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Ich habe ein Jahr lang unter Rechtsextremen in den USA und Großbritannien gelebt - ihre Mordlust ist beängstigend

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INSIDE ALTRIGHT
Patrik Hermansson
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Es war schwül an diesem Tag in Charlottesville, Virginia. Um mich herum wurden Flaggen geschwungen, die der Konföderierten, die des Ku Klux Klans und die Flagge der Nationalsozialisten. Jemand sagte: "Ich kann es kaum erwarten in N****-Blut zu baden."

Im vergangenen Jahr habe ich ein Doppelleben geführt. Meine Freunde kannten mich als Patrik, einen 25-jährigen schwulen Mann, der in London seinen Master macht. Für diejenigen, deren Weltanschauung von Rassenhass, Sexismus und Homophobie geprägt ist, war ich "Erik", ein frustrierter Schwede, der nach London kam, um dem links-verseuchten Universitätssystem in seiner Heimat zu entkommen.

Was keiner von ihnen wusste: Ich habe dieses Jahr damit zugebracht, die höchsten Ränge der sogenannten Alt-Right-Bewegung, oder Alternativen Rechten zu infiltrieren, einer Bewegung, die höchst antisemitisch eingestellt und besessen von Verschwörungstheorien und Rassenideologie ist. Unterstützt wurde ich bei meiner Undercover-Aktion von der Organisation Hope not Hate.

Die Alt-Right ist international sehr gut vernetzt, nicht nur über das Internet, sondern auch offline. Und: Ihre Verbindungen reichen bis ins Weiße Haus.

Heimlich habe ich die Gespräche derer aufgezeichnet, die Juden und Muslime deportieren wollen, die linksorientierte Gegner umbringen wollen und auch die Gespräche derer, die angeben einen guten Draht zur Trump-Regierung zu haben.

Seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten gewinnt die Alt-Right immer mehr an Aufmerksamkeit. Aber sie wird leider immer noch unterschätzt. Das liegt unter anderem an der Art, wie sie in den Sozialen Medien auftritt: am laufenden Band stören ihre Anhänger Diskussionen mit krassen, oftmals ironisch-formulierten Kommentaren.

Aber die Bewegung ist keineswegs ein Spaß: Witz und Ironie sind effektive Methoden der Radikalisierung von jungen Menschen, sie helfen die Botschaft der Bewegung möglichst weit zu streuen. Hinter der Ironie und dem Diskussions-Trolling stecken weitaus finsterere Ziele.

Hass und Gewalt sind immer dabei

Ich schloss mich der Alt-Right in London an. Zu meinem großen Vorteil wird die skandinavische Kultur von vielen in der britischen Alt-Right fetischisiert. Meine Herkunft war für sie zu interessant, als dass sie misstrauisch geworden wären.

So tranken wir beim gemeinsamen Abendessen manchmal aus Wikingerhörnern und huldigten dem nordischen Gott Odin.

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Hoch die Füllhörner: Auf Parties stößt die Alt-Right gerne auf nordische Götter an

Beisammensein ist ein entscheidender Bestandteil rechtsextremer Gruppierungen. Die Mitglieder der Alt-Right gehen zusammen auf Konzerte, sie besuchen Vernissagen und veranstalten Picknicks. Die Zusammensetzung der Anwesenden wechselt, aber Hass und Gewalt sind immer mit dabei.

Diese Leute sind der Meinung, dass die Flüchtlingskrise im Mittelmeerraum am Besten mit Kriegsschiffen gelöst würde. Und wenn jemand das Massaker von Orlando erwähnt, bei dem 49 Menschen in einem Schwulen- und Lesbenclub erschossen wurden, erntet er tosenden Applaus.

Meine immer stärker werdenden Verbindungen zur rechtsextremen Szene in Großbritannien und Europa im Allgemeinen waren ein guter Ausgangspunkt. Wer aber ins tiefste Innere der Alt-Right vordringen will, der muss den Atlantik überqueren. Also fuhr ich zu einem Alt-Right-Kongress in Seattle, an die Westküste der Vereinigten Staaten von Amerika.

Ursprünglich wollte ich als Zuhörer an der Veranstaltung teilnehmen. Doch eine Woche vorher rief mich Greg Johnson, ein hohes Tier in der amerikanischen Alt-Right, an und bat mich die Eröffnungsrede zu halten. Ich hatte es zu einem angesehenen Mitglied der rechtsextremen Bewegung gebracht.

Der Kongress in Seattle wird von einer Gruppe organisiert, die sich selbst als "Stamm" begreift. Um sich ihnen anzuschließen, muss man einen DNA-Test vorlegen, um nachzuweisen, dass man nicht mehr als ein Achtel "nicht-weißes Blut" besitzt.

Grillfest im Nazi-Tempel

Am Abend vor dem Kongress, es war ein Freitag im Juni, wurde ich zu einem Grillfest in der Vorstadt eingeladen. Wir trafen uns bei Charles Krafft, einem Keramiker, der sich auf Nazi-Symbole spezialisiert hat.

Sein Haus ist ein regelrechter Tempel des Nationalsozialismus. Hakenkreuze zierten die Wände, in der Ecke stand eine Büste von Adolf Hitler und im Bücherregal reihte sich Mein Kampf neben Schriften von Mussolini und Relikten aus dem Zweiten Weltkrieg ein.

Die Gruppierung orientiert sich an der Völkischen Bewegung des frühen 20. Jahrhundert. Die Gäste beim Grillfest waren überwiegend Männer Anfang 20. Ein Typ, der Kato genannt wurde, erklärte mir: "Im Jahr 2040 werden wir Weißen in der Unterzahl sein", bevor er auf den bevorstehenden "Rassenkrieg" einging.

Mit dem monatlichen Mitgliedsbeitrag plant der "Stamm" in Seattle Land zu erwerben, um irgendwann eine ausschließlich weiße Gemeinschaft zu formen.

Die Stimmung war ausgelassen - trotzdem fürchtete ich um mein Leben. Diese Leute sprachen im Detail darüber was sie mit Antifaschisten und Juden (was für sie mehr oder weniger dasselbe ist) anstellen wollten.

Jede Unterhaltung war mit Holocaust-Witzen gespickt ("Ab in den Ofen mit ihnen" war ein beliebter Ausruf) und drehte sich irgendwann um dasselbe Thema: welche Waffen die Männer besaßen.

Verbindungen ins Weiße Haus


Nach dem Kongress machte ich mich auf nach New York, wo ich mich mit Jason Reza Jorjani, einem der Anführer der AltRight Corporation, auf ein Bier traf.

Jorjani ist ein bemerkenswert extremer Typ. Er tritt arrogant auf und badet gleichzeitig in Selbstmitleid. Er träumt von einer Welt unter einem einzigen Führer und glaubt, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis Adolf Hitlers Gesicht auf Geldscheine gedruckt wird.

Als ich nach den Zielen der AltRight Corporation frage, erklärt mir Jorjani, dass es sich dabei um eine "Regierung in der Warteschleife" handelt. Dann wirft er plötzlich ein: "Wir hatten einen guten Draht zu jemanden in Trumps Stab. Wir hatten große Pläne."

Die Rede ist von Stephen Bannon, Donald Trumps ehemaligem Chef-Berater und Gründer des rechtsextremen Mediums "Breitbart-News".

Fackelmarsch in Charlottesville, Virginia


Steve Bannon habe ich nicht getroffen, dafür habe ich mich mit Daniel Friberg, dem Chef des Alt-Right Mediums "Arktos" in Charlottesville unterhalten.

Das Ziel des Aufmarsches in der verschlafenen Studentenstadt war es, alle rechtsextremen Gruppierungen zusammenzubringen und gegen die Entfernung eines Konföderierten Denkmals aus einem Park zu protestieren.

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Aufmarsch der Rechtsextremen in Charlottesville, Virginia

Ich war gerade dabei den Park zu verlassen, als mich ein Gegendemonstrant mit Pfefferspray attackierte. Ich trug zwar eine Sonnenbrille, doch mein Gesicht und meine Arme begannen fürchterlich zu brennen. Ich beschloss, zurück ins Hotel zu gehen, um mich abzuduschen.

Auf dem Rückweg zur Demo sah ich es: Ein Auto raste durch die Straße, mitten in eine Gruppe Gegendemonstranten. Die Menge löste sich panisch auf, auch ich rannte davon.

Erst als der Rettungswagen eintraf, begriff ich wirklich, was geschehen war. Ich sah wie die Sanitäter versuchten, eine junge Frau wiederzubeleben. Dann luden sie die Verletzten ein und fuhren davon. Die Studentin Heather Heyer kam an diesem Tag ums Leben.

Wenn der Hass gesellschaftsfähig wird

Wenn du ein Jahr unter Rechtsextremen verbringst, stumpfst du ab. Irgendwann wirkt ihre Weltanschauung ganz normal und du vergisst, wie absurd ihre Ideologie tatsächlich ist.

Wenn Unrecht geschieht oder Hass gepredigt wird, egal ob gegen Ausländer, Frauen, oder die LGBTQ-Gemeinschaft, ist es unsere moralische Pflicht aufzustehen und dagegen zu halten. Ansonsten lassen wir zu, dass der Hass immer mehr gesellschaftsfähig wird.

Wie das aussieht, haben uns die Ereignisse in Charlottesville gezeigt: Die Anhänger der Rechten halten es nicht mehr für nötig, ihr Gesicht zu vermummen. Sie marschieren stolz am helllichten Tag unter der Nazi-Flagge, ohne irgendwelche Konsequenzen zu fürchten.

Eine längere Schilderung von Patriks Erlebnissen unter Rechtsextremen lest ihr in englischer Sprache auf der Webseite von Hope not Hate. Was er in seinem Undercover Jahr gefilmt hat, zeigt die Doku "Undercover in the alt-right". Wann sie in Deutschland zu sehen sein wird, ist derzeit noch nicht bekannt.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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(jg)