BLOG

„Die jordanische Jugend zwischen Lethargie und neuem Aktivismus"

17/02/2016 15:10 CET | Aktualisiert 17/02/2017 11:12 CET

Die Hajjaj-Brüder im Interview: zwei jordanische Cartoon Artists, zwei Perspektiven

Vier Ihrer Familienmitglieder sind Karikaturisten, wie kam es dazu und was ist Ihre Motivation?

Hamzeh Hajjaj [HH]: Meine Brüder und ich teilen die Leidenschaft für Karikaturen, gleichzeitig haben wir unterschiedliche Visionen. Mich interessiert vor allem die Jugend, weil sie sich meiner Meinung nach nicht mit politischen Geschehnissen auseinandersetzt. Deswegen eignen sich Karikaturen, um eine kurze, klare Botschaft über die aktuelle Situation zu vermitteln. Ich versuche damit die Jugend aufzuwecken.

2016-02-11-1455196073-4471107-HH.png

Hamzeh Hajjaj

Wie würden Sie die jordanische Jugend und Ihr Verhältnis zur Politik beschreiben?

HH: Ich denke, es ist eine verlorene Generation, weil sie sich nicht mit größeren politischen Zusammenhängen auseinandersetzt. Sie wollen einfach nur ein normales Leben führen, arbeiten gehen, Freunde treffen. Sie haben keine Vision. Aber natürlich trifft das nicht auf alle zu. Es gibt viele kleinere Bewegungen mit spezifischen Anliegen in Jordanien, aber keine einheitliche Bewegung für den großen Wandel.

Emad Hajjaj [EH]: Auch politische Parteien sind für junge Leute nicht besonders attraktiv. Sie haben das Gefühl außerhalb des politischen Parteiensystems mehr bewegen zu können und sind deshalb eher im zivilgesellschaftlichen Bereich aktiv.

Inwiefern hat der sogenannte Arabische Frühling den Aktivismus von jungen Jordaniern verändert?

Und dann plötzlich kam der Arabische Frühling. Für mich war es, als wäre ein Traum wahr geworden.

EH: Jordanien war ein isoliertes Land, fernab vom Weltgeschehen. Es gab keine Hoffnung auf einen positiven Wandel. Und dann plötzlich kam der Arabische Frühling. Für mich war es, als wäre ein Traum wahr geworden. Speziell auf die jüngere Generation in Jordanien hatte das enorme Auswirkungen.

Zwar gehen sie jetzt nicht mehr auf die Straße, um zu demonstrieren, aber es hat definitiv ein neues Bewusstsein für Politik ausgelöst. Das sieht man vor allem in den sozialen Medien. Vor dem Arabischen Frühling ging es in den sozialen Medien hauptsächlich darum, sich für private Zwecke zu vernetzen. Danach wurden die Inhalte politisch. Deshalb glaube ich, dass sich der Arabische Frühling wiederholen wird, vielleicht jedoch in einer anderen Form.

Wie ist die Stimmung nach dem Scheitern des Arabischen Frühlings?

HH: Die Jordanier sehen, was in den Nachbarländern passiert, beispielsweise in Syrien und geben sich deshalb mit der Situation in ihrem Land zufrieden. Gleichzeitig haben sie Angst, ihre Meinung über Politik offen zu sagen, da dies auch unliebsame Folgen haben könnte.

2016-02-11-1455196179-7268087-fruhling.png

"Der arabische Frühling..." (eine Karikatur von Hamzeh Hajjaj)

Was motiviert Sie auch nach dem Scheitern des Arabischen Frühlings zu zeichnen?

EH: Natürlich bin ich enttäuscht, aber die jungen Leute in Jordanien und im ganzen Nahen Osten geben mir Hoffnung. Vor kurzem war ich in der Jury des ersten arabischen Comicwettbewerbs und das hat mich begeistert. Vor allem auch die Teilnahme von vielen jungen talentierten Frauen.

Was sind die dringlichsten Sorgen der jordanischen Jugend?

EH: Ich denke vor allem die finanzielle Situation: Wie finde ich einen Job, wie kann ich heiraten? Außerdem ist es unheimlich schwierig für die junge Generation sich auszudrücken. Wie keine Generation zuvor haben sie Zugang zum Rest der Welt. Sie haben Einblick in ganz unterschiedliche Lebensstile, können vieles davon aber nicht in ihre eigene Lebenswirklichkeit übertragen.

Ich denke, dieses Gefühl der Machtlosigkeit ist mit ein Grund dafür, dass radikale Gruppen wie der sogenannte Islamische Staat (IS) immer mehr an Zulauf gewinnen

Ich denke, dieses Gefühl der Machtlosigkeit ist mit ein Grund dafür, dass radikale Gruppen wie der sogenannte Islamische Staat (IS) immer mehr an Zulauf gewinnen. Dort haben sie das Gefühl, Macht ausüben zu können und ein Actionheld wie in einem amerikanischen Film zu sein und gleichzeitig dem Islam zu dienen.

Das Interview wurde von Dr. Otmar Oehring (Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Jordanien), Imke Haase und Jelena Weber am 2. Februar 2016 in Amman geführt.

Auch auf HuffPost:

CDU-Generalsekretär Peter Tauber unterstützt das Adenauer-Huffington-Briefing

Lesenswert

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

2016-02-03-1454507004-6310832-Drinnen.jpg

Es stimmt nicht, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren, sie gehen nur anders damit um. Daher will die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zusammen mit der Huffington Post der Frage nachgehen: Wie muss Politik für junge Menschen aussehen? Weltweit werden Experten der Konrad Adenauer Stiftung politische Initiativen und Vorgehensweisen analysieren. Wenn Sie sich an der Diskussion beteiligen möchten, schreiben Sie an Blog@huffingtonpost.de.

Gesponsert von Knappschaft