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Tageszeitungen: Warum sich die Leser abwenden

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Verfluchtes Internet. Es bedroht die Tageszeitungen. Die Leser flüchten. Die Anzeigen brechen weg. Die Umfänge schrumpfen. Titel werden eingestellt. Journalisten werden entlassen. Das sind Alarmsignale.

Qualität im Verruf

Wenn Kunden in neue Märkte abwandern, ist das nicht gut für ein Unternehmen und seine Produkte. Schlimmer noch wird es, wenn gleichzeitig die Qualität in Verruf kommt. Das passiert gerade den Tageszeitungen. Internet und Qualitätsmängel sind für sie eine gefährliche Mixtur.

Der erste Schlag kam Mitte Dezember. Da beschäftigte sich die ZAPP-Redaktion des NDR mit der wachsenden Kritik an der Ukraine-Berichterstattung. Und auch mit dem Bucherfolg von Udo Ulfkotte. Sein heftig umstrittener Titel „Gekaufte Journalisten" brachte es immerhin zum Spiegel-Bestseller.

Eine Vertrauenskrise

Die Redaktion gab deshalb bei Infratest Dimap eine Studie in Auftrag, um die Gründe für die angenommene Vertrauenskrise zu beleuchten. Und um herauszufinden, ob - und wenn, in welchem Umfang - das Vertrauen in die Medien schwindet.

Schließlich ist das Vertrauen in die Berichterstattung für Journalisten unabdingbare Voraussetzung ihrer Arbeit. Die repräsentative Umfrage ergab alarmierende Zahlen.

„Bewusste Fehlinformation"

Laut der Umfrage haben 63 % der Deutschen wenig oder gar kein Vertrauen in die Ukraine-Berichterstattung deutscher Medien. Von diesem Teil der Nutzer empfindet fast jeder Dritte die Berichterstattung als einseitig und 18 % gehen gar von einer bewussten Fehlinformation durch die Medien aus. Das Misstrauen zieht sich dabei quer durch alle Alters- und Einkommensgruppen, unabhängig von Geschlecht und Wohnort.

Insgesamt ist das Vertrauen in die Medien so schlecht wie lange nicht mehr. Haben im April 2012 noch 40 % der Befragten angegeben, großes oder sehr großes Vertrauen zu den Medien zu haben, waren es im Dezember 2014 nur noch 29 %.

„Von der Politik gelenkt"

Der zweite Schlag kam wenige Tage danach. Da erbrachte laut Onlinebranchendienst Meedia eine Umfrage von YouGov ein vernichtendes Urteil. Demnach glauben 47 % der Deutschen, die Medien würden einseitig berichten und seien von der Politik gelenkt.

Schlimmer noch sind die Zahlen, wenn man nur Ostdeutschland betrachtet. Dort glauben 55 % an vom Staat gelenkte Medien.

Mit der Bildung steigt das Misstrauen

Je besser Bildung und Einkommen, desto größer das Medienmisstrauen. Befragte mit Abitur oder Hochschulabschluss sowie einem hohen Monatseinkommen misstrauen den Medien deutlich stärker als andere.

Ursache für solche Urteile ist zumindest das Empfinden der Bundesbürger, dass die Medien nicht objektiv berichten. Und manchmal machen die Tageszeitungen ihren Kritikern dieses Urteil leicht. Sie missionieren, berichten mit Häme oder lassen die Gegenseite nicht zu Wort kommen.

Lächerliche Interviews

Oder sie publizieren lächerliche Interviews. Interviews, die mehr Hofberichterstattung als kritische Nachfrage sind. So wie das Interview mit Finanzminister Wolfgang Schäuble in der Jahresschlussausgabe der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Darin wurden folgende Fragen gestellt:

Herr Schäuble, hat es Sie gewundert, dass die Kriegsschuldfrage im Gedenkjahr zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine so große Rolle gespielt hat?

... schon damals Kriegsschauplatz war.

Sie haben Christopher Clarks „Schlafwandler" und Brendan Simms` „Kampf um Vorherrschaft" gelesen. Lauter dicke Bücher. Wann machen Sie das?

Beeinflusst die Lektüre Ihre politischen Entscheidungen?

Dann spielt das Historische also doch eine Rolle in Ihrem Denken.

Reden Sie mit Ihren Kollegen aus der Politik über die Bücher, die Sie lesen?

Inwiefern?

Heißt das, Sie lesen noch Bücher und Zeitungen, und die Bundestagskollegen gucken nur noch in ihre iPhones?

Sie haben neulich bei der Feier zum 20. Geburtstag von „Spiegel Online" eine sehr unterhaltsame Rede gehalten. Ein Satz darin lautete: „Die Leute sind in einer begnadenswerten Weise zufrieden - was eine Katastrophe ist, übrigens auch für die Politik." War das eine Kritik an der Politik Angela Merkels?

Das hat Herbert Wehner über Erhard Eppler gesagt.

Sind Sie mit Angela Merkel befreundet? Sie gehen ja gelegentlich mit ihr ins Kino.

Sie haben in Ihrer „Spiegel Online"-Rede auch gesagt, dass man sich nicht die ganze Zeit über die NSA aufregen könne. Muss man das nicht?

Für viele sind Whistleblower wie Edward Snowden aufklärerische Helden unserer Tage. Können Sie das nachvollziehen?

Was denn?

Ist Whistleblowing für Sie ethisch vertretbar?

Verrat und Illoyalität gibt es auch in der Politik. Sie haben das ja auch erlebt. Wann ist das erlaubt?

Aber in der Politik gibt es vielleicht besondere Mechanismen?

In welcher Art?

Jürgen Habermas hat gesagt, Sie seien der „letzte Europäer im Kabinett". Stimmt das?

Bei diesen „Fragen" der stichwortgebenden „Interviewer" war die Leidensfähigkeit des Lesers erschöpft. Er knüllte das „Produkt" wütend zusammen, warf es in die Ecke und fragte sich, ob er die 3,50 Euro dafür nicht besser anders angelegt hätte.

Was tun gegen Hofberichterstattung?

Was können die Medien tun, außer beispielsweise die Hofberichterstattung mit Wolfgang Schäuble einzustellen, dem sie kritiklos gestatten, dass er ihre Fragen fast nie beantwortet? Die TagesWoche-Redaktion in der Schweiz stellt u.a. folgende Thesen zur Diskussion:

Wer nicht zweifelt, ist unglaubwürdig - Die wahrgenommene Komplexität der Welt nimmt zu, das führt zu mehr Ambivalenz und Unsicherheit. Das alte Muster „Journis erklären die Welt" greift nicht mehr. Viele Redaktionen halten dennoch daran fest, Zweifel sind nicht erlaubt. Sie werden deshalb unglaubwürdig.

Medien üben den Konsens - Diese Glaubwürdigkeitsprobleme sind auch in Bezug auf einen weiteren Aspekt hausgemacht: Vom Mainstream abweichende Meinungen werden von etablierten Redaktionen zu wenig ernst genommen und entsprechend selten in der Berichterstattung thematisiert.

Journalisten mehrheitlich „links"

Vielleicht macht auch eine Bemerkung von Jan Fleischhauer nachdenklich, der im Spiegel vom 29. Dezember 2014 zum Thema „Gekaufte Journalisten" u.a. folgendes schreibt: „Bislang hieß es immer, die Mehrheit der Journalisten sei links, eine Einschätzung, die sich mit meiner Erfahrung aus Redaktionskonferenzen deckt.

Thilo Sarrazin hat aus seinem Kampf gegen das linke Meinungskartell sogar einen eigenen Bestseller gemacht. Jetzt heißt es plötzlich, wir seien alle von der Wall Street gesteuert, um dem Volk Sand in die Augen zu streuen, damit die Finanzelite weiter ihr Geld verdienen kann."

Ein Objektivitätsbeauftragter?

Der bloggende Autor hat sich für die Huffington Post auch noch einige Gedanken darüber gemacht, wie die Medien wieder das Vertrauen ihrer Leser, Hörer oder Zuschauer herstellen können. Dabei sind ihm folgende Punkte eingefallen:

  1. Wieder mehr die alten journalistischen Regeln beherzigen und auch die Gegenstimmen zitieren.
  2. Ohne Häme berichten und die Missionierungsversuche unterlassen.
  3. In Kommentaren nicht bequem ausweichen, indem man nur Stilfragen kritisiert, sondern sich auch mit den Sachargumenten auseinandersetzen.
  4. Zu einem Thema auch mal eine Pro- und eine Contra-Stimme zu Wort kommen lassen.
  5. Von den Lesern Rechercheaufträge auch zu unbequemen Themen annehmen.
  6. Im Verlag, der bereits einen Sicherheits- und Frauenbeauftragten hat, auch einen Objektivitätsbeauftragten installieren.

Mal sehen. Vielleicht fallen dann die nächsten Umfragen weniger alarmierend aus und das Tageszeitungssterben kann um einige Jahre hinausgezögert werden.

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Stichelei zum Jahreswechsel: Eine Plakatwerbung für das umstrittene Ulfkotte-Buch an der Zufahrtsstraße zur Süddeutschen Zeitung (Foto: Metzger).

Mehr für Verbraucher und Sparer auf www.finanz-blog-online.de und www.finanz-pressedienst.de


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