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Die Panik vor der Altersarmut: Warum eine höhere Rente ein fataler Fehler wäre

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RENTE
dpa
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Die Angst vor Altersarmut, die Gewerkschaften, Sozialdemokraten, Linke und Grüne, aber auch die CSU seit Monaten geschürt haben, zeigt Wirkung. Deshalb befürchtet unser Autor Oswald Metzger, dass beim Rentengipfel der Großen Koalition in dieser Woche auch eine Festschreibung eines höheren Rentenniveaus verabredet werden könnte - mit teuren Folgen für die jüngere Generation.

Obwohl es von der Faktenbasis her jeden Grund gäbe, bei der Rente kein neues Fass aufzumachen, werden sich am kommenden Donnerstag die Spitzen der Großen Koalition genau zu diesem Zweck zusammenfinden.

Denn die Angst vor steigender Altersarmut, die Gewerkschaften, Sozialdemokraten, Linke und Grüne, aber auch die CSU seit Monaten nach Kräften befördert haben, zeigt Wirkung. Der Glaube an die gesetzliche Rente, die für Millionen Menschen die Haupteinnahmequelle im Ruhestand darstellt, ist weiter geschwunden.

Mit der kollektiven Panikmache haben die politischen Spin-Doktoren den Boden dafür bereitet, dass nicht einmal die größte anzunehmende Dummheit beim Renten-Gipfel am Donnerstag ausgeschlossen ist: das Drehen an der Stellschraube Rentenniveau.

Sinkendes Rentenniveau bedeutet nicht Rentenkürzung

Dieses sogenannte Rentenniveau ist aber eine Größe, die nichts über die Wohlstandsentwicklung oder mögliche Armutsrisiken im Alter aussagt. Denn diese Rechengröße beschreibt nur das prozentuale Verhältnis der Nettorente eines Standardrentners (das ist ein Rentner mit 45 Beitragsjahren als Durchschnittsverdiener) gegenüber dem jeweils aktuellen Nettoarbeitsentgelt eines Durchschnittsverdieners.

Anders formuliert: Ein sinkendes Rentenniveau bedeutet, dass die Kaufkraft der Renten steigt, aber eben langsamer als die der Löhne. Selbst das von Andrea Nahles geleitete Bundesarbeitsministerium geht im offiziellen Rentenversicherungsbericht davon aus, dass die Bruttostandardrente von heute 1.372 Euro auf 1.824 Euro im Jahr 2029 steigen wird. Damit läge sie selbst bei einer Inflationsrate von 2 Prozent kaufkraftbereinigt über dem heutigen Niveau.

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Es ist deshalb eine schlichte Lüge, wenn Sozialverbände wie der VdK in Beispielrechnungen in ihrer Verbandszeitschrift darlegen, dass ein Absinken des Rentenniveaus von heute 48 Prozent auf 43 Prozent im Jahr 2030 einer Rentenkürzung von 10,4 Prozent entspricht.

Aus 1.000 Euro Rente heute würden laut VdK dann nur noch 896 Euro. In Wahrheit werden aber aus 1.000 Euro heutiger Rente bis zum Jahr 2030 monatlich 1.333 Euro, selbst wenn das Rentenniveau auf die laut Gesetz untere Schwelle von 43 Prozent absinken würde.

Aktuell steigt das Rentenniveau - der Panikmache zum Trotz

Zur Panikmache passt die aktuelle Entwicklung des Rentenniveaus ohnehin nicht. Denn aufgrund der guten Beschäftigungslage, die für höhere Löhne und mehr Beitragszahler sorgt, ist das Rentenniveau sogar leicht angestiegen - auf derzeit 48 Prozent.

Wenn die Konjunktur keinen Strich durch die Rechnung macht, prognostiziert die Rentenversicherung für das kommende Jahr einen weiteren Anstieg auf 48,2 Prozent. Damit ist die Entwicklung der gesetzlichen Rente besser als jemals in den vergangenen Jahren prognostiziert.

Ohne die zu Recht von allen Fachleuten gescholtene Einführung der Mütterrente und der Rente mit 63 kämen die Beitragszahler heute sogar in den Genuss einer Beitragssenkung. Rund 9 Milliarden Euro kosten diese Wahlgeschenke der Großen Koalition allein in diesem Jahr.

Mehr zum Thema: Umfrage zeigt: Deutsche zahlen für ihre Rente lieber mehr statt länger zu arbeiten

Eines ist allerdings sicher: Der demografische Wandel wird massive Spuren in der Rentenversicherung hinterlassen. Denn bis zum Jahr 2040 steigt die Zahl der über 65-Jährigen um knapp 40 Prozent oder 6,5 Millionen Menschen. Umgekehrt reduziert sich in der gleichen Zeit die Zahl der Erwerbsfähigen um 15 Prozent oder 7 Millionen Menschen.

Statt derzeit 2,9 müssen dann 1,7 Erwerbspersonen einen Rentner finanzieren. Allein diese Zusatzlast aus der massiv verschlechterten Altersstruktur reißt im Jahr 2040 ein Loch von 83 Milliarden Euro in die Rentenkasse.

Wer rechnen kann, weiß deshalb, dass neue Zusatzlasten für die Rentenversicherung unterbleiben müssen. Ob der CSU-Wunsch nach einer nochmaligen Erhöhung der Mütterrente oder die SPD- und Gewerkschaftsforderung nach einer Festschreibung oder gar Erhöhung des heutigen Rentenniveaus: Hände weg!

Renteneintrittsalter an steigende Lebenserwartung koppeln

Eine ehrliche und faire Antwort auf die demografischen Herausforderungen, die mit dem Eintritt der Baby-Boomer in die Rente verbunden sind, liegt in der Koppelung des Renteneintrittsalters an die steigende Lebenserwartung.

Die steigt noch stärker als es die offiziellen Sterbetafeln des Statistischen Bundesamts ausweisen, wie der Kölner Wirtschaftswissenschaftler Eckart Bomsdorf anschaulich belegt. Vier von fünf Neugeborenen heute können das 22. Jahrhundert erleben.

Ob wir es gerne hören wollen oder nicht: Länger leben, weniger arbeiten und dennoch eine höhere Rente beziehen - das wird nicht funktionieren. Es sei denn, wir glauben, dass unsere Kinder und Enkel allein für die Rentenversicherung fast 15 Prozent Lohnabzug zu zahlen bereit sind.

Für die Kranken- und Pflegeversicherung werden sie mit noch höheren Beitragssätzen zur Kasse gebeten. Die Arbeitslosenversicherung fällt da kaum noch ins Gewicht. Samt eines Anstiegs der Steuerquote bliebe unseren Kindern und Enkeln dann deutlich weniger als die Hälfte von ihrem Arbeitslohn. Diese schamlose Ausbeutung werden sie nicht zulassen. Und die Großeltern- und Elterngeneration darf ihnen diese Lasten auch nicht aufhalsen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Debattenplattform "The European".

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