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Captain Flint

23/08/2015 12:10 CEST | Aktualisiert 23/08/2016 11:12 CEST

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Es ist Sonntag im April. Ein stürmischer Tag auf der kanarischen Insel La Gomera.

Ich sitze in einem dunklen Wohnzimmer. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Um mich herum Mobiliar aus den 70er Jahren im altdeutschen Stil. Jagdtrophäen, ein Skelett, eine Schatztruhe, Säbel und Bücher. Ich bin nicht allein.

An meiner Seite sitzt er: Captain Flint. Kleine Brandlöcher, verursacht durch eine seiner geschätzt 120 Pfeifenmodelle, zieren seinen Bademantel.

Wir blicken gemeinsam auf die Wogen des Meeres und lauschen der Musik aus den 50er Jahren - alte Seemannslieder. Die Fenster sind verschlossen. Flint erträgt keinen Luftzug und so füllt sich der Raum im Pfeifendunst. Er bietet mir ein lauwarmes Bier an. "Weisste was?" beginnt er mir aus seinem Leben zu erzählen:

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Von seiner Ausbildung in der ehemaligen DDR zum Präparator von Leichen für das Studium der Medizinstudenten, dort von seiner Flucht im Jahre 1958, von all seinen Irrwegen bis er letztendlich eine Anstellung an der ehrwürdigen medizinischen Fakultät zu Tübingen erhielt.

Lange schwärmt er von einem seiner Hunde, der vor einem Jahr verstarb. "Er war mein bester Freund" murmelt er mit Tränen in den Augen. "Unser ganzes Leben haben wir Hunde gehabt. Immer Weimaraner. Sie waren für uns ein ständiger Begleiter."

Flint liebt die Pirschjägerei, meint aber, dass er damit inzwischen aufgehört hätte. Zum einen wäre er mit seinen knapp 78 Jahren zu alt dafür geworden, zum anderen hätten die Tiere doch auch ein Recht zu leben.

Wenn er einmal pro Woche auf seinen Spaziergängen am Meer - von seiner Frau und seinem kleinen Hund begleitet - gesehen wird, dann immer im selben Aufzug: ein praktischer Sitzstock gehören ebenso zu seinem Outfit, wie der Savannenanzug, den ich nur von Filmen aus Afrika kenne. Als Accessoire entsprechender Hut und Sonnenbrille.

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Irgendwie will sein Erscheinungsbild so ganz und gar nicht zu La Gomera passen. Warum eigentlich hat "Captain Flint" eine derartige Symbolik für ihn? So stark, dass er das im Nebenzimmer stehende Skelett so detailreich dekoriert hat? Frage ich mich.

Mir ist ein wenig übel und bin mir nicht ganz sicher, ob das an dem lauwarmen Bier liegt oder doch am Qualm seiner unentwegt brennenden Pfeife. Eigentlich mag ich den Duft, bitte ihn aber die Türe zu seinem kleinen Balkon ein wenig zu öffnen. Er stimmt mit einem kurzen Nicken und einem Seufzer zu. Wir treten beide hinaus.

Der Wind pfeift um die Ecke und Flint beklagt sich über das Wetter. Seit 1986 komme er nun nach la Gomera, um jeweils für einige Monate zu überwintern; aber so kalt und windig wäre es noch niemals gewesen. Das Einzige was ihm in solchen Momenten helfe, wäre seine kleine mobile Sauna, in der man es sich bei ca. 80 Grad recht gemütlich machen könne.

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Er streicht durch sein vom Sturm zerzaustes lichtes Haar und macht eine Andeutung, wieder ins Wohnzimmer zu gehen. Ich folge ihm, traue mich aber noch vorher, ihn nach der Bedeutung Captain Flints zu fragen.

"Flint war einer der berüchtigsten Piraten seiner Zeit gewesen. Schon als kleiner Junge liebte ich diese Geschichte und so habe ich mir mit dem Roman "Die Schatzinsel" einen Teil meiner Kindheit bewahrt." Entgegnet er.

Seine Einladung ihn und seine Frau das kommende Wochenende erneut zu besuchen, kann und will ich nicht ausschlagen. Zu sehr habe ich das Unikat des Menschen Flint schätzen gelernt. Seit unserem Kennenlernen haben wir uns so gut wie jeden Sonntag zum Frühschoppen getroffen.

Ich werde die drei vermissen, wenn sie in knapp zwei Wochen in Richtung Tübingen abgereist sind.

Danke Dir Captain Flint für die wundervolle Zeit.

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(c) alle Fotografien: Oliver Weber.

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