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Der Westen ist tot? Von wegen!

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TRUMP
Jim Urquhart / Reuters
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Überall ist zu vernehmen, mit der Wahl Donald Trumps sei das westliche Projekt zu Grabe getragen worden. Was fĂŒr eine angstgetriebene Weltsicht! Gerade der Westen lebt doch von der Selbstkorrektur.

"Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird." Was wĂŒrde in dieser Lage besser passen, als ein Zitat Winston Churchills? Ein Mann, der das viktorianische Zeitalter als Kind erlebte, der im ersten Weltkrieg die britische Marine kommandierte, der, als Europa kurz davor stand vom Atlantik bis Moskau faschistisch zu werden, den Krieg gegen Hitler aufnahm, der den Untergang des Empire erlebte und den Aufstieg Amerikas, blieb bis zum letzten Atemzug ein Optimist.

Churchill war kein hoffnungsloser Schönmaler. Die "britische Bulldogge", wie man ihn wenig liebevoll nannte, war sicher auch kein realitÀtsferner TrÀumer. Er wusste schlichtweg um die SelbsterneuerungskrÀfte seines Landes.

Er kannte die innere StÀrke einer Zivilisation, die Tradition, AufklÀrung, Herrschaft, Fortschritt und Demokratie geschickt zu verbinden vermochte. Und er siegte.

Der technologisch-wirtschaftliche Vorsprung des Okzidents ist weiterhin enorm

Die Wahl Donald Trumps zum 45. PrÀsidenten der Vereinigten Staaten ist nicht mal im Ansatz mit den Ereignissen zu vergleichen, die Churchill als Kind seiner Zeit oder Subjekt der Geschichte erleben beziehungsweise. gestalten musste.

Donald Trump ist nicht Adolf Hitler und 2016 ist nicht 1933. Der technologisch-wirtschaftliche Vorsprung des Okzidents ist weiterhin enorm. Und die Ideen, fĂŒr die er steht, sind - wenn auch unter massiven Druck geraten - verbreiteter und akzeptierter als noch vor hundert oder fĂŒnfzig Jahren.

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Das sollte man sich vor Augen fĂŒhren, wenn in vielen Redaktionsstuben und anderen Beobachterposten der euro-atlantischen Welt nun die weiße Fahne gehisst wird. "Eine Welt bricht vor unseren Augen zusammen", titelt der "Spiegel" online am Morgen nach der Wahl.

"Dies ist das Ende des Westens wie wir ihn kennen", heißt es bei der "Washington Post". Und in der "Zeit" weiß man sich sicher, die Wahl Trumps bedeute nicht nur das Ende des "amerikanischen Zeitalters", sondern komme sogar dem metaphysische "Ende der AufklĂ€rung" gleich. Welch' angstgetriebene Weltsicht!

Der Westen durchlebt SchubkrÀfte und Selbstkorrekturen

Ja, Donald Trump steht, seinen Äußerungen zu Folge, latent fĂŒr Sexismus, Nationalismus und Rassismus, statt fĂŒr universalistische Werte. Seine Aversion gegen die NATO und amerikanischen Internationalismus sprechen fĂŒr eine neo-isolationistische Außenpolitik. Trumps Strafzoll-Fantasien verkĂŒnden wohl das vorzeitige Ende des Freihandels westlicher Machart.

Und ja, die liberal-demokratische Weltordnung, mit ihren nationalen und internationalen Institutionen ist unter massiven Druck geraten. Aber was ist das schon - im Vergleich zu zweieinhalb Jahrhunderten Freiheitskampf? Allerhöchstens ein weltgeschichtliches Beben der Stufe drei oder vier: messbar, spĂŒrbar, leichte SchĂ€den. Aber reparierbar.

Es ist ja schon erstaunlich, dass gerade jene, die nun wie selbstverstĂ€ndlich Trauerlieder auf den angeblich untergehenden Westen anstimmen, seine historische Dialektik offenbar am wenigsten kennen. Heinrich August Winkler (dieser Mann hat immerhin mehrere Tausend Seiten ĂŒber die westliche Ideengechichte und deren Verwirklichung verfasst) sieht in der westlichen Entwicklung keineswegs eine gerade Linie, die von 1789 zu Barack Obama fĂŒhrt.

Der Westen durchlebt, so der Historiker, vielmehr SchubkrĂ€fte und Selbstkorrekturen: Die viel zu spĂ€te Abschaffung der Sklaverei und der Rassentrennung, der brutale Kolonialismus; all diese GrĂ€ueltaten stehen fĂŒr einen geistig-politischen Großraum, der entschlossen den Weg der Freiheit geht, die riesigen WidersprĂŒche und Fehler, die dabei hervortreten, aber erst in der (oftmals spĂ€ten) Auseinandersetzung mit sich selbst korrigiert.

Der Westen verÀndert sich - und das ist gut so

Man kann die ideenhistorische Dialektik des Westens noch breiter fassen: Hobbes brachte das Gewaltmonopol - und ermöglichte den Absolutismus; der Liberalismus setzte dem ein Ende und brachte Freiheit - und dennoch ermöglichte er massive Ausbeutung, was erst der Wohlfahrtsstaat zu korrigieren vermochte.

Ob man diese Geschichtsphilosophie mittrÀgt oder nicht, es zeigt sich: Der Westen durchlebt keine lineare Emanzipation, sondern zeichnet sich gerade durch seine innere Dynamik, seine Korrektur- und SelbstheilungskrÀfte aus. Er verÀndert sich - und das ist gut so.

FĂŒr was könnte also der Sieg Trumps sehen, wenn wir den Westen und seine Historie ernst nehmen, statt ihn apokalyptisch-pathetisch zu verklĂ€ren? Nun, offenbar fĂŒr die Auseinandersetzung mit der selbstinduzierten Globalisierung. Die Fragen, die jetzt aufbrechen, haben alle unmittelbar mit ihr zu tun: Was bedeutet das globale Wirtschaften fĂŒr die klassische Unter- und Mittelschicht unserer LĂ€nder?

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Ihre Wut und ihr Zorn sprechen dafĂŒr, dass sie beim großen Globalisierungsversprechen vergessen wurden. Die Frage, wie diese Gesellschaftsschichten reintegriert werden können, wird uns die nĂ€chsten Jahre, vielleicht Jahrzehnte begleiten.

Hinzu kommt: Was bedeutet die Globalisierung fĂŒr die Kultur und IdentitĂ€t unserer Nationen? Sind Multikulturalismus oder radikale Abschottung wirklich die einzigen Wege? Gibt es hier vielleicht Zwischentöne, wie etwa kontrollierte und demokratisch-streng bestimmte Einwanderungszahlen? Und wenn ja, ist es vielleicht wirklich so eine dumme Idee, eine Mauer zu Mexiko bauen zu wollen, ĂŒber deren Überquerung dann der amerikanische SouverĂ€n entscheidet?

Der Westen muss sich fundamental mit sich selbst beschÀftigen

Auch wenn man berechtigte Zweifel haben darf, dass Donald Trump fĂŒr diese westliche Konsolidierungsphase der richtige Mann sein wird: Seine Wahl beweist, dass jene, die nun als TotengrĂ€ber der AufklĂ€rung beschimpft werden, die institutionellen Möglichkeiten der liberalen Demokratie nutzen, um ihrem Frust Luft zu machen. Was ist das sonst, wenn nicht der nochmalige Beweis der westlichen Kraft zur Selbstkorrektur?

Der Westen muss sich - mal wieder - mit sich selbst beschĂ€ftigen - und zwar fundamental. Die Wirtschaftsbosse und GewerkschaftsfĂŒhrer, die MilitĂ€rstĂ€be und Zivilvereine, die Hollywood-Schauspieler und Popmusiker, die Schriftsteller und Journalisten, und insbesondere die linksliberalen und konservativen politischen Eliten, deren Vertrauensverlust unĂŒbersehbar ist: Sie alle mĂŒssen sich dem Zorn stellen, um Respekt und Kraft zurĂŒckzugewinnen.

Wenn dies gelingt, dann steht der Westen, mit Churchill gesprochen, grĂ¶ĂŸer und stĂ€rker auf, als er sich das jetzt vorstellen kann. So etwas zu prognostizieren hat nichts mit hoffnungslosem Optimismus zu tun, fĂŒr diese Zukunft sprechen zweieinhalb Jahrhunderte westlicher Geschichte.

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