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Ich coache Flüchtlinge und möchte mit Missverständnissen zwischen ihnen und Deutschen aufräumen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SHAFIZADA
Interkular
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"Ja", sagen sie, "ja". Und sind doch hilflos.

Ich sehe so oft junge Flüchtlinge mit ihren Briefen vom Amt in der Hand dastehen. Sie haben nicht verstanden, was darin steht. Aber sie schämen sich, es zu sagen.

Weil sie glauben, dass man sie sonst für dumm hält. Weil sie nicht wissen, dass selbst Deutsche oft Probleme mit Briefen vom Amt haben. Oder weil sie gar nicht lesen können, aber dennoch hoffen, dass sie sich irgendwie ein neues Leben aufbauen können, dass sie eine Ausbildung oder Arbeit finden.

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Sie vermuten dann, dass in den Briefen steht, dass sie nun einen Ausbildungsplatz haben. Sie wünschen es sich so sehr.

Tatsächlich steht dann darin, dass sie zum Einwohnermeldeamt gehen müssen, um mit den Papieren von dort zum Arbeitsamt. Und dass sie dann, vielleicht, vielleicht, eine Ausbildung finden werden.

Ich möchte helfen, Missverständnisse aufzuklären


Es ist eines von vielen Missverständnissen zwischen Flüchtlingen und Deutschen. Sie beruhen auf der Sprache und auf der Kultur.

Ich möchte helfen, diese Missverständnisse aufzuklären. Ich verstehe die Flüchtlinge sehr gut. Denn ich bin selbst einer.

Ich bin froh, dass ich mit dem Leben davongekommen bin


Ich stamme aus dem Norden Afghanistans, habe dort als Journalist gearbeitet. Ich habe unbequeme Fragen gestellt, etwa, wie viele Kinder in den Dörfern ohne Schulbildung sind. Es waren viele. Ich wollte wissen, wie es um die Rechte der Frauen steht. Schlecht. Die Taliban halten von solchen Fragen wenig.

Ich kann an dieser Stelle nicht im Detail erzählen, was mir alles passiert ist. Zu meiner eigenen Sicherheit und um meiner Familie willen.

Nur so viel: Ich bin froh, dass ich mit dem Leben davongekommen bin und fliehen konnte.

Inzwischen coache ich andere Flüchtlinge


Seit Oktober 2015 bin ich nun in Deutschland. Ein Jahr lang habe ich dort auf dem Berliner Flughafen Tempelhof gelebt. In Hangar 3. Es war gut, weil es dort sicher war. Es war nicht ganz so gut, weil wir dort 1000 Menschen waren, zwölf in einer Box. Essen, duschen, das war alles schwierig. Am Anfang jedenfalls.

Später habe ich die Leute von Interkular kennengelernt. Das ist eine Firma, die jungen Menschen beim Start in Deutschland hilft, die ihnen zeigt, wie man eine Ausbildung und eine Wohnung findet. Ich fand die Idee fantastisch. Inzwischen arbeite ich selbst für Interkular, coache andere Flüchtlinge.

Ich bin Ansprechpartner, wenn sie Sorgen haben. Ich bin Brückenbauer, weil ich sie mit Menschen in Kontakt bringe, die ihnen im Alltag helfen, mit ihnen zu ihren Arbeitgebern gehe. Manchmal organisiere ich, dass Deutsche und Flüchtlinge aller Nationen zusammen kochen, oder sich einfach auf einen Kaffee treffen.

Afghanen und Deutsche wissen wenig übereinander


Ich gebe weiter, was ich über die deutsche Kultur gelernt habe. Es ist eine gute Kultur, aber eben eine ganz andere, als etwa Afghanen sie kennen. Die meisten Afghanen kommen hierher, wissen aber wenig über Deutschland.

Und viele Deutsche wissen zwar grob über die politischen Probleme in Afghanistan Bescheid, kennen aber die Eigenheiten der Kultur nicht. Dazu kommen die Sprachprobleme. Da sind gegenseitige Missverständnisse an der Tagesordnung.

Deutsch ist schwierig im Vergleich zu Englisch


Deswegen versuche ich, den Flüchtlingen so viel wie möglich zu erklären.

Das Wichtigste ist, dass man schnell Deutsch lernt. Ich kann es jedem nachfühlen, der mit einem Brief von Behörden in Deutschland erst einmal nichts anfangen kann. Ich habe neben meiner Muttersprache Dari auch Paschtu, Urdu und Farsi gelernt, außerdem Englisch, was ich einfach finde. Aber Deutsch ... das ist sehr schwierig.

Zusammen Sport machen, Kaffee trinken, kochen


Deswegen übe ich, so viel ich kann. Und ich sage anderen Flüchtlingen, dass sie das auch tun müssen. Sie müssen raus aus den Hangars und Camps, sie müssen zu interkulturellen Treffen gehen, sie müssen mit Deutschen Sport machen.

Sie wissen, dass sie mit wenigen Worten wie "Hi, wie geht's" und "Tschüss" hier keine Ausbildung bekommen werden. Aber die Sprache ist so schwer. Und nicht jeder bekommt den Deutschkurs, den er braucht.

Ich versuche dann, sie mit Leuten in Kontakt zu bringen, die ihnen da weiterhelfen können. Ich kann ihnen Mut machen, weil ich weiß, wie sie sich fühlen.

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Ich sagen ihnen, dass sie auch in ihrer Verzweiflung auf keinen Fall eine illegale Arbeit annehmen dürfen, wenn sie hier eine Zukunft haben wollen.

Ich sagen den Männern, dass ihre Frauen zum Deutschkurs gehen müssen

Immer wieder sagen mir Männer, dass sie ihre Frauen nicht zum Deutschkurs gehen lassen wollen. Sie sollen zu Hause bei den Kindern bleiben, wie in Afghanistan. Ich erkläre ihnen dann, dass das so nicht funktioniert. Wenn die Frauen Deutsch lernen, ist das viel besser auch für die Kinder.

Ich rate den anderen, dass sie immer einen Sozialarbeiter fragen sollen, wenn sie einen Brief vom Amt nicht verstehen. Auch wenn das Unbehagen auslöst, Scham, wenn man immer wieder um Hilfe bitten muss. Aber es geht nicht anders.

In Afghanistan bedeutet ein Termin, dass man in einem bestimmten Zeitfenster erscheint


Denn es geht auch nicht, sich nicht daran zu halten, was in den Briefen steht. Das unterschätzen viele, weil das System in Afghanistan anders funktioniert. Wenn es überhaupt noch funktioniert.

In Deutschland muss man unbedingt pünktlich sein, egal ob beim Arzt oder beim Berliner Landesamt Lageso. In meinem Heimatland bedeutet ein Termin in der Regel, dass man in einer bestimmten Zeitspanne danach erscheinen muss. Und so empfinden es Deutsche als unhöflich, wenn jemand später erscheint - und vielen Afghanen ist dieses Problem gar nicht bewusst.

Die anderen Flüchtlinge vertrauen mir


Hier arbeitet man eine bestimmte Stundenzahl ab einer bestimmten Uhrzeit, und danach ist Feierabend. In Afghanistan vereinbart man nicht, wie viele Stunden man arbeitet. Man rechnet in Tagen. Das kann bedeuten, dass die Anfangszeit nicht festgelegt wird, aber auch, dass ein Arbeitstag sehr viel länger dauert als acht Stunden.

Da ich die gleichen Probleme durchgemacht habe wie die anderen Flüchtlinge, vertrauen sie mir. Sie hören auf mich, wenn ich ihnen einen Rat gebe.

Quälende Sorgen


Lösen kann ich allerdings viele Probleme auch nicht. Es ist schwierig, wenn die Ausbildung nicht anerkannt wird. Es ist schwierig, eine Wohnung zu finden, wenn man nicht gut Deutsch spricht. Es ist schwierig, wenn man sich jeden Tag sorgen muss, ob man zurückmuss in ein Land, in dem man nicht nur um sein eigenes Leben, sondern auch um das seiner Familie fürchten muss.

Auch mich quälen diese Sorgen noch immer. Ich möchte hier Menschen helfen, so, wie sie mir geholfen haben. Und ich möchte sie bitten, mir und anderen die Chance zu geben, das zu tun.

Ich möchte eine Ausbildung machen und jeden Tag dazu lernen. Noch bin ich kein Experte in deutscher Sprache und Kultur. Aber ich möchte einer werden.

Dieser Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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