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Hass und Rassismus unter Christen: Was die Kirche falsch macht

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OLIVIER NDJIMBITSHIENDE
Getty
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"Wir schicken Dich nach Auschwitz. Amen! Du Nigger!" Am 30. November 2015 lag eine Postkarte mit diesem Text im Briefkasten des Pfarrhauses in Zorneding. In meinem Briefkasten.

In den Wochen danach folgten zwei Briefe fast gleichen Inhalts, noch konkreter formuliert.

Und am Samstag 13. Februar 2016 stand einen ganzen Gottesdienst lang ein Mann vor dem Altar, der im Rathaus angekündigt hatte, dass ich nach diesem Gottesdienst nicht mehr existieren würde. Die Polizei stand daneben in der Sakristei und konnte nichts tun.

Was damals passiert war, hat halb Deutschland verfolgt: Ich hatte als gebürtiger Kongolese einen Artikel der damaligen CSU-Ortsvorsitzenden kritisiert, die von einer "Invasion" von Flüchtlingen sprach und davon, dass Bayern "überrannt" werde. Dann ging es los.

Wie können Christen so hassen?

Die meisten der Menschen, die in diese Geschichte verwickelt sind - der Briefeschreiber, die Pöbler, die CSU-Politikerin - sind Christen. Die meisten kamen sogar zu mir in den Gottesdienst.

Ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass sie so hassen. Das passte alles nicht.

Denn die Botschaft Jesu ist eindeutig: Liebe deinen nächsten wie dich selbst. Christsein besteht nicht darin, in den Gottesdienst zu gehen, sondern darin, dieses Gebot zu leben.

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In der christlichen Erziehung funktioniert etwas nicht

Und ich habe meine Antwort auf die Frage gefunden: In der christlichen Erziehung funktioniert etwas nicht und dafür ist grundsätzlich die Kirche verantwortlich.

Es stimmt etwas nicht damit, wohin sich die Kirche strukturell und theologisch entwickelt hat. Wir haben die Kirche Jesu Christi entstellt. Und das merkt man in der Art, wie wir Pastoral machen, also Seelsorge.

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Die Kirche hat sich gewaltig von der Lehre Jesu entfernt

Basis für alles, was die Kirche tut, muss die Lehre Jesu sein. Und davon hat sich die Kirche ganz gewaltig entfernt.

Beispiel priesterlicher Zölibat: Hat Jesus das gewollt? Ganz eindeutig nein. Er hat verheiratete und unverheiratete Männer zu Aposteln gemacht. Jetzt von den Priestern ausschließlich Ehelosigkeit zu verlangen, ist Hochmut, ist Anmaßung, denn dadurch stellt die Kirche Jesus unter sich, als ob er falsch gehandelt und gedacht hätte. Und doch hat er die Kirche gegründet und er allein ist Sohn Gottes, der Messias.

Beispiel Papst: Wir nennen sowohl Gott als auch den Papst "Heiliger Vater" (etwa im vierten Hochgebet der Messfeier). Das ist eine Vergöttlichung eines Menschen. Das geht doch nicht!

Beispiel Hierarchien: Wir haben die Kirche hierarchisch aufgebaut mit Kardinälen, Erzbischöfen und vielen mehr - statt geschwisterlich, wie Jesus es vorgelebt und ausdrücklich uns gesagt hat. "Nennt niemanden auf Erden euren Vater, nur einer ist euer Vater, der im Himmel, ihr alle seid Brüder."

Solche Widersprüche spüren die Menschen und treiben sie weg von der Kirche, die dadurch unglaubwürdig da steht. Und die Kirche hat auch im Konkreten Fehler gemacht:

Beispiel Bibelkreis: Wir haben lange Zeit die Bibelarbeit vernachlässigt. Christen müssen diese Lehren kennen und diskutieren, um sie im Alltag anwenden zu können. Wir müssen einen Weg finden, die Bibelkreise so zu gestalten, so anzubieten, dass sich die Menschen angesprochen fühlen.

Beispiel Gottesdienst: Wir haben die Bedeutung des Gottesdienstes überbewertet, diese rituellen Zusammenkünfte. Christsein heißt aber nicht in erster Linie, dass man in die Kirche geht, sondern dass man Liebe und Nächstenliebe im Alltag lebt. Und dabei müssen wir den Menschen helfen.

Beispiel Flüchtlinge: Der Münchner Kardinal hat die Verantwortung der Christen für die Flüchtlinge betont. Aber es genügt nicht, wenn nur der Kardinal laut redet und viele andere Geistliche still sind. Es ist die Aufgabe der Kirche, klar zu sagen, wenn Politik gegen Grundwerte verstößt.

Beispiel Rassismus: Selbst Menschen, die sich als Christen bezeichnen, rufen "Ausländer raus". Aber nach christlicher Auffassung ist jeder ein Ebenbild Gottes. Das heißt, wer einen anderen hasst, der hasst auch sich selbst. Damit haben alle verloren. Wir müssen Ausländerhass auch durch religiöse Aufklärung bekämpfen. Wir müssen uns so um die Menschen kümmern, dass sie sich nicht mehr von Radikalen einfangen lassen - egal, ob das nun Rassisten oder Islamisten sind.

Ich muss es so hart sagen

Ich weiß, das klingt hart für einen Geistlichen. Aber ich muss es hart sagen, damit es gehört wird. Ich kritisiere die Kirche, weil ich sie sehr liebe. Ich möchte, dass sie noch mehr Ausstrahlungskraft gewinnt und schließlich die Menschen zum Heil führt.

Die Kirche kann die riesigen gesellschaftlichen Aufgaben nicht alleine lösen. Die Politik muss dafür sorgen, dass es allen gut geht - den Benachteiligten aber auch allen anderen.

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Jeder Einzelne muss mitarbeiten. Das fängt schon damit an, dass er sich bewusst macht, dass er sich selbst lieben darf - und erst dann auch andere lieben kann.

Das ist eine immense Herausforderung. Und die Kirche muss Vorbild sein. Das ist ihre Berufung und ihre Mission.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

Seine Geschichte hat Olivier Ndjimbi-Tshiende, in seinem Buch "Und wenn Gott schwarz wäre ..." aufgeschrieben.

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