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Where are you from? - Die ewige Identitätssuche einer Deutsch-Türkin

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DEUTSCH TRKIN
Özgül Lopez
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"Wie jetzt, du bist Türkin? Du siehst gar nicht aus wie eine! Ich hatte jetzt eher auf Spanierin oder so getippt!" Okay, fairerweise muss ich jetzt dazu sagen, als ich in Barcelona wohnte, fiel ich tatsächlich nicht so auf, weil ich wie eine von ihnen aussah mit meinen dunklen Haaren und Augen. Ich könnte also tatsächlich als Spanierin durchgehen. Aber hier in Deutschland ist die Wahrscheinlichkeit, eine Türkin zu sein, dann doch etwas höher.

Interessanterweise höre ich dieses Phänomen von meinen türkischen Freunden auch, vor allem von den moderneren und attraktiveren. Sie werden entweder für Spanier oder Italiener gehalten. Die Frage ist hier allerdings, ob man sich geehrt oder beleidigt fühlen sollte? Klar... Bella Italia... Pizza... Monica Bellucci... ein klares Kompliment... aber heißt das dann nun, dass türkische Menschen minder attraktiv sind? Oder ist das klassische Bild von einer Türkin, einem Türken, einfach ganz anders?

"Mensch, Sie sprechen so ein tolles Deutsch! Klasse!"

Es sind so diese Dinge, die einem im Alltag passieren und einen daran erinnern, dass man irgendwie anders ist. Ich habe früher sehr viel auf Messen als Hostess gearbeitet und da war mal wieder gerade eine in Essen, wo ich für einen türkischen Messestand gearbeitet habe. Da kam ein netter älterer Herr deutschen Ursprungs auf mich zu, mit dem ich etwas Smalltalk betrieb. Gegen Ende unseres Gespräches kam dann ein: "Mensch, Sie sprechen so ein tolles Deutsch! Klasse!" Danke, Sie aber auch, dachte ich mir in dem Moment.

Natürlich spreche ich tolles Deutsch, ich bin ja auch hier geboren! Ich verkniff mir den Kommentar allerdings. Ich wusste ja, dass keinerlei böse Absicht hinter diesem Kommentar steckte. Ich habe irgendwann übrigens aufgehört zu zählen, wie oft man mir bereits dieses zwar nett gemeinte, jedoch trotzdem fragwürdige Kompliment gemacht hat.

Ich bin in Gelsenkirchen im Ruhrgebiet in den 80ern geboren und aufgewachsen. Bin dort zur Schule gegangen, habe mein Abitur gemacht und habe dann studiert. Man sollte eigentlich meinen, dass ich eine Deutsche bin. Wenn das Wort "eigentlich" doch nicht wäre. Fangen wir doch mal mit der Optik an: ich habe dunkle Haare und dunkle Augen... darüber hinaus habe ich einen türkischen Vornamen... wie kann ich denn dann auch als Deutsche durchgehen? Reicht es dann tatsächlich aus, hier geboren und aufgewachsen zu sein?

Es ist wirklich schwierig, seine Identität zu finden

Mein Vater kam in den 60er Jahren, wie viele andere auch, als Gastarbeiter nach Deutschland und ist dann im schönen Almanya geblieben. Mir ist interessanterweise aufgefallen, dass Leute wie mein Vater heutzutage immer noch als "Gastarbeiter" bezeichnet werden. Dabei sind das doch lange keine Gastarbeiter mehr, sondern Einwohner der Bundesrepublik Deutschland.

Es ist wirklich schwierig, seine Identität zu finden wenn man einen Migrationshintergrund hat. Mir fällt es immer schwer, mich als Deutsche zu bezeichnen. Jedoch nicht aus dem Grund, weil ich mich nicht wie eine Deutsche fühle, ganz im Gegenteil. Ich habe definitiv beide Kulturen in mir vereint: ich habe sehr viele türkische Seiten in mir, jedoch auch viele deutsche. Meine türkische Seite ist zum Beispiel die, dass ich fast nie pünktlich irgendwo ankomme.

Eine deutsche Seite meinerseits hingegen ist, dass ich mein Essen unmöglich genießen kann, wenn es zu laut im Hintergrund ist. Mein Mann ist Spanier und diese sind sehr laut - wie die Türken eben. Eigentlich sollte mich das nicht stören, da ich es von meiner Familie auch nicht anders kenne. Wenn wir uns allerdings in einer Tapasbar in Barcelona aufhalten, wo eine unglaublich laute Geräuschkulisse herrscht, dann ist es mir fast unmöglich mein Essen zu genießen. Da kommt dann in mir die Deutsche auf und ich schaue empört zu den lauten Gästen rüber.

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Ewiger Identitätskonflikt

Genau, die Sache mit der Identität. Dein Leben ist begleitet von einem ewigen Identitätskonflikt. In Deutschland die "Ausländerin", in der Türkei die "Deutsche". In der Türkei machen sich Freunde sogar über meinen mangelnden Wortschatz im Türkischen und meinen deutschen Akzent lustig. Auch dort fühle ich mich nicht wie zu Hause. Wie denn auch, ich kenne es nur aus dem Urlaub. Ich weiß dort nicht mal die alltäglichsten Dinge, wie und wo zum Beispiel man sein Bahnticket kaufen kann.

Man kommt irgendwie immer in Erklärungsnot in so vielen Situationen. Als ich in England wohnte und neue Leute kennenlernte, kam dann natürlich immer die Frage auf: "Where are you from?" Ich habe mich immer danach gesehnt, einfach mal sagen zu können: "I am from Germany". Aber aus irgendeinem Grunde fühlte ich mich immer dazu gezwungen, das noch weiter im Detail zu vertiefen: "I am from Germany, BUT my parents are originally from Turkey". Dann kam meistens ein: "Oh, so you're Turkish?" Ähm, nein. Oder doch. Ich wusste nie so genau, wie ich darauf antworten sollte. Denn wie bereits erwähnt, ließ mein optisches Erscheinungsbild und mein Vorname doch eher darauf schließen, dass ich keine Deutsche bin, oder?

Es sind allerdings auch immer diese Klischees im Alltag, die mich einfach "undeutsch" fühlen lassen. Jeder mit türkischem Hintergrund kennt ähnliche Fragen wie diese: "Wie, du darfst mit einem Spanier verheiratet sein? Gab es dafür Stress mit deiner Familie?" "Trägt deine Mutter Kopftuch?" Das erinnert mich übrigens direkt an eine Sache, die mich bis heute schmunzeln lässt.

Eine Rechtfertigung nach der anderen

Mit 19 wollte ich ein Praktikum an einer Grundschule absolvieren. Es gab da diese Grundschule in der Gelsenkirchener City, die mir interessant erschien. Also rief ich dort an. Ich stellte mich natürlich mit meinem vollen türkischen Namen vor und fragte, ob ich denn dort ein Praktikum machen dürfte. Die Dame am Apparat fing an zu stammeln und dann kam ein "Aber.. ähm... also, Sie tragen jetzt kein Kopftuch, oder?" Nein, tue ich nicht. Niemand in meiner Familie tut es. Meine Mutter hat sogar goldblond gefärbte Haare. Wir essen Schweinefleisch. Mein Schwager ist ein Deutscher. Eine Rechtfertigung nach der anderen. Irgendwie rechtfertigt man sich sein ganzes Leben.

Als ich noch ein Teenager war, gab es auch so Klassiker wie: "Darfst du denn überhaupt so spät noch raus?" "Hast du einen großen Bruder?" Oder wenn ich mal Lust auf eine Currywurst hatte kam: "Wie jetzt, du isst Schweinefleisch?" "Wow, du bist so anders als die anderen Türken." Und hier der absolute Klassiker unter den Kommentaren: "Also ich bin ja nicht so mit Türken, ABER du, du bist so anders."

Über die Jahre hinweg lernt man dann aber irgendwann mal damit umzugehen und sich dann sogar glücklich zu schätzen. Ja, ich schätze mich sogar sehr glücklich. Ich bin bikulturell aufgewachsen und habe von beiden Kulturen etwas. Sei es die Sprache, das Essen, die Mentalität etc. Das ist so eine unglaublich große Bereicherung für mein Leben. Und genau das möchte ich meiner Tochter weitergeben. Sie wächst sogar trikulturell auf, da zu der deutsch-türkischen Seite noch die spanische hinzukommt.

Mein Herz ist in Deutschland, weil ich hier geboren und groß geworden bin. Man sagt ja immer: "home is where your heart is". Und im Laufe der Jahre habe ich genau das gelernt. Und ich habe mir angeeignet einfach zu sagen, dass ich Deutsch-Türkin bin. Egal, ob in Deutschland oder im Ausland. In dem Sinne: "Where are you from?" "I am from Germany".

Die Autorin betreibt diesen Blog.

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