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Schreib dich glücklich: Der George-Bailey-Effekt

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Nie standen sie höher im Kurs: Dankbarkeitstagebücher erleben zurzeit einen regelrechten Hype als ultimative Abkürzung in ein glückliches Leben. Was verschwiegen wird: Für viele Menschen funktioniert diese Methode nicht. US-Wissenschaftler haben herausgefunden, woran das liegt und wie auch diese Dankbarkeitsmuffel zu Glücksgefühlen finden können.

Ja, Dankbarkeit ist, regelmäßig praktiziert, einer der wirksamsten und simpelsten Wege, um die eigene Lebenszufriedenheit zu erhöhen, um gesünder und erfolgreicher zu werden. Sich mithilfe eines Dankbarkeitsjournals auf die guten und schönen Aspekte des eigenen Lebens zu fokussieren, kann enorme Veränderungen bewirken. Das haben mittlerweile unzählige Studien belegt. Denn Dankbarkeit ist keine unveränderliche angeborene Fähigkeit, sondern lässt sich trainieren.

Innere Leere statt Glücksgefühle

Was allerdings nicht funktioniert: sich selbst Dankbarkeit befehlen. Wer sich selbst häufiger dabei ertappt, vor seinem Notizbuch zu sitzen und bei der Suche nach Dankbarkeitsgefühlen nur innere Leere vorfindet, befindet sich in guter Gesellschaft.

Je nach Lebenssituation fällt es uns leichter oder schwerer, die kleinen oder größeren Momente des Glücks in unserem Alltagstrott zu erkennen. Wir sitzen vor dem leeren Blatt Papier, lassen den Tag Revue passieren und finden nichts, was wirklich Dankbarkeit in uns auslöst. Ich selbst habe mich eine Zeitlang dabei beobachtet, wie mein Stift zwar mechanisch eine ganze Reihe von Punkten fand, für die man hätte dankbar sein können, aber mein Herz zeigte keine Reaktion.

Dankbarkeit lässt sich nicht befehlen

Aber ich war ja bemüht, der Weg zum Glück ist eben steinig, dachte ich mir, und zog das Experiment Dankbarkeitsjournal weiter durch. Ich setzte mich jeden Abend zum Schreiben hin. Doch meine Gefühle fühlten sich nicht eingeladen aus der Deckung zu kommen. Das Notizbuch kam mir eher wie ein militärischer Drill Instructor vor, der meine Gefühle zum Appell rief: Dankbarkeit vortreten!

Ich kenne mittlerweile viele Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Die durch diese Übung nicht zu ihren Gefühlen von Dankbarkeit vordringen können und für die das Dankbarkeitsjournal eher zum Frustrationsjournal wird.

Nach ein paar Tagen, in denen ich mir meine Undankbarkeit vor Augen geführt hatte, da mein Notizbuch höchstens spärlich beschrieben war, beschloss ich frustriert, den Versuch vorerst einzustellen. Bis ich auf eine spannende US-Studie stieß.

Dankbarkeit braucht Unsicherheit

Wenn es dir auch schwer fällt, sich mit dieser so wissenschaftlich fundierten und allseits empfohlenen Methode des Dankbarkeitsjournals anzufreunden, dann haben Wissenschaftler der University of North Carolina eine gute Nachricht: Wenn das Dankbarkeitsjournal bei dir nicht (mehr) wirkt, bist du nicht (unbedingt) ein herzloser Eisklotz und musst auch nicht um deine mentale Gesundheit fürchten. Du bist vielleicht einfach zu sehr Gewohnheitstier.

Dankbarkeit braucht ein gewisses Maß an Unsicherheit und Gewöhnung ist das Gegenteil von Unsicherheit. Für uns sind die vielen kleinen Wunder unseres Alltags Normalität geworden: Das Vogelgezwitscher am Morgen, unser Herz, das seit vielen Jahren und Jahrzehnten tausende Male am Tag schlägt. Und auch die Annehmlichkeiten, wie eine sichere Wohnung und einen Job nehmen wir als gegeben hin.

Ein gutes Leben macht es schwer, dankbar zu sein

Wir erkennen diese Dinge zwar rational als wertvoll an, aber es gelingt uns nicht mehr, sie emotional wertzuschätzen. Denn sie sind zum Grundrauschen unseres Alltags und wir zum Opfer des Gewöhnungseffekts geworden. Wir streben danach, immer mehr Erfahrungen in unser Leben zu integrieren, die uns glücklich machen. Doch je besser uns das gelingt, desto weniger können wir unser Glück genießen.

"Menschen wollen die guten Dinge im Leben verstehen, damit sie sie wieder und wieder erleben können. Doch indem sie das tun, vermindern sie die Befriedigung, die sie aus diesen Erfahrungen gewinnen", fasst Timothy Wilson, Autor des Buchs Redirect: The Surprising new Science of Psycological Change seine Erkenntnisse zum Pleasure Paradox zusammen.

Wie wir uns den George-Bailey-Effekt zunutze machen können

Aber zurück zur Studie der US-Wissenschaftler. Sie wussten um den Gewöhnungseffekt und baten ihre Probanden daher nicht, die abstrakte Frage nach der Dankbarkeit zu beantworten. Stattdessen baten sie die Prodbanden, sich vorzustellen, dass etwas in ihrem Leben plötzlich fehlte, das für sie von besonderer Bedeutung war.

Das Ergebnis: Die Probanden fühlten sich dankbarer für den Aspekt ihres Lebens, dessen Fehlen sie gerade visualisiert hatten, als eine Vergleichsgruppe, die diesen mentalen Radiergummi nicht verwendet hatte.

Wissenschaftler bezeichnen die Methode als mentale Subtraktion bzw. als George-Bailey-Effekt. Wir stellen uns vor, dass uns etwas fehlt, das uns wichtig ist, und intensivieren so das Gefühl von Dankbarkeit oder legen es überhaupt erst frei.

Seinem Namen hat der Effekt übrigens von George Bailey, dem Hauptcharakter des amerikanischen Weihnachtsfilms It's A Wonderful Life. Einem Klassiker von 1947, in dem ein Engel einem unglücklichen Businessmann zeigt, wie das Leben sein würde, hätte er nie existiert.

Welche Wirkungen hat der mentale Radiergummi?

Dass mentale Subtraktion hilft, ist mittlerweile von verschiedenen Studien belegt. Es lohnt sich, den mentalen Radiergummi immer mal anzusetzen und sich vorzustellen, wie es wäre, wenn der Partner, ein guter Freund, der Sportkollege, der im Kern doch gar nicht so üble Job weg wären...Hier ein paar Wirkungen, die sich in Studien zur mentalen Subtraktion immer wieder bestätigt haben:

  • Menschen, die mentale Subtraktion üben, sind glücklicher als solche, die dies nicht tun
  • Sie können ihre Beziehungen mehr genießen (wenn diese grundsätzlich intakt sind)
  • Sie wurden achtsamer und offener für die kleinen Geschenke des Alltag
  • Sie waren (wenn auch nicht in extremem Ausmaß) glücklicher als solche, die abstrakte Dankbarkeit übten

Dankbarkeitsjournal 2.0

Wer mit einem Dankbarkeitsjournal also bisher wenig Erfolge hatte, der mag sich den George-Bailey-Effekt zunutze machen und die Studie nachstellen, die die US-Wissenschaftler erfolgreich eingesetzt haben. So lässt sich das eigene Dankbarkeitsempfinden trainieren und dass sich das auf alle Lebensbereiche positiv auswirkt, wissen wir ja bereits.

Also, experimentiere doch mit diesem Dankbarkeitsjournal 2.0. Nutze es regelmäßig, um dein Gefühl von Dankbarkeit im Alltag zu trainieren. Nimm dir 10 Minuten Zeit, Stift und Papier und such dir einen ruhigen Ort zum Schreiben. Nur 3 Schritten trennen dich noch von einer frischen Dosis Glücksgefühl:

  • Such dir gedanklich eine Person oder ein Erlebnis, das dich glücklich macht.
  • Schreib die verschiedenen Möglichkeiten auf, wie es hätte passieren können, dass diese Person nicht in dein Leben getreten wäre oder du das Erlebnis nicht gehabt hättest. (Wir triggern hier den Unsicherheitsfaktor)
  • Schreib dann auf, wie dein Leben aussehen würde, wenn du diese Person jetzt nicht kennen würdest oder dieses Ereignis nicht passiert wäre.

Ich bin gespannt auf deine Erfahrungen mit dem Dankbarkeitsjournal 2.0 à la George Bailey. Es gibt nicht den einen richtigen Weg, um mehr Glück im Alltag zu kultivieren. Jeder darf experimentieren, was für ihn passt und vielleicht ist diese Art des Journalings für dich genau der richtige Weg, um dein Leben bewusster und glücklicher zu gestalten.

Gehörst du auch zu denen, bei denen das Dankbarkeitstagebuch nicht (mehr) wirkt?
Wie legst du deine Gefühle für die Menschen und Erlebnisse frei, die dir wichtig sind?

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Lesenswert:

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