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Das wird nichts mit Zukunft und dieser Politik!

22/11/2017 11:21 CET | Aktualisiert 22/11/2017 11:21 CET
Bloomberg via Getty Images

Brexit, Trump, AfD... und jedesmal tun alle überrascht. Ich bin zwar nur wenig politisch, aber aus meiner Metaperspektive kann ich die Überraschung nur wenig nachvollziehen. Solche Wahlergebnisse sind logisch. Sie sind ein Symbol dafür, dass die Politik nicht mehr in der Lage ist, zukunftsträchtige Lösungen zu präsentieren.

In einer stark dynamischen Zeit mit rasanten technologischen Fortschritten sind progressive Schritte zur aktiven Mitgestaltung dieses Wandels gefragt. Es mag sein, dass vereinzelte Politiker sich solche zukunftsweisende Schritte wünschen, aber die Politik ist dazu systembedingt nicht in der Lage. Ich frage mich immer mehr, ob sie in ihrer heutigen Ausprägung ausgedient hat. Denn zwei zentrale Aspekte hindern die heutige Politik effektiv zu sein.

1. Die Politik ist ein reaktives System

Nur wer die Meinung der Maße abbildet, wird gewählt und darf regieren. Nun ist es aber so, dass sich die breite Maße vor zu viel Wandel fürchtet. Sie will ein Gefühl von Sicherheit durch Stabilität. Sie will den Status Quo aufrecht erhalten, weil sie Angst vor Verlusten hat.

D.h. möchte eine Partei vorangehen und neue Wege ausprobieren, dann hat sie in unserem heutigen politischen System keine Chance, an die Macht zu kommen. Eine regierende politische Partei muss stabilisierende Lösungen präsentieren, die den Ist-Zustand erhalten und die Maße ansprechen. Und das in einem Umfeld von rasanter Dynamik und Fortschritt. Das geht leider je länger je mehr nicht auf.

Im Wirtschaftsumfeld kann man den Markt mit radikal neuen Produktideen bespielen. Zu Beginn werden nur Early Adopters das Produkt benutzen. Mit der Zeit kommen immer mehr dazu, bis sich das Produkt auf dem Markt etabliert hat. Genau dieser Prozess funktioniert auf der politischen Bühne nicht.

Sprichst du nur progressiv eingestellte Bürger an, wirst du nicht in die Regierung gewählt. Du kannst neue Ideen, wie z.B. ein bedingungsloses Grundeinkommen erst dann platzieren, wenn sie massentauglich sind. Aber wie sollen sie massentauglich werden, wenn du dich ins Abseits schießt, wenn du dich dafür aussprichst.

Das dauert irrsinnig lange, zu lange. Das Dilemma der Politik: Die zunehmend herausfordernde politische Lage erfordert progressive Lösungen, aber nur mit konservativen Programmen gewinnt man Wahlen.

2. Die Politik kann sich selber nicht ersetzen

Im Wirtschaftsumfeld sprechen wir häufig von den alten Konzernen, die durch Startups und ihren disruptiven Innovationen vom Markt verdrängt werden. Disruptive Innovation ist in aller Munde. Aus meiner Sicht ist das eine tolle Dynamik, dass neue Player neue und bessere Wege aufzeigen können und dadurch die großen etablierten Player verdrängen können. Was aber viele vergessen, ist dass diese Mechanismen, die zu disruptiver Innovation führen, auf der politischen Ebene komplett fehlen. Ich kann nicht eben mal ein Deutschland 2.0 gründen, das parallel zu dem bestehenden System mit einer "Alles auf einer Karte"-Attitüde was radikal neues aufsetzt. Die große Last der Politik ist, dass Veränderung immer beim bestehenden System ansetzen muss.

Vielmehr sogar ist Scheitern keine Option, denn das System muss immer funktionsfähig bleiben. Es gibt kein Konkurrenz-System, auf das man bei Problemen eben so ausweichen kann. Das zwingt die Politik im Bewahrungsmodus zu agieren, sie verwaltet nur. Es wird an vergangenen Lösungen festgehalten, obwohl mit Sicherheit schon längstens effektivere Lösungen resultieren würden, wenn man sich diese von Grund auf neu ausdenken könnte.

Das Problem der Politik ist, dass sie sich selber nicht ersetzen kann. Politik ist vergleichbar mit einem angestaubten Konzern, der ab und an seinen Vorstand austauscht, der aber wegen den Altlasten nichts anrichten kann. Und das schlimmste dabei, dieser Konzern kann wegen seiner Monopolstellung nicht untergehen.

Die Politik wird zunehmend von der Wirtschaft abgehängt

Die aufgeführten Systemstarrheiten haben zur Folge, dass die Politik von der Wirtschaft zunehmend abgehängt wird. Es fühlt sich so an, als leben wir in einer Welt mit zwei Geschwindigkeiten. Zum einen die Wirtschaft und Technologie, die nach vorne rasen müssen, um sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Zum anderen die Politik, die absichern und bewahren möchte. Dadurch distanzieren sich diese zwei Sphären immer mehr voneinander und sind kaum mehr aufeinander abgestimmt.

Ob das die Bildung ist, die immer noch auf dem Stand von vor 150 Jahren ist, aber eigentlich junge Menschen auf den Arbeitsmarkt der Zukunft vorbereiten sollte. Oder ob das die politische Agenda ist, die krampfhaft versucht bestehende Arbeitsplätze zu retten, statt endlich damit anzufangen, neue Arbeitsplätze und damit eine zukunftsfähige Wirtschaft zu schaffen.

Die Politik befindet sich so in einem Teufelskreis. Da sie massentauglich sein muss, darf sie nicht progressiv sein. Das führt aber dazu, dass nicht nur die Politik, sondern auch zunehmend Teile der Gesellschaft abgehängt werden. Diese werden natürlich dann noch angstgeriebener wählen, also muss die Politik noch konservativer werden.

Was mich in dieser ganzen Geschichte am meiste stört ist die politische Elite, die eine Absicherungspolitik fährt und dadurch verantwortlich für die zunehmend Abgehängten ist, sich dann aber gleichzeitig daran stört, dass diese Abgehängten angstgetrieben eine AfD wählen. Aber das nur so am Rande.

Wer will schon mit Merkel auf dem Balkon über Kompromisslösungen feilschen?

Ein weiterer Aspekt, der die Problematik zunehmend verschärft, ist dass eine starre abgehängte Politik für junge Menschen wenig attraktiv ist. So ist es für mich wenig überraschend, dass die meisten Parteien immer mehr Schwierigkeiten haben, brauchbaren Nachwuchs zu finden. Politik zieht große Persönlichkeiten nicht mehr an, sondern stößt sie ab.

Wenn ich eine junge dynamische Persönlichkeit bin, die diese Welt weiter bringen möchte, was will ich dann? Zieht es mich in die kreative Startup-Szene, wo ich mich mit den bahnbrechenden Zukunftsthemen beschäftigen darf und wo ich ausprobieren, machen und frei gestalten darf?

Oder will ich mit Merkel auf dem Balkon stehen und in elend langen Sitzungen über Bagatellen der Vergangenheit feilschen, um mit einer weichgespülten Kompromisslösung in einem starren bürokratischen System Veränderung anstoßen zu wollen?

Und dazu kommt: Im streng hierarchischen politischen System ist der Kaffeeklatsch mit Merkel auf dem Balkon erst der Jackpot nach jahrelangem Hocharbeiten in der Lokalpolitik, wo man sich über Verkehrsschilder im Quartierzentrum zankt. Vielleicht ist mein Bild der Politik auch zu negativ?

Für mich zumindest ist die Antwort klar. Es geht in die Startup-Szene und im schlimmsten Fall sogar weg von Deutschland, weil sie von der Deutschen Politik überhaupt nicht gefördert wird. Brain Drain par Excellence.

Wir müssen uns bewegen! Auf die Politik ist kein Verlass

Was ist eigentlich meine Botschaft? In der Politik muss sich vieles möglichst schnell bewegen. Damit das geschieht sind erstmals wir, die Gesellschaft, gefragt. Die Politik ist reaktiv, also bewegt sie sich erst, wenn wir uns bewegt haben. Wir müssen vordenken, wir müssen den Wunsch nach Fortschritt äußern, wir müssen mutig sein.

Auf die Politik ist kein Verlass, dass sie uns erfolgreich durch die Zukunft navigieren wird, wenn wir sie dazu nicht zwingen. Nur Unzufriedenheit äußern reicht nicht, wir müssen selber Alternativen diskutieren und präsentieren. Und vor allem dürfen wir das nicht nur in abgehobenen elitären Kreisen tun, sondern der Dialog muss dringend mit den Abgehängten geschehen.

Die müssen abgeholt und mitgenommen werden. Wir müssen mehr Einheit schaffen. Wir müssen der Politik, das Gefühl vermitteln, dass wir diese alternativen Wege auch wirklich als Gesamtgesellschaft gehen wollen. Dann erst wird die Politik folgen.

Und die Politik? Nur Abwarten wäre ihr Naturell. Aber auch sie kann endlich anfangen sich zu hinterfragen. Alle Akteure können z.B. ihre Strukturen mal überdenken. Im Wirtschaftsumfeld wissen unterdessen alle, dass die zunehmende Dynamik neue Organisationsstrukturen erfordert. Warum diskutiert man im politischen Umfeld nicht darüber? Braucht es noch diese starren Hierarchien? Wie kriegt man auf der politischen Ebene Agilität hin?

Wie müssen sich Parteien neu strukturieren, damit sie für junge Leute wieder attraktiv werden? Ist das Parteisystem überhaupt noch das richtige? Warum wird in der Politik immer sehr stark binär diskutiert? Neues Gesetz einführen oder nicht? Alles oder nichts! Das ist meist viel zu riskant, also doch lieber weiter wie bisher. Und wieder stehen bleiben.

Lass uns doch einfach mal Dinge im kleinen ausprobieren. Die Politik muss sich mit Prototyping anfreunden, denn die Antworten zu all den großen Fragen kennen wir alle noch nicht. Und tut bitte nicht so, als würdet ihr sie kennen. Mehr Demut vor der offenen Zukunft führt zu mehr ausprobieren und schlussendlich zu einer geileren Zukunft für uns alle.

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