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Ich bin schwul und Muslim - das wünsche ich mir von meiner Familie

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Mein Bruder erzählte mir neulich von einem Gespräch zwischen seinem Sohn und dessen Cousine - der Tochter unserer Schwester. Mein Neffe hatte seiner Cousine verkündet, er wolle später einmal wie ich sein. Sie entgegnete ihm: "Du willst also SCHWUL werden?"

Mein Herz brach in zwei Hälften, als ich das hörte. Nicht nur, weil meine Nichte mich in diesem Licht sah. Sondern auch, weil es repräsentativ dafür stand, was andere Menschen von mir dachten.

Dass ich schwul bin, weiß mein Neffe nicht. Und da er von klein auf lernte, dass Schwul-Sein etwas Schreckliches sei, wurde er in meinem Namen sauer auf seine Cousine. Er fragte sie, wie sie so etwas über ihren Onkel sagen könne.

Ein weiterer Grund, warum ich so erschüttert war. Er würde mich anders sehen, wenn er die Wahrheit herausfände.

Mein Bruder musste also einen Weg finden, seinem Sohn zu erklären, dass die Aussage seiner Cousine nicht wörtlich gemeint war.

So viel Scham verspürt meine Familie für mich. Dabei habe ich immer schon versucht, liebevoll und unterstützend mit meinem Bruder umzugehen.

Ich war nie Teil der Gruppe

Warum erscheint ihm meine Homosexualität dann so viel wichtiger als all die Male, wo ich ihm ein guter Bruder war? Warum ist er nicht stolz auf meine Güte, sondern schämt sich dafür, was andere denken oder sagen könnten?

Es schmerzt, zu sehen, wie er mich für selbstverständlich hält. Es schmerzt, dass er mich so verurteilt. Und es schmerzt besonders zu sehen, wie er seinen Sohn dazu erzieht, weniger mitfühlend zu sein, als er es von Natur aus wäre.

Es ehrt mich, dass mein Neffe so sein will wie ich. Es ist wie eine Bestätigung von Gott. Ich habe immer versucht, ein guter Einfluss in seinem Leben zu sein, hatte aber keine Ahnung welchen Eindruck ich bei ihm hinterließ. Dass er zu mir aufsieht, ist eine große Ehre. Ich hoffe, er tut das, weil er mich als wertvoll erachtet. Weil ich ihm Liebe und Zuneigung zeige. Ich hoffe, er tut es, weil ich sein Leben besser mache.

Und weil ich ihn in seinen Träumen unterstützen und ihm zeige, dass er Dinge erreichen kann, die er sich nicht einmal vorstellen kann.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

Ich bin ohne Onkel und Tanten groß geworden - ohne Großfamilie. Aufgrund der religiösen und rassistischen Intoleranz meiner Familie wuchs ich auch ohne Freunde auf. Weil ich mich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlte, war ich davon überzeugt: Auf der Welt gibt es niemanden wie mich.

Ich war nie Teil der Gruppe. Für meine Nichten und Neffen möchte ich so viel mehr.
Ich möchte, dass sie Liebe, Freundschaft und Akzeptanz erfahren. Dass sie ihr Selbstbewusstsein kennen. Ich möchte, dass sie Courage und Durchsetzungsvermögen kennen. Ich möchte, dass sie wissen, dass ihr Onkel sie liebt. Es ist meine Aufgabe, diese Beziehung zu pflegen und ihnen zu zeigen, dass ich für sie da bin.

Meine sexuelle Orientierung erwähnte ich ihnen gegenüber mit keinem Wort. Mein Bruder wollte es nicht. Er lehnt es ab, dass ich mich selbst als schwulen Mann akzeptiere. Er findet es falsch, dass ich ein Leben anstrebe, das wie seines aussieht. Denn ich teile nicht seine Orientierung. Er erwartet von mir, seine Ehe zu respektieren, setzt meine Ehe jedoch herab.

Er stellt sicher, dass seine Kinder die gleiche Einstellung gegenüber homosexuellen Menschen einnehmen, die er hat. Er erzählt seinen Kindern bewusst nichts von der Orientierung ihres Onkels, den sie als gütigen und gläubigen Muslim kennen. Denn das würde nicht mit der Intoleranz zusammenpassen, die er seinen Kinder beibringen möchte.

So erschüttert mich am meisten, dass mein Bruder meine Beziehung zu seinen Kindern damit erheblich einschränkt.

Dass das erste, was ihr in den Sinn kam, mein Schwul-Sein war, frustriert mich

Seine Ansichten frustrieren mich. Sie scheinen ihre Wurzeln in genau den Punkten zu haben, die wir laut dem Koran vermeiden sollten: An Dinge zu glauben, die entgegen der Vernunft sind, an Ideen festzuhalten, die unbeständig sind. Traditionen blind zu folgen, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen und Männern einen Götterstatus zu verleihen, indem man ihre Meinung genauso gewichtet wie das Wort Gottes.

Meine Schwester und ihr Mann akzeptieren mich. Obwohl ich nicht wirklich sagen kann, dass mich das beruhigt. Denn diese Akzeptanz beruht nicht auf einer geteilten Ansicht, was normal ist und was nicht. Meiner Meinung nach fehlt es ihnen an dem, was der Koran von uns allen erwartet: Gründlicher Überlegung. Nichtsdestotrotz schätze ich ihre guten Intentionen.

Auch mit ihren Kindern habe ich aber noch nie über meine Orientierung gesprochen. Deshalb wundert es mich, wie ihre Tochter darauf kam. Der Einstellung ihrer Eltern zufolge dachte ich immer, sie fände Homosexualität völlig normal. Aber der abwertende Ton in ihrer Stimme, als sie sagte: "Du willst SCHWUL werden?", sagte etwas anderes. Wie entmutigend.

Mehr zum Thema: Drei schwule Geistliche über ihr Verständnis von Homosexualität in Islam, Judentum und Christentum

Ich frage mich, wie sie dazu gekommen ist, meine Orientierung abzuwerten. Ebenso frage ich mich, warum sie von all den Dingen, die sie von mir wusste, genau diese Eigenschaft betonte. Jemand, den ich immer liebevoll und unterstützend behandelt habe, spricht von mir als Schwuler - nicht als Onkel, als Freund oder als eine rücksichtsvolle und sittliche Person.

Ihr Cousin sagt, er wolle mal so werden wie ich, wenn er groß ist. Warum hat sie ihn nicht gefragt: "Willst du lustig oder abenteuerlich, ein Ingenieur oder Schriftsteller werden?" Der Gedanke, dass die erste Sache, die ihr in den Sinn kam, mein Schwul-Sein war, entmutigt mich. Wieder einmal wurde ich für eine Eigenschaft verurteilt, die ich mir nicht ausgesucht habe und über die ich nicht definiert werden will.

Schwul-Sein ist keine Charaktereigenschaft

Schwul Sein ist keine Charaktereigenschaft. Es mag offensichtlich für andere sein, dass ich schwul bin. Aber es macht mich sicherlich nicht aus. Niemand soll mich danach einschätzen. Die Leute sollen mich nach dem definieren, was ich entscheide.

Mein Neffe fällte ein Urteil, das auf meine Taten basierte. Und das ist richtig so. Ich bin dankbar dafür. Doch am Ende erinnern mich die Worte meiner Nichte daran, wie oft eine Eigenschaft, die ich mir nicht ausgesucht habe, all die anderen Seiten von mir in den Schatten stellt. Und das zerbricht mir das Herz.

Ich habe mich entschieden, Muslim zu sein. Ich habe mich entschieden, mitfühlend zu sein. Mich um andere zu kümmern. Ich habe mich entschieden, zu reisen, zu fotografieren, zu schreiben, zu lesen, Fahrrad zu fahren, gute Taten zu vollbringen, Dinge zu hinterfragen und nach Gottesbewusstsein zu streben. Ich habe mich entschieden, keinen Alkohol zu trinken. Ich respektiere andere und versuche, das Leben auf die beste Art zu leben. Ich scheitere oft.

Ich bin nicht perfekt. Aber Güte strebe ich bewusst an. Das Schwul-Sein nicht.

Das Gespräch zwischen meinem Neffen und meiner Nichte zeigt eines der Hauptprobleme, mit denen homosexuelle Männer und Frauen tagtäglich konfrontiert werden. Egal, wie wir uns selbst definieren, wir werden viel zu oft von anderen definiert - und das gegen unseren Willen.

Meine Anziehung zu Männern ist einer der letzten Charakteristika, die ich anderen preisgebe. Denn damit sind meistens Diskriminierung und Vorurteile verbunden. Sogar unter denen, die scheinbar vollkommen tolerant sind.

Egal, wie hell das Licht in mir leuchtet, viele Menschen wenden sich mit Abscheu ab

Als gläubiger Muslim, der seine eigene Homosexualität akzeptiert, fühle ich mich alleine auf einer einsamen Insel. Wenn ich meine Homosexualität anderen Muslimen mitteile, denken die meisten, ich wäre ein nicht-praktizierender Muslim. Sie wollen nichts mit mir zu tun haben.

Schwul zu sein, übertrumpft alles andere, was ich bin. Egal, wie hell das Licht in mir leuchtet, viele Menschen wenden sich mit Abscheu ab.

Es passiert immer noch, dass die Homosexualtät meine gewählten Eigenschaften überschattet.

Ich bin ein Muslim, der womöglich in vielerlei Hinsicht konservativer ist als viele Hetero-Muslime.

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Aber bin ich stolz darauf, mich zu Männern hingezogen zu fühlen? Nein, weil ich es mir nicht ausgesucht habe. Warum sollte ich stolz auf etwas sein, das ich mir nicht als Verdienst anrechne? Genau aus diesem Grund schäme ich mich auch nicht dafür.

Je mehr meine Familie Homosexualität zu einem definierenden und einschränkenden Faktor in unserer Beziehung macht, desto mehr motivieren sie mich, mutiger und offener zu sein.

Die Ironie der Geschichte: Sie sind am Ende die Katalysatoren meiner Verfechtung für eine Welt, in der schwule Muslime mehr Akzeptanz und Wertschätzung erfahren.


Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der HuffPost US und wurde von Meltem Yurt aus dem Englischen übersetzt.

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