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Generation beziehungsunfähig - Gerücht oder Tatsache?

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PAAR LIEBE BEZIEHUNG
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Als ich mich vor kurzem mit einer guten Freundin auf einen Kaffee traf, erzählte sie mir von diesem gut aussehenden Typen, mit dem sie sich jetzt schon über mehrere Monate hinweg trifft. Auf meine Frage hin: "Cool, dann seid ihr jetzt zusammen?" kam ein "Er kann sich im Moment nicht festlegen, weil er zu viel Stress mit Uni hat." Und das ist genau der Moment, wo ich meine Hände überm Kopf zusammenschlage und mir denke: werden wir (vor allem Frauen) denn nie daraus lernen?

Wo sind die guten alten Werte von früher, wo es solche komischen Zwischendinge nicht gab? Wenn ich diese Stories höre, dann fühle ich mich echt gesegnet, eine glückliche Ehe führen zu dürfen, geschweige denn überhaupt jegliche Form einer Beziehung zu haben, denn das scheint heutzutage nicht mehr so selbstverständlich zu sein. Warum? Weil wir angeblich in einer beziehungsunfähigen Generation leben. Oder stimmt das gar nicht und es ist einfach nur ein modernes Gerücht des 21. Jahrhunderts?

Früher hatte man romantische Dates

Früher, da ging das so: man lernte sich kennen, ging auf ein romantisches Date und bereits ein Kuss war der Siegel dafür: wir sind jetzt ein Paar. Nicht selten führte das dann sogar zu einer Ehe. Tja, und heute ist das oft so: man lernt sich kennen und trifft sich. Und trifft sich. Wieder. Und wieder. Das Ganze zieht sich über mehrere Monate, eventuell sogar Jahre hinweg.

Während sich die eine Person bereits in einer Beziehung mit der anderen sieht, braucht diese aber noch Zeit um sich dazu bekennen zu können, denn "momentan sei der Stress zu groß und man habe keinen Kopf für eine Beziehung" oder "aufgrund so viel Arbeit hat man gerade einfach keine Zeit dafür". Und die ganz klassische Version: "man sei ja kein Beziehungstyp". Ist man also ein Paar? Fehlanzeige.

Mingle. Schon mal gehört? Das steht für "mixed" und "Single", Mingle eben. Im Klartext heißt das, man ist offiziell Single, führt aber die Lebensweise eines Paares. Interessanterweise trifft dieser Lifestyle überwiegend auf die 30+ Generation zu. Denn ab 30 wächst der Druck sich festlegen zu müssen und bei Frauen kommt noch hinzu, dass die biologische Uhr von Tag zu Tag immer lauter tickt. Und genau dort beginnt der Teufelskreis und das Mingle-Dasein.

Klassischerweise ist es meistens der männliche Part, der sich nicht festlegen mag. Er hat auch keine biologische Uhr wie sie und weiß genau, dass sie etwas festes möchte, was auf Hochzeit und Kinder hinauslaufen könnte. Darüber hinaus hat sie eventuell sogar schon Gefühle, die er nicht erwidern kann. Und das bereitet Druck und man(n) möchte sich vorerst nicht festlegen.

Je länger man sich nicht festlegt, desto länger ist man noch frei von Verpflichtungen. Und wer weiß, vielleicht ist da draußen in der weiten Welt ja noch jemand anderes, der besser zu einem passt. Man möchte sich einfach ein Hintertürchen offen halten, für den Fall der Fälle. Aber auf der anderen Seite, möchte man die Person auch nicht gehen lassen.

Eigentlich ist es ja auch ziemlich bequem und praktisch: man genießt die Vorzüge einer Beziehung, hat aber keinerlei Verpflichtungen. Und das wiederum führt dazu, dass der unfreiwillige Mingle nicht weiß wie er sich zu verhalten hat: Wie oft in der Woche kann man sich sehen? Darf ich texten und fragen, wo er/sie gerade ist? Kann ich ihn/sie auf die Geburtstagsfeier meiner Mutter einladen, oder wäre das too much und schon zu beziehungsmäßig?

Der Mingle-Status

Warum schwarz oder weiß, warum nicht einfach mal grau? Warum muss man es überhaupt definieren, wird sich der ein oder andere fragen. Nun, das ist natürlich immer ganz individuell. Der eine kommt mit diesem Mingle-Status klar, der andere hingegen braucht einen festen Status.

Denn was sagt man denn, wenn einen die Eltern oder der/die beste Freund/in mal nach dieser Person fragt? "Das ist mein/e Halb-Freund/in?" Trifft nicht zu. "Das ist meine Affäre?" Trifft auch nicht zu. Man möchte dem Kind doch einfach nur einen Namen geben und vor allen Dingen möchte man, dass sich die Person zu einem bekennt.

Denn auf die Dauer kann es dem Selbstwertgefühl einen gehörigen Knick geben und man stellt sich dann die Frage, ob mit einem etwas nicht stimme und warum die Person sich nicht auf eine Beziehung einlassen möchte. Denn eigentlich ist man doch schon wie ein Paar, was fehlt also noch? Tja, wenn mal nicht wieder dieses verflixte Wort "eigentlich" wäre.

Sich einfach mal auf etwas einlassen

Es sagt ja niemand, dass man direkt heiraten soll, um Gottes willen, aber wie möchte man wissen ob das Ganze Potenzial hat, wenn man sich nicht einmal darauf einlässt und es wenigstens ausprobiert? Eigentlich gibt es doch eine ganz einfache Theorie: wenn jemand wirklich auf dich steht, dann wird sich diese Person auf eine Beziehung mit dir einlassen und es zu mindestens ausprobieren.

Nur jemand, der von vornherein null Potenzial in der ganzen Sache sieht, wird sich unsicher sein und das so lange vor sich hin schieben, bis man sich eh irgendwann dagegen entschieden hat. Denn in 9 von 10 Fällen läuft es leider darauf hinaus. Und seien wir mal ehrlich, wenn man von Anfang an unsicher ist, dann wird sich daran auch nicht mehr viel ändern.

Daher, beziehungsunfähig? So etwas existiert nicht (bis auf ganz krasse Ausnahmen natürlich) und wird gerne nur als Vorwand benutzt, wenn man sich alles offen halten möchte. Job, Stress, Uni etc sind einfach nur Gründe, hinter denen man sich gut verstecken kann. Leider haben viele der unfreiwilligen Mingles die Devise "die Hoffnung stirbt zuletzt" und es verstreichen ganze Monate oder sogar Jahre, bis man dann doch einen Schlussstrich unter dem ganzen zieht.

Fatal sind auch die persönlichen Konsequenzen, die daraus gezogen werden: bei der nächsten Person ist man vorsichtiger und kann sich eventuell nicht richtig fallen lassen aus lauter Angst, erneut abgelehnt zu werden, wenn man zu sehr auf eine Beziehung aus ist.

Warum also noch unnötig Zeit und Energie verbrauchen? Man sagt ja nicht umsonst, dass alles aus einem Grund geschieht und anscheinend hat es einfach nicht sein sollen, da draußen in der großen weiten Welt noch jemand anderes auf einen wartet. Generation beziehungsunfähig scheint auf den ersten Blick existent, aber wenn man hinter die Fassade blickt, ist es eher Schein als Sein.

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