Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Oskar H. Metzger Headshot

Nullzins bedroht Kirchensteuer

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DRAGHI
Francois Lenoir / Reuters
Drucken

Die letzte Hoffnung ist entschwunden. Trotz 2 % Inflation beendet EZB-Präsident Mario Draghi seine Nullzinspolitik nicht. Die Sparer sind verzweifelt. Doch jetzt wollen sie sich gegen ihre Enteignung wehren.

2017-03-13-1489397022-6348251-KirchensteuerMetzger.JPG

Der Nullzins bedroht die Altersvorsorge: Durch Kostensenkung zu einer höheren Sparrate (Foto: Metzger).

Die Ratssitzung der Europäischen Zentralbank brachte in der vergangenen Woche keinen Kurswechsel. Auch ifo-Präsident Clemens Fuest bedauert die Sturheit von Draghi und fordert, „den Fuß vom Gaspedal zu nehmen". Denn weitere Preissteigerungen stehen bevor.

Die Zinseinbußen der Deutschen betrugen von 2010 bis 2016 rund 343 Mrd. Euro, errechnet DZ-Bank-Volkswirt Michael Stappel. Im Durchschnitt sind dies 4.183 Euro je Bundesbürger. In dieser Höhe verminderten sich unter anderem die Zinsen von Sparbüchern, Tagesgeld und Lebensversicherungen.

Höhere Sparrate kaum möglich

Was tun gegen die Vernichtung der Altersvorsorge? Mehr sparen, sagen die Anlageberater. Was an Zinsen fehlt, solle man bei der Sparrate drauflegen. Nur so komme am Ende das raus, was man zum Lebensunterhalt im Alter braucht.

Eine höhere Sparrate können viele Bundesbürger jedoch nur stemmen, wenn sie ihre Kosten senken. Doch wo gibt es solche Einsparmöglichkeiten? Eine nicht repräsentative Umfrage erbrachte folgende individuelle Sparstrategien:

Beim Autokauf zurückstecken

Erstens mehr als 700 Euro sparen beim Zeitungsabo, „weil die nicht für ihre Leser kämpfen". Zweitens über 3.000 Euro sparen beim preiswerteren Automodell, „weil die ihre Kunden beim Benzinverbrauch übers Ohr hauen". Drittens rund 6.000 Euro sparen bei der Kirchensteuer, „weil die sich nicht um ihre Mitglieder kümmern".

In der Mehrzahl wehren sich die Bundesbürger jedoch gegen ihre Zinsenteignung, indem sie Vorschläge von Haushaltsbüchern der Verbraucherzentralen und Kreditinstitute umsetzen. Sie sparen bei Vereinsbeiträgen, unnötigen Versicherungen und überteuerten Handytarifen. Und sie nutzen die Preisvergleiche auf diversen Internetplattformen.

Immer mehr Verbündete

Für die enteigneten Sparer steigt die Zahl der Verbündeten. Jetzt ist auch Genossenschafts-Präsident Michael Bockelmann dazu gekommen. Er vertritt die Volks- und Raiffeisenbanken in 13 Bundesländern und warnt:

„Das Vertrauen der Bürger in die gemeinsame Währung wird durch die extrem niedrigen Zinsen sowie Krisenherde wie Italien und Griechenland geschwächt."

Erschütternde Umfrageergebnisse

Der normale Sparer wird nach Aussage von Bockelmann zum „Verlierer der EZB-Politik". Denn die wolle ihn in den Konsum treiben, obwohl er eigentlich mehr Geld für die Altersvorsorge zurücklegen müsse.

Das beweist eine Umfrage unter den Volks- und Raiffeisenbanken. Dabei hätten 90 % der teilnehmenden Institute angegeben, dass ihre Privatkunden zu wenig für ihr Alter vorsorgen würden.

Zusatzbelastung durch Gebührenerhöhung

Vor allem Bürger mit niedrigem Einkommen legen ihr Geld größtenteils als täglich verfügbare Einlagen an. Damit werden sie von der anziehenden Inflation besonders betroffen. Schlimmer noch: Wegen der Zinsmisere müssen die Kunden auch noch höhere Kontoführungsgebühren bei den Banken berappen.

Daneben führt die Draghi-Politik dazu, dass bei den Genossenschaftsbanken der Rotstift kräftig angesetzt wird. Sie haben im vergangenen Jahr 203 Zweigstellen geschlossen. Und in fast jeder dritten Filiale gibt es nur noch Automaten zur Selbstbedienung.

Rentner besonders betroffen

„Arme Landbevölkerung", kann man da nur sagen, wenn lediglich einmal wöchentlich der Bankbus vorbei kommt. „Bedauernswerte Arbeitnehmer", muss man hinzufügen, wenn die nächste Filiale kilometerweit entfernt ist. „Gestresste Rentner" darf man zudem nicht vergessen, wenn der Automat überfordert.

Wie wehren sich die Bürger am besten gegen die Zinsenteignung? Erstens durch Seelenmassage bei ihrem lokalen Politiker, damit der sich nicht weiter hinter „der Unabhängigkeit der EZB" versteckt.

Leserbriefe an Zeitungen

Zweitens durch Leserbriefe an die Zeitungen, damit die sich verstärkt für die Interessen ihrer Abonnenten einsetzen. Und drittens durch die bereits erwähnten Kostensenkungen, die den Bürgern höhere Sparraten ermöglichen.

Dabei werden die Kirchen nicht ungeschoren davonkommen. Sie leiden bereits heute unter zunehmenden Kirchenaustritten enttäuschter Mitglieder. Wenn eine Kündigung aber auch noch zu einer Steuerersparnis führt, dürfte das zusätzlich motivieren.

Die fütternde Hand nicht beißen

Doch Vorsicht. Mit einem Kirchenaustritt kann man jährlich nur in wenigen Fällen 6.000 Euro sparen. Aber zwischen 700 Euro und 6.000 Euro jährlich dürfte die individuelle Kirchensteuer häufig liegen. Denn sie beträgt je nach Bundesland 8 % bzw. 9 % der Einkommensteuer.

Die Sparer werden egoistisch. Sie erinnern sich an den Spruch, dass man die Hand, die einen füttert, nicht mehr als dreimal täglich beißen sollte. Deshalb wollen sie künftig niemand wählen oder bezahlen, der sich nicht für ihre Interessen einsetzt.

Zuerst erschienen in www.finanz-blog-online.de

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.