BLOG

Jordanien: So nehmen Jugendliche ihre Zukunft in die Hand

08/02/2016 10:19 CET | Aktualisiert 10/02/2017 11:12 CET
Getty

Der Bevölkerungsanteil der unter 25-jährigen beträgt in Jordanien rund 55%. Naheliegend, dass sich das Land um seine Jugend kümmert. Tut es auch. Bis 2001 mit einem eigenen Jugendministerium, seitdem mit dem Hohen Jugendrat, dessen Aufgabe es ist, die Loyalität der Jugend zum Vaterland, zum König, zur Verfassung und zu den Gesetzen zu stärken, ihre Verbundenheit mit der arabischen Identität, der jordanischen Nation, dem Islam und dem Dialog mit anderen Religionen zu fördern und gleichzeitig zivilgesellschaftliches Handeln einzuüben.

Diesen Zielen dienten bislang zwei Jugendstrategien (2005-2009 und 2010-2015) und ein breites Angebot von Aktivitäten in staatlichen Grund- und Oberschulen während der Sommerferien.

Parteipolitisches Engagement junger Menschen war jedoch nicht Gegenstand dieser Strategien. Und die politischen Parteien - so sie dem Prädikat gerecht werden - haben die Jugend bislang nicht als Zielgruppe ihres Handelns erkannt. Eine Befragung des Al-Hayat Zentrums für die Entwicklung der Zivilgesellschaft aus dem Jahr 2010 ergab ein grundsätzliches Desinteresse junger Jordanier an Politik und zudem einen Mangel an Vertrauen in das Parlament.

Das spricht weniger für tatsächliches politisches Interesse bzw. Desinteresse der jordanischen Jugend, als für ihre Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit im Hinblick auf das täglich Erlebte.

So hat die Euphorie der Aufbrüche in Tunesien und Ägypten in der frühen Phase des sogenannten Arabischen Frühlings auch in Jordanien zu Entwicklungen geführt, wie man sie bis dahin, trotz aller erwähnten staatlichen Bemühungen um die Jugend, nicht gekannt und auch nicht erwartet hatte.

In kurzer Zeit entstanden 19 zivilgesellschaftlich organisierte politische Bewegungen (Hirak). Fünf dieser neuen politischen Bewegungen waren Jugendbewegungen, zwei nationale und drei regionale (aus Dhiban südwestlich von Amman, Ma'an im unterentwickelten Süden des Landes und Sahab an der südöstlichen Peripherie von Amman).

Zentrale Forderungen aller Hirak waren die Entlassung der Regierung unter Samir Zaid al-Rifai (14.12.2009-9.2.2011), die Reform des politischen Systems und vor allem die Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Landes. Die regionalen Bewegungen hatten zudem noch Forderungen, die sich auf die Situation in der jeweiligen Region bezogen. Den Jugendbewegungen ging es insbesondere um die hohe Arbeitslosigkeit und die schwierige Situation auf dem Arbeitsmarkt.

Dass Jugendliche ihre Zukunft in die eigenen Hände nehmen, ohne Rücksprache mit den Patriarchen, kam in der jordanischen Gesellschaft einer Revolution gleich.

Dem Aufbruch folgte allerdings die Ernüchterung. Eine Befragung des Al-Hayat Zentrums ergab 2011, dass zwar 75% der befragten Jugendlichen die eingeforderten Verfassungsänderungen kannten und 48% mit den tatsächlichen Änderungen unzufrieden waren, aber sich nur 35,5% der Befragten an Aktionen beteiligt hatten, die Reformen einforderten.

Es kam jedoch auch zu tatsächlichen Verfassungsänderungen, zu diesen gehören u.a. die Einrichtung eines Verfassungsgerichts und einer Unabhängigen Wahlkommission, die für die Vorbereitung und Durchführung der Parlamentswahlen verantwortlich ist sowie eine Regelung der zufolge Minister sich künftig vor zivilen Gerichten verantworten müssen. In Aussicht gestellt wurde zudem die Verabschiedung neuer Wahl- und Parteiengesetze. Die politischen Bewegungen hatten allerdings mehr erwartet, insbesondere die Beschneidung der Macht des Königs.

In einem Punkt zumindest waren die Hirak erfolgreich: Die Regierung von Samir Zaid al-Rifai wurde entlassen. Im Verlauf der Proteste der politischen Bewegungen sollten bis Oktober 2012 noch drei weitere Regierungsrücktritte folgen.

Schlussendlich lösten sich die 19 neuen Hirak-Bewegungen bis 2012 nach und nach auf. Dem Aufbruch folgte die Ernüchterung, dieser die Enttäuschung, keine grundlegenden Veränderungen bewirken zu können.

Und doch hat sich Jordanien verändert. Der König hat sich schon zu einem frühen Zeitpunkt des sogenannten Arabischen Frühlings, der im Dezember 2010 begann, an die Spitze der Reformbewegung gestellt und damit all jenen, die auch in Jordanien radikale Veränderungen eingefordert haben, den Wind aus den Segeln genommen. Nun muss es darum gehen, diejenigen die sich für Reformen eingesetzt haben - vor allem auch die Jugendlichen - in konkrete Reformbemühungen einzubinden.

2016-02-03-1454507004-6310832-Drinnen.jpg

Es stimmt nicht, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren, sie gehen nur anders damit um. Daher will die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zusammen mit der Huffington Post der Frage nachgehen: Wie muss Politik für junge Menschen aussehen? Weltweit werden Experten der Konrad Adenauer Stiftung politische Initiativen und Vorgehensweisen analysieren. Wenn Sie sich an der Diskussion beteiligen möchten, schreiben Sie an Blog@huffingtonpost.de.


Auch auf HuffPost:

CDU-Generalsekretär Peter Tauber unterstützt das Adenauer-Huffington-Briefing

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Gesponsert von Knappschaft