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"Bildung für ein Mädchen in Armut schadet Terroristen mehr als irgendeine Bombe"- warum die Parteien über Fluchtursachen sprechen sollten

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ARMUT
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Stephan-Exo-Kreischer, der Direktor von ONE in Deutschland, spricht im Interview darüber, warum Entwicklungspolitik im Wahlkampf eine Rolle spielen muss.

Afrika erlebt gerade einen Bevölkerungsboom. Bis 2050 wird sich die Bevölkerung dort auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln. Die Hälfte wird dann jünger sein als 25 Jahre.

Das kann ein großes Problem sein oder eine Riesenchance - je nachdem, ob die internationale Gemeinschaft zusammen mit den Ländern Afrikas in diese junge Generation investiert. Wer das als afrikanisches Problem versteht, hat nichts verstanden.

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Ein Zahlenbeispiel, um zu erläutern, warum uns das ganz direkt betrifft: Vor dem Bürgerkrieg in Syrien lebten dort rund 21 Millionen Menschen. Die Hälfte von ihnen ist nun auf der Flucht. Die Folgen spüren wir auch hierzulande.

Perspektivlosigkeit ist das beste Konjunkturprogramm für Terrorismus

Wenn ein Land wie Nigeria, das 186 Millionen Einwohner hat, unter dem Terror von Boko Haram weiter destabilisiert wird, wären die Konsequenzen viel weitreichender - für Nigeria, seine Nachbarländer und letzten Endes auch für uns. Perspektivlosigkeit ist das beste Konjunkturprogramm für Terrorismus.

Mehr zum Thema: Ich arbeite als Psychologe mit Flüchtlingen - und frage mich, woher sie die Kraft zum Weiterleben nehmen

Um hier gegenzusteuern, benötigen wir Investitionen in Bildung, Gesundheit und die ländliche Entwicklung. Es müssen Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Bürger*innen müssen außerdem in die Lage versetzt werden, an politischen Prozessen teilzuhaben. In zwei Tagen haben wir die Wahl: Entscheiden wir uns für mutige Politiker*innen, die verstehen, dass nationale Lösungen keine globalen Herausforderungen bewältigen können - oder nicht?

Die Fluchtursachenbekämpfung sollte zum Wahlkampf der Parteien gehören

Themen um Flucht und Migration wurden sehr stark debattiert, nicht nur im TV-Duell zwischen der Kanzlerin und ihrem Herausforderer. Die ganze Debatte um Geflüchtete wird sehr emotional und teilweise hitzig geführt. Ich würde mir mehr Optimismus wünschen. Wir müssen auch die Möglichkeiten großer Herausforderungen sehen und nutzen.

Beispiel Bevölkerungsboom: Wird diese Entwicklung positiv gestaltet, können wir eine sogenannte demografische Dividende erzielen. Steigt der Anteil der Erwerbstätigen im Vergleich zur Zahl der von ihnen abhängigen Menschen - meistens Alte und Kinder - und treibt die Weltgemeinschaft zusammen mit den afrikanischen Ländern die richtigen Investitionen voran, dann können wir uns auf ein richtiges Wirtschaftswunder in Afrika gefasst machen.

Die Weltwirtschaft könnte einen Wachstumsmotor "made in Africa" gut gebrauchen. Deutschland kann dabei mit seiner starken Position in der EU, der G7 und der G20 eine entscheidende Rolle spielen.

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Die jungen Menschen vor Ort brauchen eine andere Perspektive als den Islamischen Staat

Wir beobachten, dass viele sicher geglaubten Werte wieder unter Beschuss stehen. Diese Entwicklung bereitet uns natürlich Sorge. US-Präsident Donald Trump beispielsweise wird nicht müde zu betonen, wie wichtig die Bekämpfung des internationalen Terrorismus sei.

Seine Budgetpläne sehen eine Steigerung des Militärhaushalts vor, und gleichzeitig eine radikale Kürzung der Entwicklungshilfe um knapp 30 Prozent. Nicht nur wir als NGO kritisieren dies. Auch hochrangige US-Militärs sehen diese Entwicklung sehr kritisch, weil sie wissen, dass Terrorismus nicht alleine mit Waffen besiegt werden kann.

Die jungen Menschen vor Ort brauchen eine andere Perspektive als den Islamischen Staat oder Boko Haram. Wir tun alles in unserer Macht stehende, um hier Überzeugungsarbeit zu leisten. Auch dank unzähliger zäher Gespräche, die wir mit vielen US-Politiker*innen geführt haben, konnten wir bewirken, dass der US-Kongress, der über das Budget entscheidet, Trumps Radikalkürzungen abgelehnt hat. Das zeigt, dass es sich auszahlt, mit allen Beteiligten zu sprechen.

"Bildung für ein Mädchen in Armut schadet Terroristen mehr als irgendeine Bombe"

Die Förderung von Bildung zum Beispiel ist immer gut investiertes Geld - insbesondere für Frauen und Mädchen. Weltweit haben immer noch 130 Millionen Mädchen keinen Zugang zu Bildung. Je stärker ein Land von Armut betroffen ist, desto härter ist das Leben dort für Mädchen und Frauen. Dabei profitieren alle, wenn Frauen und Mädchen gestärkt werden.

Mehr zum Thema: "Ich will keine Toten mehr zählen" - was ein Flüchtlingshelfer allen G20-Staatschefs zu sagen hat

Würden in Entwicklungsländern genauso viele Mädchen wie Jungen die Schule besuchen, könnte das einen jährlichen Gewinn im Gegenwert von bis zu 152 Milliarden US-Dollar in Entwicklungsländern freisetzen. Gerade in Gebieten wie Nordost-Nigeria, die von bewaffneten Konflikten geprägt sind, gibt es großen Handlungsbedarf.

Der republikanische US-Senator Lindsay Graham bringt es auf den Punkt: "Bildung für ein Mädchen in Armut schadet Terroristen mehr als irgendeine Bombe".

Am kommenden Sonntag ist Bundestagswahl. Wen soll ich wählen, wenn ich extreme Armut beenden will?

ONE ist überparteilich und steht keiner politischen Organisation nahe. Das macht unsere Arbeit aus, denn es ist für uns wichtig, mit allen demokratischen Parteien im Gespräch zu bleiben. Was wir allerdings anbieten, ist unser Kandidat*innen-Check zur Bundestagswahl.

Das ist eine Wahlhilfe für alle, die wissen wollen, welche Bundestagskandidat*innen sich für den Kampf gegen Armut und Hunger, für Investitionen in Gesundheit und Bildung, für Transparenz und die Stärkung von Frauen und Mädchen in der Welt aussprechen.

Über 500 Kandidat*innen bekennen dort bereits Farbe, indem sie öffentlich den Artikel ONE unterzeichnet haben - und es werden jeden Tag mehr. Unter dem Motto "Weil Armut ungenießbar ist" haben wir kürzlich dazu eine Aktion durchgeführt, bei der wir Kanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Martin Schulz auf einem Boot mit Strohhalmen aus der Spree haben trinken lassen.

Das Ziel war, das kommende Regierungsoberhaupt aufzurufen, sich stark zu machen für den Kampf gegen extreme Armut - und natürlich aufmerksam zu machen auf unseren Kandidat*innen-Check zur Bundstagswahl.

Wer wissen will, welche Kandidat*in aus dem eigenen Wahlkreis bereits dabei ist, kann das ganz einfach hier nachgucken.

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Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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