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Die wahren Probleme in Duisburg-Marxloh haben nur die wenigsten verstanden

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PATER OLIVER
Achim Pohl
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Duisburg-Marxloh gilt für viele in Deutschland nicht mehr als Stadtteil wie jeder andere, sondern als No-Go-Area.

Das deckt sich allerdings nicht mit der Statistik, die eine seit Jahren rückläufige Kriminalität in Marxloh bescheinigt. Es gibt einen Unterschied zwischen gefühlter Sicherheit und den tatsächlichen Zahlen.

Natürlich gibt es hier Probleme, keine Frage. Wir haben hier auch mit Kriminalität und Schwierigkeiten im Zusammenleben zu kämpfen: Marxloh ist kein Idyll! Aber daraus das Bild einer No-Go-Area zu formen, ist Katastrophen-Romantik.

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Und genauso wie die Menschen nach meiner Abendmesse, laufe auch ich natürlich Abends durch Marxloh. Das ist kein Problem. Es ist im Grunde vieles gut hier, es sind viele Menschen sehr engagiert, was ich in meiner täglichen Arbeit auch spüre.

Wenn Schüsse fallen, will ich vor Ort sein, um mit den Betroffenen zu reden

Ich leite den Petershof, das sozialpastorales Zentrum in Marxloh. Wir sind ein katholischer Ort, zu dem über tausend Menschen pro Woche kommen. Hier gibt es den klassischen Gottesdienst, einen Mittagstisch, eine Kleiderausgabe, Beratungs- und Betreuungsangebote.

Außerdem gehen wir in die Brennpunkte - wenn, wie in der vergangenen Woche, auch mal Schüsse fallen, will ich vor Ort sein, um mit den Betroffenen zu sprechen und herauszufinden, was passiert ist. Das gehört zu meiner Arbeit als Pastor eben auch dazu.

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Enttäuschend finde ich deswegen, dass es im Wahlkampf in NRW oft nur darum ging, Marxloh als kriminell zu stigmatisieren.

Das war bei dem Besuch der Kanzlerin anders, den viele hier als Wertschätzung empfanden. Auch der Besuch des damaligen Wirtschaftsministers Sigmar Gabriel war wichtig, weil daraus wichtige Kontakte und Projekte entstanden.

Kameras helfen nichts - langfristige Lösungen müssen her

Die eigentlichen Probleme haben aber die wenigsten verstanden. Das sieht man auch daran, dass das Thema innere Sicherheit zwar eine große Rolle im Wahlkampf spielt, die Vorschläge dazu uns aber überhaupt nicht weiterhelfen würden.

Es wird sich nichts an den Problemen in Marxloh ändern, wenn hier Kameras für einen sechsstelligen Betrag aufgehängt werden, die irgendeine Kreuzung überwachen.

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Viel sinnvoller wäre es, für dieses Geld Sozialarbeiter einzustellen. Was wir aber brauchen, sind langfristige Lösungen. In Marxloh leben Menschen aller Kulturen und Religionen - Roma, Geflüchtete aus Syrien, dem Libanon und Schwarz-Afrika.

Wir müssen bei jedem einzelnen Menschen verstehen, was ihm weiterhilft. Beispielsweise die syrischen Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind, sind oft sehr gebildet. Mit ihnen kann man richtig etwas anfangen, daher brauchen sie eine völlig andere Betreuung als beispielsweise Menschen aus Rumänien.

Die Regierung muss Perspektiven schaffen

Wie wäre es denn, wenn wir hier in Marxloh kleine Betreuungszentren schaffen, die nur für wenige Straßen zuständig sind und in denen ein Polizist, eine Krankenschwester, ein Pädagoge und ein Beamter des Jugendamts sitzen? Das würde viel mehr bringen als Kameras.

Von der künftigen Landesregierung wünsche ich mir, dass mit den Menschen hier vor Ort gemeinsam eine Perspektive entwickelt wird.

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