Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Oswald Metzger Headshot

"Eine Schande für die Demokratie" - Man sollte einen Schutzzaun um die USA hochziehen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PRESIDENTIAL RACE
Getty
Drucken

Zunehmend entsetzt verfolge ich seit Monaten den Wahlkampf in den Vereinigten Staaten. Widerlichstes Negativ-Campaigning hat die letzten Reste von demokratischer Kultur beiseite gefegt. Wer die Wahlspots von Donald Trump und Hillary Clinton sieht, wer das niederträchtige Trommelfeuer in den "sozialen" Netzwerken verfolgt, der schaut fassungslos in einen Abgrund aus Infamie und persönlicher Hetze.

Schamgrenzen existieren nicht mehr. Von Charakterstärke keine Spur! Wer Max Webers legendäres Anforderungsprofil des guten Politikers vor Augen hat - "Drei Eigenschaften zeichnen den guten Politiker aus: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß." -, dem graust vor diesen Politikertypen.

Dieser Präsidentschaftswahlkampf spaltet ein ohnehin seit Jahren gespaltenes Land gesellschaftlich und politisch, das nach wie vor mit Abstand das stärkste militärische Potential auf diesem Globus vorhält. Wer am kommenden Dienstag gewinnt, wird damit auch den Oberbefehl über diese gewaltige atomare Streitmacht erlangen. Eine schauerliche Vorstellung!

Aus der europäischen Perspektive ist Hillary Clinton erste Wahl. Doch in den USA gilt sie vielen, auch vielen zu den Demokraten tendierenden Wählern, als Repräsentantin einer käuflichen Wall Street-Welt. Donald Trump wuchs sich im fast einjährigen Vorwahl-Marathon zu einem Phänomen aus, das wie eine Dampfwalze die republikanische Partei und das politisch korrekte Amerika aufmischte.

Mehr zum Thema: "So zerstört man eine Demokratie": Internationale Medien sehen eine Woche vor den US-Wahlen schwarz

Er konnte poltern, gegen Minderheiten hetzen, sexistisch pöbeln und sich bar jeder Sachkenntnis zu den verwegensten politischen Positionen versteigen. Er bleibt bis zum Schluss im Spiel, weil Hillary Clinton für viele das verhasste politische Establishment in Washington verkörpert. Sie gilt als käufliche Politikerin, die im Amt dann für die Großspenden aus der Finanzwelt "liefern" muss.

Ein kleiner Exkurs zur Wahlkampffinanzierung

Bei uns in Deutschland wird die Abhängigkeit der politischen Parteien von der staatlichen Parteienfinanzierung oft als "Selbstbedienung" aus öffentlichen Kassen beklagt. Doch im Vergleich zu den USA können wir uns glücklich schätzen, dass man sich Politiker und ganze Parteien nicht mit unbegrenzt viel Geld - und legal - kaufen kann.

Weitere aktuelle Debatten auf "The European":

Eine fatale höchstrichterliche Entscheidung hat es Lobbygruppen, sogenannten Super-PACs (Super Political Action Committees) erlaubt, Spenden ohne Limit einzutreiben und damit für Kandidaten ihrer Wahl Werbung zu machen. Damit sind alle Schranken gefallen. Hunderte von Millionen Dollar sammeln solche Super-PACs. Barack Obama kommentierte diesen Richterspruch als "großen Sieg für Ölmultis, Versicherungskonzerne und die Wall Street".

In seiner Rede zur Lage der Nation schimpfte er im Januar 2010, dass Wahlen nicht von den Mächtigen manipuliert, sondern vom amerikanischen Volk entschieden werden. Doch auch er arrangierte sich vor seiner Wiederwahlkampagne 2012 mit der Super-PAC-Regelung, um in den sündhaft teuren US-Wahlkämpfen bestehen zu können.

Schwappt der US-Politikstil auf Europa über?

"The American Way of Life" hat sich in vielfacher Weise als oft kritisierter, aber nichtsdestotrotz omnipräsenter Lebensstil durchgesetzt: In der Kunst- und Kulturszene, im Musik- und Filmgeschäft, im Profi-Sport, in der Big Business-Welt, die von der Wall Street-Mentalität dominiert wird, in der Organisation unserer realen und online-Konsumwelt, aber auch mit der säkularen Umwälzung der Industrieproduktion, die häufig auf digitalen Innovationen aus dem kalifornischen Silicon Valley fußt.

Ich fürchte, dass auch dieser unterirdische Politikstil auf Europa überschwappen wird. Hasstiraden und aberwitzige Verschwörungstheorien grassieren bei uns zuhauf in den Untiefen des Netzes. Faktenbasiertes Wissen wird zunehmend als störend abgelehnt. Man vergewissert sich am liebsten beständig der eigenen Vorurteile.

HuffPost-Tarif

Europa-Flat, Daten-Flat: Einer der günstigsten Handy-Tarife auf dem Markt

Mit der Spar-Aktion der Huffington Post in Zusammenarbeit mit Chip und Tarifhaus bucht ihr einen Smartphone-Tarif, der preislich kaum zu schlagen ist und eine Vielzahl an Vorteilen bietet.
Mehr Infos findet ihr hier.

Mit der AfD wird in Deutschland eine Protestpartei gewählt, der die Mehrheit ihrer Wähler überhaupt keine Lösungskompetenz zutraut. Derzeit garantiert für mich die viel kritisierte "politische Klasse" in Deutschland jedenfalls weit mehr demokratische Kultur als viele selbsternannte "Wir sind das Volk-Apologeten". Ich hoffe, diese Einschätzung hat auch im kommenden Bundestagswahljahr Bestand.

Egal, wer die Präsidentenwahl am 8. November in den USA gewinnt. Verloren hat bereits jetzt die demokratische Kultur. Als ordoliberaler Geist, der gern für Freihandel wirbt und gegen jede Form von Protektionismus kämpft, möchte ich am liebsten Schutzzäune hochziehen, um diese politische Unkultur aus den USA fernzuhalten. Sie ist eine Schande für die Demokratie.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European.

Auch auf HuffPost:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.