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"Alle glotzen immer, aber helfen tut uns selten jemand" - wie es sich anfühlt, als Mensch mit Behinderung in Deutschland zu leben

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INKLUSION
inklusive WG Göppingen
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Es geschah als ich mit einem meiner Mitbewohner durch die Stadt schlenderte: Ein Passant ging an uns vorüber und beleidigte uns. Einfach so.

Mein Kumpel, der eine Gehbehinderung hat und ich erleben das leider öfter. Viele Leute haben Vorurteile und das merke ich immer wieder. Sie stecken uns in eine Schublade, ohne uns die Chance zu geben, die wir verdienen.

Wir, das sind Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen. Das statistische Bundesamt gibt an, dass mehr als 10 Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland leben. Das sind immerhin 13 Prozent der Bevölkerung. Noch wird viel zu wenig getan um uns das Leben in der Gesellschaft einfacher zu machen.

In unserer WG leben Menschen mit und ohne Behinderung zusammen

Unsere inklusive Wohngemeinschaft ist ein Beispiel dafür, wie es laufen kann und laufen sollte. Hier leben acht Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Fünf von uns benötigen Assistenz aufgrund ihrer Behinderung.

Ich bin einer davon. Ich bin 23 Jahre alt und habe eine geistige Behinderung. Deshalb fällt mir vor allem das Lernen schwer und ich benötige Assistenz, um mein tägliches Leben zu meistern. Zum Glück habe ich während meiner Zeit in einem speziellen Internat Emily kennen gelernt.

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Sie lebt seit einiger Zeit in einer inklusiven Wohngemeinschaft und hat mir von dem Konzept erzählt, dass es mir ermöglicht, trotz meiner Behinderung ein ziemlich normales Leben zu führen. Ich wohne in einer von drei inklusiven Wohngemeinschaften in Göppingen. Bei uns hilft jeder jedem. Hier bekomme ich Unterstützung beim Wäsche waschen, einkaufen gehen, oder wenn ich amtliche Briefe beantworten muss.

Bei uns fühle ich mich wie ein ganz normaler junger Mensch

Wäre ich nicht in einer inklusiven WG gelandet würde ich jetzt in einem Behinderten-Wohnheim leben. Dort betreuen einen zwar Pfleger 24 Stunden am Tag, aber ich würde ausschließlich mit Menschen mit Behinderung zusammen wohnen.

Bei uns kann ich selbst entscheiden, wenn ich mit Freunden in die Stadt gehen möchte. Im Sommer schmeißen wir sogar Grillpartys, oder fahren gemeinsam an den See. Hier fühle ich mich wie ein ganz normaler junger Mensch.

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Ich wurde aus einem Café in der Stadt geschmissen

Auf meine geistige Behinderung werde ich allerdings trotzdem immer wieder Aufmerksam gemacht. Wie in der Situation in der Stadt. Neulich wollte ich mich mit meinen Mitbewohnern zu unserem wöchentlichen Kaffeeklatsch in einem Café treffen. Doch die Besitzer haben uns spüren lassen, dass wir dort nicht erwünscht sind.

Die Botschaft war ziemlich deutlich: Wir waren ihnen peinlich: "Wir haben das Gefühl, dass sich unsere anderen Gäste durch euch gestört fühlen". Wir haben daraufhin das Café verlassen.

Begegnungen wie diese erlebe ich immer wieder. Am schlimmsten sind die Blicke, wenn wir als WG am See, oder in der Stadt unterwegs sind. Besonders zusammen mit meinem Mitbewohner im Rollstuhl spüre ich, wie wir manchmal abwertend angeguckt werden.

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Ich habe es verdient, dass Andere normal mit mir sprechen

Alle Glotzen immer, aber helfen tut uns selten jemand. Damit muss man erstmal umgehen können. Mich persönlich stört es am meisten, wenn die Menschen mit mir reden, wie mit einem kleinen Kind. Dabei bin ich ein erwachsener Mensch, gehe arbeiten und habe es verdient, dass Andere normal mit mir sprechen.

In Situationen wie diesen komme ich mir wirklich doof vor. Besonders, weil ich auch ohne die Blicke oder Kommentare schon unsicher genug bin. Von der Öffentlichkeit wird oft nur das gesehen, was schlecht funktioniert. Dabei gibt es so viele Sachen, die super funktionieren.

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Die Einstellung der Menschen hat sich schon ins positive gewandelt. Viele sind freundlich und ich fühle mich hier auch gut aufgenommen. An alle, die uns jedoch immer nicht so behandeln, wie wir es verdienen, habe ich eine Botschaft:

Wir müssen Vorurteile und Distanz überwinden

Bitte urteilt nicht über uns, ohne uns kennenzulernen! Wir müssen gemeinsam mehr Raum für Begegnungen mit behinderten Menschen schaffen! Nur so können wir Vorurteile und Distanz abschaffen. Die Leute müssen verstehen, dass man in Deutschland leider ruckzuck zu einer Randgruppe gehört. Da reicht ein Unfall.

Der Umzug in die inklusive Wohngemeinschaft der Stiftung Haus Lindenhof in Göppingen war das Beste, was mir passieren konnte. Hier habe ich endlich das Gefühl, dazu zu gehören. Unser Motto lautet: "selbst.bestimmt.leben." - und genau das habe ich mit Emilys Hilfe geschafft.

Das Gespräch wurde von Rebecca Nothvogel aufgezeichnet.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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