumsmodelle finden die sowohl im umweltpolitisch als auch wirtschaftlich ausgeglichen sind. Dazu braucht es ebenfalls neue Führungsebenen.

Während die globale Erwärmung voranschreitet und die natürlichen Ressourcen aufgebraucht werde, muss die Wirtschaft sich entscheiden, welche Rolle sie spielen will. Will sie am Spielfeldrand stehen und abwarten, dass die Politik einen Zug macht? Oder will sie selbst an den Abschlag und das Thema in Angriff nehmen? Wenn wir weiterhin grundlegende Ressourcen, wie Wasser, Nahrung, Boden und Energie konsumieren ohne auf lange Sicht an ihre Nachhaltigkeit zu denken, wird niemand von uns in Wohlstand leben.

Wenn die Geschäftswelt das Vertrauen der Gesellschaft zurückgewinnen will, muss sie die großen sozialen und umweltpolitischen Themen anpacken, denen sich die Menschheit gegenüber sieht. Vor allem in Zeiten, in denen die Politik zunehmend in immer kürzeren Wahlzyklen gefangen ist und kaum die Chance hat globale Herausforderungen in einer immer unabhängigeren Welt in Angriff nehmen. Wie ich schon häufig sagte, „kann die Wirtschaft nicht nur unbeteiligter Zuschauer in dem System sein, das ihr Leben gibt." Der Umweltschützer Paul Hawken sagt, wenn es ein Defizit gibt, um da wir uns derzeit kümmern müssen, dann ist es ein Defizit an Bedeutung. Viele reden von der Notwendigkeit eines BIP+: Einer weiteren Einheit für Erfolg, die über Schaffung von Wohlstand hinaus.

Uns der Herausforderung zu stellen ist für die Geschäftswelt nicht nur von einem moralischen Standpunkt das Richtige, sondern auch für unseren Eigennutz. Wie unter anderem CK Prahalad erörtert hat, gibt es im Bereich der sogenannten „Nachhaltigkeit" riesige Möglichkeiten für Wachstum und Gewinnmarge. Bei Unilever zeigen sich Ansätze darin, dass die Bedürfnisse von Milliarden Menschen nach sauberem Trinkwasser, hygienischer Grundversorgung und nahrhaftem Essen angepackt werden. Außerdem arbeiten wir daran, den Abbau von Rohstoffen so nachhaltig wie möglich zu gestalten.

Der künftige Erfolg von Unilever hängt davon ab, unser Wachstum und unseren ökologischen Fußabdruck zu entkoppeln und gleichzeitig unseren positiven sozialen Einfluss zu steigern. Dies sind die grundlegenden Ziele des Unilever Sustainable Living Plans, den wir 2010 eingeführt haben.
Wenn die Leute über neue Formen des Kapitalismus sprechen, denke ich an: Firmen, die voll transparent zeigen, dass sie ihren Beitrag in der Gesellschaft leisten anstatt sie auszubeuten. Und zwar jetzt und in vielen noch kommenden Generationen.

Das ist nicht weniger als ein Geschäftsmodell. Eines, das langfristig ausgelegt ist. Eines, das die Wirtschaft als Teil der Gesellschaft sieht und nicht als von ihr getrenntes Element. Eines, in dem sich Firmen den großen sozialen und ökologischen Themen widmen, welche die Stabilität der Gesellschaft gefährden. Eines, in dem die Bedürfnisse von Bürgern und Gemeinden genauso wichtig sind wie die Erwartungen der Aktionäre.

Aus diesem Grund müssen wir den Unilever Sustainable Living Plan ins Zentrum unserer Strategie rücken. Unser Wachstum nimmt zu seit wir den USLP in die Tat umgesetzt haben. Die Innovationsraten nehmen zu, neue Wachstumsmöglichkeiten (wie Pure-it) tun sich auf und unsere Kosten sinken, da wir immer weniger abhängig von Rohstoffen sind. Unsere Konzernmarke - um ein gutes Beispiel zu nennen - floriert und liegt seit vierzehn Jahren in Folge im Dow Jones Sustainability Index auf Platz eins.

Aber auch wenn wir unsere Ziele zur Nachhaltigkeit erreichen. Wenn keiner nachzieht, haben wir versagt. Wir wissen, dass wir Partner brauchen, um erfolgreich zu arbeiten: Mit Regierungen, Kunden, Konkurrenten, Zulieferern und besonders mit nichtstaatlichen Organisationen.
Die Rio+20 Konferenz, die viele als gescheitert sehen, hat einige vielversprechende Wege aufgezeigt, wie die Wirtschaft in Zukunft sowohl mit Regierungen als auch der Zivilbevölkerung zusammenarbeiten kann. Über 1800 Firmen haben bei dem Treffen ungefähr 200 konkrete Vorschläge erarbeitet. Ein Beispiel dafür ist die Natural Capital Declaration. Eine Vereinbarung von über 30 Firmen, einen Wert für Ressourcen wie Wasser, Kohle und Artenvielfalt. Mittlerweile haben wir die Führung im Bereich des Integrated reporting übernommen. Ebenso war es mit unserer Arbeit im Bereich der Ernährungssicherung, die sich aus den Ergebnissen des G20-Gipfels ergeben hat. Angesichts der vielen Wetterextreme in vielen Teilen der Welt ist es wichtiger denn je sich um die Ernährungssicherung zu kümmern. Ein weiteres Ergebnis war die Ankündigung der US-Regierung eine Partnerschaft mit über 400 Firmen einzugehen, um die illegale Abholzung durch ihre Zulieferer zu beenden.

Diese Partnerschaft bildet eine der mächtigsten industriellen Koalitionen mit der weltweit mächtigsten Regierung, die es je gab. Das ist der Maßstab, den wir ansetzen müssen, wenn wir wirklich gegen große Themen - wie die Abholzung - vorgehen wollen. Rund 17 Prozent aller Treibhausgase entstehen durch Abholzung; das ist mehr als der gesamte Verkehrssektor.

Wir werden mehr solche Initiativen brauchen, wenn wir uns den drei großen Herausforderungen, die auf uns zukommen, stellen wollen: Ernährung, Wasser und der voranschreitende Klimawandel.

Wir brauchen mutige Führungskräfte um erfolgreich zu sein. Wir brauchen Firmen, die bereit sind voranzugehen und sich trauen neue Geschäftsmodelle zu entwerfen und auch umzusetzen.
Dadurch wird das Vertrauen der Menschen in die Wirtschaft zurückkehren und wir werden profitables Wachstum verzeichnen können. Das B-Team ist eine Gruppe von Führungspersonen in der Wirtschaft. Sie haben sich zusammengeschlossen, um den Prozess zu beschleunigen und maximale Wirkung zu erzielen.

Ihre Mithilfe an diesem Ziel ist wichtiger denn je. Kleine Taten machen den großen Unterschied. Ja, wir haben alle unseren Beitrag zu leisten.