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Islamismus-Experte Olivier Roy: Dschihadisten haben keine Ahnung vom Islam

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SALAFIST
dpa
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Es ist gang und gäbe, den Dschihadismus als Erweiterung des Salafismus zu begreifen.

Nicht alle Salafisten sind Dschihadisten, aber alle Dschihadisten sind angeblich Salafisten, deshalb sei der Salafismus das Einfallstor zum Dschihadismus. Die religiöse Radikalisierung sei also die Vorstufe zur politischen Radikalisierung.

Der Irrtum

Es steht vollkommen außer Frage, dass diese jungen Radikalen aufrichtig gläubig sind: Sie glauben, dass sie ins Paradies kommen werden, und ihr ganzer Bezugsrahmen ist zutiefst islamisch. Sie schließen sich Organisationen an, die ein islamisches politisches System, ja sogar, im Fall des IS, das Kalifat wieder einführen wollen.

Der Irrtum besteht darin, dass man die Aufmerksamkeit auf die Theologie, also auf die Texte richtet.

Dschihadisten werden nicht gewalttätig, weil sie auf Texte schauen

Nun verhält es sich aber so, dass Dschihadisten nicht durch Nachdenken über bestimmte Texte gewalttätig werden. Sie verfügen nicht über die erforderliche religiöse Bildung und haben außerdem keinerlei Interesse an dieser Übung. Sie werden nicht radikal, weil sie bestimmte Texte falsch verstanden haben oder weil sie manipuliert wurden:

Sie sind radikal, weil sie radikal sein wollen, weil sie die schiere Radikalität verlockend finden.

Die mangelhafte religiöse Bildung der Dschihadisten ist offensichtlich

Egal welche Daten man auch heranzieht, die mangelhafte religiöse Bildung der Dschihadisten ist immer offensichtlich.

Die viertausend Dossiers über ausländische Rekruten des IS (...) zeigen, dass diese im Allgemeinen ein hohes Bildungsniveau haben (die meisten verfügen über einen Gymnasialabschluss), dass aber ganze 70 Prozent über sich selbst sagen, sie hätten nur grundlegende Kenntnisse über den Islam; bedenkt man, dass logischerweise die Rekruten aus Saudi-Arabien (wo religiöse Bildung Pflicht ist und ein sehr wichtiges schulisches Unterrichtsfach), Ägypten, Tunesien und Indonesien über den höchsten religiösen Bildungsgrad verfügen wer- den, dann dürften weit mehr als 70 Prozent der Westler lediglich Basiskenntnisse besitzen.

Mehr zum Thema: Hier werden Terroristen gemacht: Islamismus-Experte erklärt, wo sich die meisten Attentäter radikalisieren - Moscheen sind es nicht

Für Beobachter ist es bequem, sich auf Texte zu beziehen

Dass viele Beobachter sich lieber auf Texte beziehen hat zwei Gründe: Texte sind für einen "gelehrten" Forscher leicht zugänglich, er kann mit ihnen vom Schreibtisch aus arbeiten und muss sich nicht mit den imaginären Konstrukten eines Radikalen in Fleisch und Blut herumschlagen.

Vor allem aber sind Texte das einzige zum Feld des Religiösen Gehörende, das man sich heutzutage problemlos beschaffen kann. Die tief greifende Säkularisierung unser Gesellschaften und unseres Wissens bewirkt, dass man sich mit der Religion nur noch durch Texte auseinandersetzt und das, was ich "Religiosität" nenne, links liegen lässt.

Folglich ist Theologie gleichbedeutend mit der Interpretation von Texten innerhalb eines umfassenden Systems; so isoliert sie das Dogma von allem Übrigen: von der Emotion, dem Imaginären, der Ästhetik.

Gerade hier aber ist nicht die Religion, sondern Religiosität am Werk, die Art und Weise also, wie der Gläubige die Religion lebt und sich Elemente der Theologie und des religiösen Imaginären sowie religiöse Praktiken und Riten zu eigen macht, um für sich selbst ein transzendentes Konstrukt herzustellen. Im Fall des Dschihadisten führt eben dieses zur Verachtung des eigenen Lebens und des Lebens der anderen.

Dschihadisten kennen die Originalquellen nicht

Wenn die jungen Dschihadisten von "Wahrheit" sprechen, bezieht sich das nie auf diskursives Wissen: Vielmehr stützen sie sich auf ihre eigene Gewissheit, manchmal beziehen sie sich auch beschwörend auf Schuyūch, also auf Scheichs, deren Schriften sie allerdings nie gelesen haben. Als Wahrheit finden sie also nur das vor, was sie selbst hineingeben.

Diese Verbindung zwischen ihrem eigenen Imaginären und der Wissenschaft hängt mit zwei Umständen zusammen: der Terminologie und der brutalen und nicht diskursiven Aussage eines Verses oder eines Hadith, der aus maximal zwei Sätzen besteht (etwa der berühmte Vers
"Nehmt nicht die Juden und die Christen zu Verbündeten! Sie sind einer des anderen Verbündete").

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

Man ruft sich diese kurzen Texte zu (so wie die Roten Garden es mit Mao-Zitaten hielten), ohne sich je auf andere Texte zu beziehen und schon gar nicht, indem man nach einer umfassenderen Logik dieser Texte fragt.

Selbst Dschihadisten, die sich für gebildeter als andere halten, bleiben dieser schlagwortartigen Logik verhaftet, wie etwa Cédric, ein konvertierter Franzose, der während seines Prozesses Folgendes von sich gab: "Ich bin kein Tastatur-Dschihadist, ich bin nicht mit YouTube konvertiert. Ich lese die echten Gelehrten" (dabei kann er gar nicht Arabisch lesen und hat die Mitglieder seines Netzwerks im Internet kennengelernt). Und weiter: "Ich habe Beweise, dass dies das wahre Kalifat ist. Wir werden uns nicht verstecken, mein einziger Wunsch ist, dorthin auszureisen."

Die Radikalen sprechen weniger über Religion als Salafisten

Die Radikalen sprechen weniger über Religion als die Salafisten: Ihre Posts und ihre Texte kreisen mehr um die Tat als um die Religion.

Bei al-Qaida spielen religiöse Texte eine untergeordnete Rolle, in der Propaganda des IS sind sie zentral, und die Radikalen gebrauchen sie zum Zwecke der Beschwörung. Gelesen werden sie hauptsächlich im Internet: Al-Awlaki ist bei ihnen sehr beliebt, weil er auf Englisch publiziert.

Radikalisierte trinken Alkohol, treffen viele Frauen - Salafisten nicht

Dass die jungen Radikalisierten nicht salafistisch sind, zeigt sich zuallererst an der Orthopraxie: Die Glaubensvorschriften, die fünf Gebete, die Speisegesetze spielen im Alltag keine Rolle. Man weiß ziemlich genau, wie sich die Terroristen in den Monaten vor ihrer Tat verhielten (die Brüder Abdeslam beispielsweise gehen in Clubs) oder auch was sie in den Stunden vor den Attentaten machten:

Die beiden Überlebenden Abaaoud und Abdeslam halten sich nicht mit Beten auf und verschwenden auch keine Zeit mit der Suche nach einem Halal-Sandwich, überdies unterhalten sie sexuelle Beziehungen zu mehreren jungen Frauen.

Für Salafisten gibt es keine Abkürzung ins Paradies

Für einen Salafisten aber lässt sich ein laxes Befolgen der strengen Alltagsregeln durch nichts rechtfertigen, abgesehen von den in der Scharia festgelegten Ausnahmen. Wenn der Tod bevorsteht, befreit das nicht von der Ehrfurcht vor dem Gesetz, ganz im Gegenteil.

Für junge Salafisten gibt es keine Abkürzung ins Paradies. Die jungen Radikalen hingegen verzichten auf der Suche nach der Abkürzung auf die reguläre Glaubenspraxis. Für die Salafisten (und übrigens für viele andere Muslime) hat die Befolgung des Gesetzes vor allem einen pädagogischen Charakter: Sie reinigt und bereitet auf das Jüngste Gericht vor.

Das Leben hat einen Wert und eine Funktion: die Vorbereitung auf das Jenseits. Deshalb ist es auch unmöglich, das Leben zu verachten und den Tod zu lieben, denn das Leben ist ein Geschenk Gottes an den Gläubigen, damit er dadurch zum Heil gelange. Christlich ausgedrückt befreit die Gnade, die schon empfangen wurde, nicht vom Gesetz.

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Wie bereits gesagt hat auch die Beziehung der Radikalen zu Familie, Ehefrauen und Kindern nichts Salafistisches an sich: Sie lehnen ihre Eltern ab, leben in relativer sexueller Promiskuität und verlassen ihre eben gegründete Familie, um sich töten zu lassen.

Der IS liefert ihnen eine bessere "Übersetzung", um ihre Beziehung zu Gewalt und Sex in religiöse Worte zu fassen, als der Salafismus, der puritanischer und weniger der Faszination der Gewalt erlegen ist.

Ihre Musik (Naschid und sogar verschiedene Formen des Rap und Hiphop) ließe viele salafistische Scheichs die Nase rümpfen. Sie kleiden sich entweder westlich oder als Mudschahid mit langem Haar. Kurz: Sie sind zwar gläubig, aber keine echten Salafisten.

Es gibt ähnliche Muster, aber keinen Kausalzusammenhang

Das soll nicht den Salafismus von seiner Verantwortung freisprechen (soziale Abspaltung und Schweigen zum Thema Gewalt), aber es zeigt, dass der Salafismus nicht die Quelle der Radikalisierung ist, auch wenn sein Erfolg auf den gleichen sozialen Mechanismen, den gleichen Auswirkungen der Generationenfrage beruht, die auch bei den Radikalen am Werk sind.

Denn der Salafismus rekrutiert seine Anhänger aus demselben Personenkreis wie die Dschihadisten: Angehörige der zweiten Generation und Konvertiten. Es gibt vergleichbare Muster, aber keinen kausalen Zusammenhang.

Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus Olivier Roys Buch "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod. Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors", das am 4. September im Siedler-Verlag erschienen ist.

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