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"Du hast doch jetzt so viel Zeit" - Klischees übers Mamasein

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MOTHER BABY
Guido Mieth via Getty Images
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"Wieso, du hast doch jetzt so viel Zeit!" sagte meine Freundin verwundert zu mir am Telefon. Sie beschwerte sich kurz vorher noch darüber, dass sie aufgrund der Arbeit so gestresst und müde sei und für nichts mehr Zeit habe.

Ich fühlte irgendwie mit ihr, denn ich wusste, wie sich das anfühlt. Meine Arbeit hieß im Moment aber nicht "Büro" oder "Krankenschwester", sondern schlicht und einfach "Baby". Das schien bei ihr allerdings auf großes Unverständnis zu stoßen, denn immerhin bin ich doch zu Hause und in Elternzeit für ein Jahr. Wie kann man denn dann auch bitte gestresst sein?

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Als ich schwanger war, kam immer und immer wieder dieser typische Spruch von Freunden, die bereits Eltern waren: "Schlaft jetzt so viel ihr könnt! Wenn das Baby erst einmal da ist, werdet ihr zu nichts mehr kommen." Dieser Satz hängt einem irgendwann echt zu den Ohren heraus und ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich ihn bereits zu hören bekam.

Ich habe es immer belächelt und es nicht so richtig ernst genommen. Meine Güte, übertreib mal nicht, dachte ich mir insgeheim, wie anstrengend kann es schon werden? Alles eine Sache der Organisation. Tja, Pustekuchen. Jetzt verstehe ich diesen Satz besser als je zuvor in meinem Leben.

Wenn ich nicht wüsste wie nervig dieser Spruch ist, würde ich ihn werdenden Eltern am liebsten nun ständig selber sagen. Was es bedeutet ein Kind zu haben, versteht man wirklich erst dann, wenn man selber eins hat.

Die Gedanken kreisen ständig, wirklich ständig, nur noch um dein Baby: Hat es Hunger? Ist es krank? Warum weint es? Und und und. Man ist rund um die Uhr für diesen kleinen Menschen verantwortlich und es ist ein 24-Stunden-Job.

Nach der Geburt meiner Tochter wurden die selbstverständlichsten Dinge der Welt zu purem Luxus: essen, duschen, telefonieren, schlafen und ja, sogar mal zur Toilette gehen. Das ging nicht mehr einfach mal so eben.

Duschen zum Beispiel funktionierte bei mir nach der Geburt so: Wenn meine Tochter dann endlich mal eingeschlafen war, ließ ich alles stehen und liegen und rannte förmlich zur Dusche, denn sie könnte ja jederzeit wieder wach werden.

Schlaf? Was ist das bitte?

Das Baby-Phone mit Videofunktion war natürlich mein ständiger Begleiter und kam mit ins Badezimmer. Eine abgehetzte Dusche mit gefühlten tausend Blicken auf das Baby-Phone war das Resultat.

Essen? Na ja, ob man das noch so nennen kann, weiß ich nicht genau, aber bei mir war es mittlerweile mehr ein "alles-schnell-runter-kriegen" geworden, denn ich musste ja jederzeit verfügbar sein.

Und ein Telefonat musste leider beendet werden, wenn meine Tochter zu protestieren begann und aufgrund der Lautstärke ein Telefonat schier unmöglich schien. Schlafen? Entschuldigung, was war das bitte nochmal genau?

"Aber wenn sie schläft kannst du dich wenigstens ausruhen!" Wieso nehmen eigentlich viele immer an, ein Baby würde die ganze Zeit schlafen? Ich meine, natürlich schläft ein Baby mehr als ein Erwachsener, aber man darf nicht vergessen, dass das immer nur kurze Phasen sind.

Und wenn es dann mal endlich schläft, werden die Dinge erledigt, zu denen man eben nicht kommt, wenn das Baby wach ist: Haushalt, Kochen, Bürokratie und andere Dinge, die halt auf der Strecke bleiben. Mein Mann hilft übrigens natürlich auch sehr viel mit und entlastet mich dann auch, allerdings arbeitet er Vollzeit und ist immer erst abends verfügbar.

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Vor meiner Schwangerschaft war ich immer sehr viel unterwegs. Mal eben auf einen Kaffee mit einer Freundin in die City oder mal eben ein Kurztrip nach Istanbul mit meinem Mann. Kein Problem. Diese Art der Unabhängigkeit und Flexibilität gibt es nicht mehr und wird es erst mal für eine lange Weile nicht mehr geben.

Das erinnert mich gerade an eine Freundin, die mich vor kurzem auf Whatsapp anschrieb: "Hey, Zeit auf 'nen Kaffee in der City? Und bring die Kleine ruhig mit!" Da musste ich echt schmunzeln.

Ähm, natürlich würde ich sie dann mitbringen. Oder wo sollte ich sie mal eben lassen? Sie ist wie meine kleine Handtasche, überall mit mir. Aber hey, trotzdem danke, dass ich sie mitbringen darf, dachte ich mir so! Wie dem auch sei, ich konnte natürlich nicht kurzfristig auf einen Kaffee, da die nächste Mahlzeit meiner Tochter bereits anstand und ich noch nichts vorbereitet hatte.

Ohne langfristiges Planen geht es nicht mehr

Und oh, sie hat sich gerade in die Windel gemacht. Und sie musste noch gebadet werden. Und, und, und, und ... Ohne langfristiges Planen ging es einfach nicht mehr bei mir. Leider gehen hierbei übrigens einige Freundschaften den Bach hinunter, da nicht alle für die fehlende Flexibilität Verständnis haben. Interessanterweise sind dies aber meistens kinderlose Freunde. Für einen Zufall halte ich das allerdings nicht.

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich mich nicht über meine Mutterrolle beschwere. Es könnte irgendwie so rüberkommen, als ob Mama sein etwas ganz schreckliches ist. Nein, ganz im Gegenteil: Ich liebe es und ich würde es niemals missen wollen.

Ein Baby zu bekommen ist eines der wunderschönsten Dinge, die einem passieren können. Diese unglaubliche Liebe, die man empfindet, ist gar nicht in Worte zu fassen. Wenn dich morgens dein kleines Mini-Me anstrahlt oder es mit den kleinen Händchen deinen Finger hält, dann gibt es einfach nichts schöneres.

Sie machen die ganzen Strapazen so wert. Ich wünsche mir einfach nur, dass endlich mal verstanden und anerkannt wird, dass Mama sein ein 24-Stunden-Job ist und sie mehr Respekt verdienen. Man ist genauso gestresst und übermüdet, wie von einem regulären Job. Und ganz ehrlich, wenn nicht sogar mehr.

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