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Warum der soziale Aufstieg in Deutschland besonders schwer ist - und was wir dagegen tun können

27/03/2017 16:35 CEST | Aktualisiert 27/03/2017 16:36 CEST
Fabrizio Bensch / Reuters

Im Jahre 1953 formulierte der konservative Soziologie Schelsky die seinerzeit populäre, wissenschaftlich aber umstrittene These von der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft".

Insbesondere die soziale Mobilität, also die Auf- und Abstiege zwischen den sozialen Schichten, galt ihm als wesentliches Kennzeichen eines umfassenden "Entschichtungsvorgangs" der deutschen Nachkriegsgesellschaft, ja des "Abbaus der Bedeutung gesellschaftlicher Schichten überhaupt".

Zur ungefähr gleichen Zeit erblickte der amerikanische Soziologie Talcott Parsons im selbstverantworteten Statuserwerb aufgrund eigener Anstrengung und Leistung ein entscheidendes Signum der modernen Gesellschaft, im Unterschied zur vormodernen Zuschreibung des Sozialstatus anhand von Herkunft und Geburt.

Zumindest in ihrem gesellschaftlichen Selbstverständnis gelten die Ungleichheitsordnungen moderner Gesellschaften damit als sozial durchlässig.

Und es ist - besonders für die liberale Denktradition - diese soziale Durchlässigkeit, die Ungleichheiten in der Verteilung von Einkommen und im Lebensstandard rechtfertigt, da im individuellen Lebenslauf wie auch in der Generationenfolge die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs aus benachteiligten Verhältnissen bestünde.

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Wir durchlässig ist unser System?

In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich in Deutschland - wie in anderen westlichen Gesellschaften - jedoch ein tiefgreifender Wandel sozialer Ungleichheitsverhältnisse vollzogen, der diese grundsätzliche soziale Durchlässigkeit in Frage stellt.

So haben sich materielle Ungleichheiten in den Einkommen und Vermögen verschärft. Laut aktuellen Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung schrumpften seit Beginn der 2000er Jahre die Realeinkünfte in den untersten Einkommensgruppen und stagnierten in der Mitte weitgehend, während Einkommenszuwächse überwiegend den oberen Einkommensgruppen zuflossen.

Gleichzeitig beobachten wir eine Konzentration privater Vermögen in wenigen Händen. Dem jüngsten Datenreport des Statistischen Bundesamts und des Wissenschaftszentrums Berlin zufolge besitzen die obersten 10 Prozent der Bevölkerung rund 58 Prozent des gesamten Vermögens, während die ärmere Hälfte der Bevölkerung nur über 0,1 Prozent des Gesamtvermögens verfügt.

Somit konzentrieren sich finanzielle Ressourcen zunehmend in den oberen gesellschaftlichen Schichten, die diese zur Reproduktion ihres eigenen Status oder des ihrer Kinder einsetzen können.

Hinzu kommt ein Anstieg von Einkommensarmut und eine Verfestigung von Armutslagen im Lebenslauf - es sind also nicht nur mehr Menschen arm, sondern den Armen gelingt es zunehmend seltener, der Armut zu entkommen.

Zudem wissen wir seit den PISA-Studien, dass in kaum einem anderen europäischen Land sich der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Erfolg im Bildungssystem so hartnäckig hält wie hier.

Und: jüngere Studien, etwa der Heinrich-Böll- Stiftung, zeigen, dass unter den zwischen 1970 und 1978 geborenen Personen der Einfluss der sozialen Herkunft - üblicherweise gemessen anhand des Berufs der Eltern - auf die erreichte berufliche Position zugenommen hat und die soziale Mobilität somit tendenziell rückläufig ist.

Die "Great-Gatsby" Kurve

Es verschärfen sich also nicht nur die Ungleichheiten in der Verteilung ökonomischer Ressourcen, sondern auch die Ungleichheiten in den Bildungs- und Berufschancen.

Dass sich die Vertiefung von Verteilungsungleichheiten und der Rückgang sozialer Mobilität parallel vollziehen, stellt liberale gesellschaftspolitische Positionen in Frage, denen Verteilungsungleichheiten als unproblematisch gelten solange Chancengleichheit gewährleistet ist.

Verteilungsungleichheit und Chancenungleichheit sind aber nicht unabhängig voneinander, sondern stehen in einer Beziehung. In den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften wird dies als "Great-Gatsby"- Kurve diskutiert.

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Der kanadische Ökonom Miles Corak fand heraus, dass der Einfluss eines begüterten Elternhauses auf die Einkommenschancen von Kindern in Ländern mit höherer Verteilungsungleichheit stärker ist als in Ländern mit niedrigerer Ungleichheit.

Hohe Ungleichheit geht also mit niedriger Mobilität einher. Es liegt nahe, einen ähnlichen Zusammenhang auch zu erwarten, wenn innerhalb eines Landes die Ungleichheit steigt. Wie kommt das?

Wachsende materielle Ungleichheit bedeutet, dass bei denen, die mehr haben, zugleich die Ressourcen steigen, die in Bildung und Ausbildung des Nachwuchses investiert werden können - die steigende Nachfrage nach Privatschulen und privat finanzierter und getragener außerschulischer Bildung illustriert das.

Saure Trauben

Gleichzeitig sind unter Bedingungen höherer Ungleichheit auch die Erträge, die es für die Begünstigten potenziell zu gewinnen gibt, höher. Somit erhöhen sich auch die Anreize, sich auf die sprichwörtlichen Zehenspitzen zu stellen, um die höheren Erträge abzuschöpfen.

Damit gehen nicht nur steigende Abstände in der Verteilung, sondern auch ganz praktisch in der Lebenswelt einher: Öffentliche Schulen etwa drohen dann zunehmend zu "Restschulen" zu werden, deren vermeintliche oder tatsächliche Defizite nur noch um den Preis steigender Investition in private Alternativen kompensiert werden können.

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Auf Seiten der Benachteiligten der Verteilungsentwicklung, wo die finanziellen Mittel hierfür nicht ausreichen, ergibt sich dann jedoch kaum ein Anreiz, die potenziell hohen, aber immer schwerer erreichbaren Erträge tatsächlich anzustreben.

Wahrscheinlicher ist, dass man sich mit dem bescheidet, was einem tatsächlich erreichbar scheint, auch wenn dies nur die "sauren Trauben" sind. Auf diese Weise erhöht steigende Ungleichheit nicht die Motivation zu persönlicher Anstrengung und Leistung, sondern untergräbt sie.

Eine Politik, die grobe Ungleichheiten auch in der Verteilung materieller und ökonomischer Ressourcen mildert, ist daher kein Widerspruch zum Leistungsprinzip, sondern eine Voraussetzung dafür, dass ihm weiterhin gesellschaftliche Geltung zugesprochen werden kann.

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