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Ein junger Franzose erklärt, wie ihn Emmanuel Macron endlich wieder für die Politik begeisterte

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OLIVIER
facebook/ en marche berlin
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Die französische Politik in der Zeit vor Emmanuel Macron war vor allem eines: total verkrustet.

Dabei ist Veränderung das, wonach sich gerade die jungen Menschen sehnen. Junge Menschen wie ich.

Deshalb habe ich vor circa eineinhalb Jahren En Marche! Berlin mitgegründet. Heute bin ich Mitte 30, seit vier Jahren in Deutschland und leite Macrons Bewegung in Berlin.

Wir jungen Auslandsfranzosen unterstützen von dort aus Macron, wir diskutieren mit unseren deutschen Freunden über Politik.

Damit ihr meine Begeisterung für Macron verstehen könnt, müsst ihr wissen, wie frustriert, wie enttäuscht ich und viele andere junge Franzosen vor seinem Aufstieg waren.

2007 hatte es noch so ausgesehen, als würde endlich etwas voran gehen. François Bayrou trat damals als Präsidentschaftskandidat der Union für die Französische Demokratie (UDF) an.

Viele waren begeistert von Bayrou, seiner kleinen Partei, seinem Versuch die Franzosen zu vereinen, indem er die traditionellen Rechts-Links-Lager auflösen wollte. Junge Wähler halfen, den Wahlkampf zu organisieren. So auch ich. Aber Bayrou schaffte es nicht in die Stichwahl.

Die Enttäuschung saß so tief, dass ich die Partei verließ und mir schwor, nie wieder etwas mit der Politik zu tun haben zu wollen. Zehn Jahre lang hatte ich keiner Partei mehr vertraut, keinem Kandidaten.

Dann kam Macron.

En Marche - Eine Organisation, die zum Dialog einlädt

Er hat mich direkt überzeugt. Schon als er unter François Hollande als Berater für Wirtschafts- und Finanzpolitik tätig war, sagte ich zu meinem Vater: Dieser Mann wird Präsident und er wird alles verändern.

Er hat eine Energie ausgestrahlt wie kaum ein anderer Politiker. Man spürte: Er war Visionär, nicht Bürokrat. Er hat nicht gesagt, was schlecht ist, sondern was wir gut machen können.

Damals war Macron noch kaum bekannt. Ohne Geld, ohne prominente Unterstützung und ohne Partei stürzte er sich in den Wahlkampf. Seine Kandidatur glich dem Kampf zwischen David und Goliath.

Er ist mit einer Bewegung angetreten, nicht mit einer Partei. Das heißt, es gibt all die verkrusteten Strukturen nicht. Nicht die Berufspolitiker, die sich seit Jahrzehnten im Kreis drehen.

Stattdessen hat er Menschen mit neuen Ideen aus verschiedenen Branchen dazu gebracht, gemeinsam über die Zukunft Frankreichs und der EU zu diskutieren. Das ist revolutionär.

Er hat klar gemacht, dass Frankreich die EU braucht - und umgekehrt. Damit hat er den Nerv von uns junge Menschen getroffen. Wir denken nicht mehr in Nationalstaaten wie noch unsere Eltern.

In Frankreich vertrauen 73 Prozent der 18- bis 29-Jährigen dem Konzept der EU. Bei den über 50-Jährigen sind es nur noch 50 Prozent.

Dieser Trend lässt sich in ganz Europa beobachten: Ungarns junge Wähler führen mit 81 Prozent die Liste der Pro-Europäer an. Die anderen Staaten fallen kaum unter 65 Prozent.
Das zeigt sich auch an den jüngsten Umfragewerten des Pew Research Centers.

Macron entscheidet nicht nach Ideologie, sondern pragmatisch. Ein Beispiel: Mehr als jeder fünfte junge Mensch in Frankreich ist arbeitslos. Aber wenn Konservativen zum Beispiel den Kündigungsschutz lockern wollte, damit sich die Arbeitgeber trauen, mehr Menschen einzustellen, wurde der Vorschlag von den Sozialisten als 'zu amerikanisch' abgestraft. Tradition war das Stichwort.

Die Deutschen Parteien sind nicht zukunftsorientiert genug

Ich habe viel mit jungen Menschen in Deutschland gesprochen. Und festgestellt, dass sich auch die Jugend in Deutschland verzweifelt eine Veränderung wünscht.

Martin Schulz (SPD) hatte es kurzzeitig geschafft, die Leere zu füllen. Als volksnaher Europa-Enthusiast traf er den Nerv der Zeit. Die jungen Wähler waren begeistert.

Aber er hat einfach keine konkreten Ideen geliefert und sich nicht genug von den veralteten Partei-Idealen distanziert.

Mehr zum Thema: Mit dieser Botschaft will der angeschlagene Martin Schulz auf Macrons Erfolgszug aufspringen

All das hat Macron getan und damit seine Wähler überzeugt.

Das würde vielleicht auch in Deutschland funktionieren, denn die Franzosen und die Deutschen sind sich sehr ähnlich.

Deutschland braucht vielleicht auch einen solch authentischen Politiker. Mit neuen Ideen, neuem Personal und einer neuen Perspektive.

Das Interview wurde geführt von Janina Zillekens

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(jg)