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Freiheit statt Vollverschleierung

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BURKA NIQAB
dpa
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Der 12. August 2016 markiert einen der wenigen Lichtblicke der Hoffnung im vom Bürgerkrieg gebeutelten Syrien. Als Zeichen der Freude über die Vertreibung der Terrormiliz „Islamischer Staat" (IS) aus der Stadt Manbidsch verbrannten muslimische Frauen ihre Niqabs, jene schwarzen Gesichtsschleier die das Gesicht fast ganz verdecken.

Muslimische Männer stutzten ihre Bärte als Zeichen der Freiheit gegenüber dem Totalitarismus des IS. Der Angst und Unterdrückung wich eine Aufbruchsstimmung der Offenheit und Selbstbestimmung.

Die Bilder von abgestoßenen Niqabs sind vor dem Hintergrund der Debatte über ein Verbot der Vollverschleierung bei uns in Deutschland bemerkenswert.

Während Muslimas im syrischen Manbidsch sie offenbar als Ausdruck einer von Unfreiheit geprägten politischen Ideologie empfinden, werden in Deutschland Stimmen laut, die die Vollverschleierung als Zeichen der freien Religionsausübung verstehen wollen.

Drei Leitfaktoren sind aber bei der Bewertung eines möglichen Verbots der Vollverschleierung entscheidend: Integration, Gleichberechtigung und gesellschaftlicher Zusammenhalt.

Die Vollverschleierung steht für Abschottung

Integration ist ohne zwischenmenschliche Begegnungen in persönlicher und vertrauensvoller Atmosphäre unmöglich. Die Vollverschleierung entzieht Frauen die Möglichkeit, ein westliches Land in offener Atmosphäre kennenzulernen, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und sich in das Land, das ihnen Schutz bietet, zu integrieren.

Die gleiche Offenheit, mit der Deutschland Flüchtlinge empfangen hat, kann die Gesellschaft nun auch von ihnen erwarten. Die Vollverschleierung ist ein Symbol für die Ablehnung dieses Gedankens der Verständigung zwischen den unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Weltanschauungen. Sie steht für Abschottung!

Darüber hinaus ist die Vollverschleierung Ausdruck eines patriarchalen Welt- und Glaubensverständnisses. Es verneint die in Europa erkämpfte Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Soweit argumentiert wird, dass die Vollverschleierung in einigen Fällen freiwillig erfolge, wird vergessen, dass Freiheit nicht nur die Abwesenheit von Zwang ist, sondern in erster Linie die positive Bejahung von allgemein anerkannten Grundwerten und Grundsätzen im Sinne unseres Grundgesetzes. Die Vollverschleierung hat somit in einer offenen und gleichberechtigten Gesellschaft keinen Platz.

Zusammenhalt ist Grundlage für den sozialen Frieden in Deutschland

Für gelungene Integration ist nicht nur entscheidend, die Werte und Spielregeln unserer Verfassung zu verinnerlichen. Es sind auch unsere Sitten und Bräuche, die täglichen kulturellen Selbstverständlichkeiten, die den Kit unserer Gesellschaft formen.

Die Vollverschleierung lehnt unsere Sitten und Bräuche ab und birgt die Gefahr der Entstehung von Parallelgesellschaften. Dieser Entwicklung muss mit Nachdruck begegnet werden, denn der gesellschaftliche Zusammenhalt ist Grundlage für den sozialen Frieden in Deutschland.

Mit über einer Millionen Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Terror Zuflucht in der Bundesrepublik Deutschland suchen, kann unser Land bei allen Schwierigkeiten an kultureller Vielfalt und Weltoffenheit gewinnen.

Diese kulturelle Vielfalt darf dabei jedoch nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden. Deutschland steht mit dem Grundgesetz auf einem Wertefundament, das sich gegen patriarchische Rollenverständnisse und gegen freiheitsfeindliche Zwangssymbole wehren muss und wehren wird.

Im Sinne des Dreiklangs aus Gleichberechtigung, Integration und gesellschaftlichem Zusammenhalt wird deutlich: die Vollverschleierung gehört nicht zu Deutschland.

Der Autor ist Mitglied des Deutschen Bundestages und Vorsitzender des Unterausschusses Europarecht.

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