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Die wertvollste Währung der Welt

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Stell Dir vor...

zwischen Griechenland und der EU, zwischen der Kanzlerin Angela Merkel, dem deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble und dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras und all den übrigen politischen Führern geht es gar nicht um harte Euros, sondern um eine andere, viel wichtigere Währung.

Eine Währung, die auch beim Streik der Lokführer- und Post-Gewerkschaft eine zentrale Rolle spielt, über die aber in den Medien selten gesprochen wird. Diese Währung heißt Vertrauen. Sie ist der Kitt, der uns Menschen miteinander verbindet. Und als soziales Bindemittel deshalb so wertvoll ist, weil sie uns selbst in schwierigen Auseinandersetzungen in die Lage versetzt, gemeinsam ans Ziel zu kommen.

Die Grenzen unserer Rationalität

Was wissen oder halten unsere Verantwortlichen von dieser Währung? Schäuble etwa spricht über das Vertrauen, dass die griechische Regierung zerstört habe, und meint wohl eher fehlende Berechenbarkeit. Aber lässt sich das menschliche Miteinander wirklich aufrechnen?

Wenn Politiker oder Wirtschaftsführer miteinander verhandeln, dann gehen Öffentlichkeit wie Beteiligte sicher davon aus, das beste Argument würde gewinnen, die cleverere Strategie sich durchsetzen oder die Macht der Zahlen und Fakten unweigerlich zu dem richtigen Ergebnis führen. Ehrlich gesagt: Wenn das so einfach wäre, dann könnten wir Menschen solche Verhandlungen getrost von Maschinen ausführen lassen. Intelligenten Logarithmen, die - mit ausreichend Informationen gefüttert -, in unserem Auftrag die beste Lösung für alle ermitteln. Ein Kompromiss also auf der Basis reiner Vernunft.

Aber würde uns das als Menschen wirklich behagen? Wir wollen doch selbst entscheiden, weil wir zumindest in uns selbst und unsere eigenen Fähigkeiten vertrauen. Dabei ist unser Denken und Handeln bei weitem nicht so rational, wie wir uns das gerne vorstellen.

Wir sind Menschen, als solche soziale Lebewesen und damit hin und her gerissen zwischen unseren eigenen Gefühlen, die in der Kommunikation mit anderen ihre ganz eigenen Wege nehmen. Und das in einer Intensität, die uns nicht annähernd bewusst ist. Gerade deshalb ist Vertrauen unverzichtbar: Es ist das Mittel, um die Reibungen in unserem Miteinander auszugleichen und die Basis dafür zu legen, dass wir uns trotz aller Widerstände und Interessenkonflikte gemeinsam weiterentwickeln können.

Die Kunst des Vertrauensaufbaus

Doch ein starkes, belastbares Vertrauen ist leider kein selbstverständliches Gut. Es entwickelt sich nicht mit dem ersten Handschlag, nicht beim Austeilen eines Forderungskatalogs, nicht durch das Einhalten eines Zeitplans oder von Versprechungen. Echtes Vertrauen entsteht nur in einem glaubhaften direkten persönlichen Kontakt. Dafür aber müssen die Akteure fähig sein, sich gegenseitig als Menschen zu sehen, zu begreifen und sich auch jenseits ihrer professionellen Rollen aufeinander einzulassen.

Haben Merkel, Tsipras, Schäuble das je miteinander versucht? Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass sie je ihre Poker-Faces abgelegt und diese tiefe Verbindung angestrebt haben, die es bei jeder Art von menschlicher Beziehung braucht, sei diese geschäftlicher, politischer oder privater Natur.

Es ist nicht so, dass Führungskräfte die Kunst des Vertrauensaufbaus in einer Ausbildung beigebracht bekämen. Gut, als Kind bekommen die meisten von uns eine gehörige Dosis dieses Elixiers mit, von der eigenen Familie, im Freundeskreis. Es ist die Liebe unserer Bezugspersonen, die uns diese Tür zu einem belastbaren Miteinander öffnet.

Aber gegenüber Fremden, den Kollegen oder Konkurrenten, die wir nicht kennen und die scheinbar andere Interessen verfolgen als wir selbst? In der Welt der Wirtschaft und der Politik, wo es auf den Führungsetagen darum geht, den Instinkt dafür zu entwickeln, rechtzeitig Gefahren und Chancen zu erkennen, wird ein „gesundes" Misstrauen weit mehr geschätzt.

Kein Wunder, schließlich lernen unsere Führungskräfte in ihren Business- und Law-Schools vieles über den Umgang mit Zahlen, aber so gut wie nichts über das Wichtigste: Den richtigen Umgang mit Menschen, auf die sie in der beruflichen Realität unweigerlich treffen. Denn genau das ist Wirtschaft und Politik: Mit einer Vielzahl von Menschen über soziale, kulturelle Hürden hinweg gemeinsam etwas zu erreichen.

Dazu gehört das Verstehen von Mitarbeitern und Vorgesetzten, von Kunden und Konkurrenten, das empathische Einlassen auf Fremde. Weil die Entwicklung dieser Fähigkeiten in unseren Ausbildungsstätten dem Zufall überlassen werden, müssen wir darauf hoffen, dass bei jeder wichtigen Vorstandssitzung, bei jedem Treffen unserer Volksvertreter die Entscheider ihr Misstrauen ein Stück weit überwinden und es letztlich schaffen, zueinander zu finden.

Was aber wäre möglich, wenn die Fähigkeit ein belastbares Vertrauen aufzubauen und damit eine zwischenmenschliche Verbindung einzugehen, nicht mehr von einer vorhandenen persönlichen Begabung abhängen würde? Wenn sich also Merkel, Tsipras und Schäuble darin so gut oder noch besser auskennen würden, wie mit politischen Winkelzügen oder ihrem Zahlenwerk? Ich bin mir sicher, dass wir völlig andere und vor allem erfolgreichere EU-Gipfel erleben würden. Treffen, an denen unsere politischen Führer nicht als Gegner auftreten würden, sondern als echte Partner.

Stell Dir vor, es gäbe einen Ort, eine Schule, an der die Kunst des Vertrauensaufbaus erfolgreich gelebt und das Wissen darüber auch und gerade mit unseren Verantwortungsträgern geteilt wird. Was würde dann geschehen - in unseren Unternehmen, in unserer Gesellschaft, in der Europäischen Union? Ich denke, das wäre das Ende der Wirtschaft wie wir sie kennen. Und der Beginn einer besseren Welt.

Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass die Zukunft beginnt und diese Schule des Vertrauens Realität wird!


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