Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Pascal Bächer Headshot

Die Antwort auf die Anschläge sind wir alle

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ATTACK GERMANY
ASSOCIATED PRESS
Drucken

Die schrecklichen, nicht zu rechtfertigenden Gewaltverbrechen der letzten Tage - als auch darauffolgende Reaktionen - machen nachdenklich. Das Gefühl, die Taten kamen aus der Tagesschau vor die eigene Haustür, treibt viele um.

Man gewinnt den Eindruck, diese Verbrechen spielen einigen in die Karten. Sie werden
wieder laut: Stimmen, die die Wahrheit verkünden und als einzige den Mut haben, diese
auszusprechen. Stimmen, die alle Geflüchteten unter Generalverdacht stellen: alle
integrationsunwillig, gewaltbereit und radikal, mindestens aber ausnutzende
"Wirtschaftsflüchtlinge".

Stimmen, die Menschen, die andere Menschen in ihrer Not unterstützen, vorwerfen, Gutmenschen zu sein, die endlich aufwachen müssten. Diese Stimmen machen vor allem eines: Sie widersprechen dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, auf das sie sich gerne berufen.

Andererseits kann man sich selbst - als so genannter Gutmensch - dabei ertappen, wie
man kurz aufatmete, als klar war, dass München doch "nur" ein Amoklauf - kein Anschlag gewesen sei. Für die Opfer macht das am Ende keinen Unterschied, es gibt kein "besseres" Attentat. Daraus spricht die Befürchtung, Populisten könnten die Taten wieder für ihre eigene "Argumentation" nutzen.

Eine Versachlichung der Debatte

Aber Verbrechen Einzelner dazu zu nutzen, ganze Bevölkerungsgruppen pauschal zu
verunglimpfen, löst kein Problem. Vielmehr schürt es weiteren Hass, stärkt Kräfte im Land, die man seit über 70 Jahren verschwunden hoffte und widerspricht der Tatsache, dass der allergrößte Teil der Geflüchteten vor allem eines sucht: Schutz, Frieden und Perspektive.

Und zwar auch die Perspektive, dass der Hass und die Gewalt, denen sie in ihren Herkunftsländern in ungleich großer Art und Weise ausgesetzt waren, sie nach der Flucht nicht wieder einholt.

Was also tun? Wie so oft braucht es Differenzierung und eine Versachlichung der Debatte. Schnelle Lösungen wird es nicht geben. Hass und Gewalt entstehen aus Wut, diese unter anderem aus Perspektivlosigkeit. In einer Gemengelage mit Traumatisierungen, widrigen Lebensumständen, strukturellen Benachteiligungen und daran ansetzender Propaganda, kann ein gefährlicher Sud entstehen.

Dies gilt nicht für Menschen bestimmter Herkunft, sondern für Menschen im Allgemeinen. Wir müssen also Perspektiven schaffen, Möglichkeiten bieten, schlimme Erlebnisse aufzuarbeiten, geistige Räume konstruktiv besetzen, bevor ideologische Rattenfänger dies tun. Bildung ist ein wichtiges Schlagwort, aber auch sozialarbeiterische und psycholigische Betreuung sowie gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten für alle - nicht nur am Arbeitsmarkt.

Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben?

Es geht auch um Zugehörigkeit im alltäglichen sozialen und kulturellen Leben. Das wäre im Sinne des Grundgesetzes. Gewinnbringend ist der Gedanke von Naikaa Foroutan von "Integration" als auszuhandelndes Meta-Narrativ: Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben?

Dabei geht es nicht um eine "deutsche Leitkultur" oder die "chrisitlich-abendländische Tradition". Beides konnte mir bisher niemand plausibel erklären. Es braucht einen demokratischen, humanistisch geprägten Diskurs, an dem sich sowohl die Dominanzgesellschaft als auch nach Deutschland Gekommene und andere Marginalisierte gleichberechtigt beteiligen können.

Wir sind alle Gesellschaft, wir leben alle in den gewachsenen Grenzen des Nationalstaates Deutschland und in Europa und in der Welt. Die Kategorisierungen "wir" und "die" sind überholt - die Gewalt trifft uns alle. Integration ist ein mehrdimensionales Projekt. Mit der bloßen Aufforderung, sich anpassen zu müssen, geht einher, dass eigene Werte und kulturelle Gepflogenheiten aufzugeben seien.

Doch Kultur ist nicht starr oder kann einfach ausgewechselt werden. Sie entsteht in Interaktion zwischen dem Mensch, Gesellschaft und Umwelt. Sie ist Teil persönlicher Identität. Und Identität ist wichtig. Ein ungewollter oder erzwungener Verlust dieser birgt die Gefahr der Perspektivlosigkeit, der Traumata und Wut - siehe oben.

Diskurs über Sicherheit

Auch Identität entsteht in Interaktion mit Anderen: Sie ist nicht starr, sie ist ein Prozess. Für uns alle heißt Integration auch Lernen im Prozess. Und wir können alle etwas lernen. Eine Grundlage für das Projekt "Integration" ist vorhanden: Das Grundgesetz.

Und ja: Es braucht auch einen Diskurs über Sicherheit. Aber auch dieser muss differenziert geführt werden. Allumfassende Sicherheit wird es nie geben, egal wie viele Daten gespeichert und Kameras aufgehängt werden.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Aber trotz dauerhafter Meldungen über (mögliche) Anschläge und die Gefahr des Terrors, die die vorhandene Nervosität dokumentieren: Die Gefahr, selbst Opfer zu werden, ist verschwindend gering. Bei aller medialer Präsenz der Verbrechen - massenhaft kommentiert in sozialen Netzwerken - sollte das nicht vergessen werden.

Und auch wenn politische Äußerungen à la "Unsere Antwort ist mehr Menschlichkeit und Demokratie" plakativ klingen, sie haben einen wahren Kern. Was ist die Alternative: Repression? Einschränkung von Grundrechten? Alle abschieben? Alle Öffentlichkeit meiden? Der IS würde sich freuen.

Der Terror käme seinem Ziel näher und unsere freiheitliche Gesellschaft gäbe ihre eigenen Werte preis. Vielleicht sind stattdessen die dargestellten Gedanken gute Ansätze, Wahrheiten überlasse ich gerne anderen.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

So widerlich reagiert die AfD auf die Bluttat von München

So widerlich reagiert die AfD auf die Bluttat von München

Lesenswert: