BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Paul der Taubenmann Headshot

Vor 15 Jahren habe ich aufgehört zu arbeiten und wurde Taubenmann - jetzt bin ich berühmt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Die Tauben im Park erkennen mich sofort, wenn sie mich sehen. In Scharen kommen sie auf mich zugeflogen und setzen sich auf meinen Kopf und meine Schultern.

Deshalb nennen die Leute in New York mich nur noch "Paul, den Taubenmann". Mittlerweile stelle ich mich selbst mit diesem Namen vor. Auch, wenn ich das nicht besonders oft brauche - denn die meisten Menschen kennen mich.

Ich bin eine der größten Attraktionen von New York, würde ich sagen. Bloß stehe ich in keinem Touristen-Führer. Seit 15 einhalb Jahren sitze ich jeden Tag auf derselben Bank im Washington Square Park.

Wegen einer körperlichen Behinderung kann ich nicht mehr arbeiten. Vorher habe ich 40 Jahre lang Fliesen und Böden repariert. Danach hatte ich die Wahl: Will ich mich langweilen bis ich sterbe oder lieber berühmt werden?

Ich entschloss mich für Letzteres.

Wenn Tauben dir einmal vertrauen, lieben sie dich für immer

Hier im Park kennt mich jeder. Ich glaube nicht, dass die Leute mich für verrückt halten. Ich halte sie ja auch nicht für verrückt, weil sie keine Tauben haben. Die meisten Parkbesucher mögen meine Tauben. Viele kommen zu mir und wollen eine auf ihrer Hand halten oder sie füttern.

Ich habe nicht viel Geld, deshalb geben mir manche Geld, damit ich meine Tauben füttern kann.

Das könnte euch auch interessieren: Nach vier verschiedenen Berufen schmiss dieser Mann alles hin und wurde König

Einmal kam ein junger blinder Mann mit seiner Freundin auf mich zu. Auch er wollte eine Taube halten. Ich setze sie ihm auf den Arm und er war vollkommen außer sich.

Tauben haben ungewöhnlich warme Füßchen. So etwas hatte der Blinde noch nie gespürt. Es hat ihn glücklich gemacht und das hat mich glücklich gemacht. Ich unterhalte die Menschen.

Und mich unterhalten die Tauben. Wenn sie dir einmal vertrauen, lieben sie dich dein ganzes Leben lang. Und mir vertrauen sie.

Tauben sind mir lieber als Menschen

Früher hatte ich sie sogar in meinem Apartment. Ich habe Nüsse unter mein Kopfkissen gelegt, damit sie morgens durchs Fenster reingeflogen kamen und mich aufgeweckt haben. Sie haben das tatsächlich gemacht, wie in einem Disney-Film.

Manchmal fragen mich Leute, wie ich die Tauben auseinander halten kann. Diese Frage verstehe ich nicht. Die Tauben sehen doch alle ganz unterschiedlich aus. Ich hatte mal eine, die hatte nur ein Bein, ich habe sie Hoppy genannt. Und eine, die nur noch ein Auge hatte, Poppeye. Sie haben alle ganz verschiedene Persönlichkeiten, genau wie Menschen.

taubenmann

Aber Tauben sind mir lieber als Menschen. Im Gegensatz zu Menschen wissen sie alles zu schätzen und sie sind sich ein Leben lang treu. Sie helfen sich gegenseitig, wenn eine von ihnen in Schwierigkeiten gerät. Einmal hat sich eine meiner Tauben an einer Plastik-Tüte verfangen. Sie ist damit weggeflogen und sah aus wie Superman mit seinem Umhang.

Doch dann ist ihr Freund gekommen und hat sie befreit. Das ist wahre Liebe.

Tauben sind nicht ekelhafter als Menschen

Alle denken immer, Tauben seien ekelhaft, aber das sind sie nicht. Sie haben nicht mehr Krankheitserreger in sich als Menschen.

Im Zweiten Weltkrieg haben Tauben sogar Auszeichnungen bekommen für ihre Dienste. Jetzt denken Menschen, sie bräuchten keine Tauben mehr, nur weil sie Handys haben.

Mehr zum Thema: "Ich erwarte nichts mehr vom Leben" - so ergeht es einem Obdachlosen in New York

Ich unterhalte mich viel mit Studenten im Park. Ein paar von ihnen waren sehr interessiert und haben sich viel mit Tauben beschäftigt. Sie haben mir bestätigt, dass Menschen ein falsches Bild von Tauben haben.

Ich sage jedem in New York, er soll in den Zoo in der Bronx gehen. Dort kann man nämlich das gefährlichste Tier der Welt sehen. Es ist ein Raum mit einem Spiegel.

Das Protokoll wurde von Amelie Graen aufgezeichnet.

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.

(lk)