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Es ist nicht alles Wurm im Leben

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PhotoAlto/Eric Audras via Getty Images
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Ich hätte nie gedacht, dass mein vor etwa vier Monaten erschienener Blogpost über das Scheitern - in dem ich den wirtschaftlichen Misserfolg meiner unternehmerischen Tätigkeit der zurückliegenden 1,5 Jahre beschrieb - mir zu einem höchst bewegenden Vortrag verhelfen würde.

Und nein, nicht vor irgendeinem Publikum - sondern vor höchst ambitionierten und auf Achievements getrimmten Zuhörern, für die Scheitern eigentlich keine Option ist. So zumindest meinte es mein Kopfkino, als mich die Anfrage des Aluminvereins der Bayerischen Elite Akademie (BEA) erreichte, vor dem aktuellen Jahrgang der BEA und interessierten Alumni einen Kaminabend zum Thema "Scheitern" zu gestalten.

Die BEA wurde Ende der 90er Jahre auf Initiative der bayerischen Staatskanzlei und einigen in Bayern ansässigen Unternehmen gegründet. Ihr Ziel ist es, den besten, qualifiziertesten und engagiertesten Studenten in Bayern neben der eigentlichen Fachausbildung eine Art Curriculum Generale anzubieten, das sie für ihre späteren beruflichen Führungs- und Gestaltungsverantwortungen vorbereiten soll.

Der elitäre Charakter dieser Einrichtung wurde bewusst im Namen verankert - zu einer Zeit, als dieser Begriff fast noch tabuisiert war - um den hohen Anspruch dieser Talentschmiede zu unterstreichen und sich von anderen Programmen abzuheben. Es zählt Leistung, Zielorientierung, Erfolg und ein ausreichendes Maß an Interdisziplinarität - denn die Konkurrenz um die begehrten und per akribischem Auswahlprozess vergebenen Plätze ist natürlich groß.

Ziemlicher Erfolgsdruck für einen Vortrag

Auch weil meine eigenen Erinnerungen an die Zeit als BEA-Studentin des ersten Jahrgangs von einer gewissen Ambivalenz geprägt sind. Als zielorientierte Physikstudentin mit vielseitigen Interessen passte ich damals zwar einerseits voll in die Zielgruppe; und doch war da immer das latente Gefühl, irgendwie komplett fehl am Platze zu sein.

Es lag weiß Gott nicht am Curriculum, an den Referenten, oder gar an den Mitstudenten - allesamt unglaublich bereichernd. Sondern eher an dem mehr oder weniger unausgesprochenen Lebensentwurf, der an allen Ecken und Enden lungerte.

Dieser Lebensentwurf sah vor, dass man im Eilschritt, mit maximalen Auslandsaufenthalten und besten Noten durch ein technisch-naturwissenschaftliches oder BWL-Studium marschierte, anschließend einen lukrativen und entwicklungs-perspektivischen Job bei einer Unternehmensberatung, einem Konzern oder Weltklasse-Mittelständler ergatterte und sich dann die Karriereleiter hochschraubte.

In diesem Lebensentwurf gab es keine Zweifel, keine Ahnungslosigkeit, kein Durchhängen, keine Abgründe, keine Umwege. Kein Aufhören und neu anfangen. Es gab nur ein stetiges, linear bis exponentielles Schärfen von Soft und Hard Skills und lückenlose Lebensläufe. Mag sein, dass sich das ein wenig überspitzt anhört. Für mich war es real.

Und so war die Einladung, an dieser Stätte von Mega-Erfolgserwartung jetzt einen Vortrag über meinen aktuellen Nicht-Erfolg zu halten, eine Art Neuauflage meiner fehl-am-Platz-Gefühle. Vielleicht sogar noch verstärkt von der Perspektive, vor den aktuellen Studenten zu sprechen. Die von einer BEA-Alumna der ersten Stunde doch eher die inspirierenden und glamourösen Erfolgstories erwarten würden.

Also: Durchatmen, und trotzdem die eigene Geschichte erzählen

Die Geschichte von Zweifel, Ahnungslosigkeit, Durchhängen, Abgründen, Umwegen. Vom Aufhören und neu anfangen. Aber auch: von der Freude und Lebendigkeit, den eigenen Weg zu gehen, und sich dabei partout nicht beirren zu lassen.

Vielleicht wollte ich mich mit diesem Vortrag auch der Diskrepanz zwischen den hohen Erfolgserwartungen dieser Eliteeinrichtung einerseits und meiner persönlichen, aktuell gefühlt nicht so erfolgreichen beruflichen Situation andererseits stellen. Ich suchte nach einer Art Normalität, sogar Gemeinschaft - trotz der gefühlt immensen Abweichung von der Normalität dieser Gemeinschaft.

Vielleicht weil ich spüre, wie lebensnotwendig es für meinen Weg ist, den eigenen Wert nicht über das Erreichte zu definieren. Den eigenen Wert eigentlich über gar nichts zu definieren. Weil er keiner Definition bedarf.

Der Abend wurde nicht nur supernett - er wurde ein Bombenerfolg. Intensiv. Ehrlich. Nah. Dankbar. Was nicht minder am zweiten Referenten lag, der seinen ein paar Jahre zurückliegenden Startup-Fail in einer sehr offenen und ehrlichen Weise teilte. Aber vor allem hätte ich mir kein besseres Publikum wünschen können - welches unsere echten und ungeschönten Scheiter-Berichte zutiefst honorierte.

Die ganze Tragweite dieses Themas kam mir dann einige Tage später. Zufällig traf ich Irmi auf der Straße - eine BEA-Alumna aus dem 4. Jahrgang. Auch sie eine vielseitig Interessierte, die ihre Zeit bei der BEA schätzt, aber seitdem ebenso ihren eigenen Weg gegangen ist. Wir unterhielten uns kurz, und ich erzählte ihr schon fast nebenbei von dem Vortrag, und wie bereichernd er für mich gewesen war. Wie ich schon fast überrascht war über das große Interesse an diesem für die BEA eher Tabu-Thema.

Sie nickte wissend-lächelnd und sagte (ich paraphrasiere), dass auch sie ziemlich Erfolgserwartungs-geprägt aus ihrer BEA-Zeit herausgegangen war. Sie beschrieb es als einen ziemlichen Wurm, den man da so ins Ohr gesetzt bekomme. Und dass dieser Wurm über lange Zeit vor sich hinbrüte, und irgendwann sei dann alles im Kopf Wurm. Ich lachte und fügte an, dass dieser Wurm dann irgendwann explodiere und man erst dann merke, dass nicht alles im Leben Wurm sei.

Als ich dann weiterging wurde mir klar, wie schwer solche idealisierten Lebensentwürfe auf ALLEM lasten können. Wie massiv sie Horizonte einschränken, Kreativität dämpfen und Mut entziehen können - wenn nur stetiger Erfolg, Leistung und Sonnenschein als erstrebenswert und vorzeigbar gelten.

Wir sehr wir alle wahrscheinlich danach dürsten, uns für unsere eigenen verquerten (Um-/Ab-)Wege, für unser eigenes, vielleicht auch mal langsames Tempo; für unsere phasenweise ziellose Planlosigkeit; und für unsere grandiosen, oder auch völlig profanen Misserfolge nicht schämen zu müssen.

Was wir dafür tun können? Durchatmen, und trotzdem die eigene Geschichte erzählen.

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